Der Kanadier Jeff "Ninjalicious" Chapman (1973 - 2005) ist in Deutschland zwar etwas unbekannt, gilt aber als einer der einflussreichen Mitbegründer der Urban Exploration Szene in ihrer heutigen Gestalt. Er stand dazu und engagierte sich in seinem Zine "Infiltration" und der gleichnamigen Internetseite für die Popularisierung des Hobbys und der damit verbundenen Einstellung. Sein Buch "Access All Areas" ist das erste seiner Art, und man braucht nicht einmal selbst Urban Explorer zu sein, um es zu lieben. Was man neben und hinter den praktischen Tipps bekommt, ist ein überraschend gut geschriebenes, scharfsinniges und demokratisches Buch über die Stadt. Es beschränkt sich nicht nur auf den Appell, die eigene Umgebung mit anderen Augen zu sehen, sie zurückzuerobern und daraus ein eigenes Abenteuer zu machen. Bei seinem Gang durch Bauwerke blickt Ninjalicious wirklich hinter die Fassade und zeigt, wie Architektur funktioniert, und die Menschen darin auch. Genau sein Menschenkenntnis, kompromissloses Respekt, Humor und seltenes Talent dazu, alles Einschränkende und Einschüchternde in seiner Anfechtbarkeit zu zeigen, machen das Buch interessant für viele: Egal ob Urban Explorer, SoziologIn oder einfach jemand, der eine ungewöhnliche und faszinierende Persönlichkeit kennen lernen möchte.
Der Ratgeber gliedert sich in zwei große Abschnitte. Der erste von ihnen ist allgemein und befasst sich mit dem, was bei der Vorbereitung und Durchführung eines Besuchs berücksichtigt werden muss. Neben Tipps zum Suchen nach Locations vor Ort und online wird ausführlich auf die eigene körperliche Fitness, die Größe und Zusammensetzung der Gruppe sowie die Kleidung und Equipment der Mitglieder eingegangen. Ähnliche Ratschläge findet man sicher in den Foren, aber auch diese Darstellung kann keinem schaden, weil sie schlau ist und auf wirklich langjährige Erfahrung basiert. Zu den wichtigsten Fragen stellt das Buch klare Regeln auf, Randthemen (etwa welche Tools und Gadgets in welchen Locations hilfreich sind) werden dagegen immer ausgewogen mit Vor- und Nachteilen dargestellt. Obwohl sich die Tipps hauptsächlich an AnfängerInnen richten, können, glaube ich, auch etwas erfahrenere Urban Explorer einiges für sich entdecken, woran sie vielleicht noch nicht gedacht haben. Ein weiterer Pluspunkt ist das immer präsente Thema Psychologie: Das eigene Auftreten, die Kommunikation mit Außenstehenden und innerhalb der Gruppe, das Verhalten in Konflikt- und Gefahrensituationen.
Im zweiten Abschnitt werden die populärsten Locationtypen einzeln in ihren Besonderheiten dargestellt (Gefahren aller Art, günstigste Zeitpunkte zu einem Besuch, Eingänge, Orientierung im Raum etc). Was man aber unbedingt wissen muss, ist dass Ninjalicious vor allem damit berühmt ist, dass er die bisherige Vorstellung von UE maßgeblich erweiterte. Sein Hauptinteresse galt nicht den Lost Places, sondern den in der Regel nicht öffentlich zugänglichen Bereichen genutzter Gebäude und Anlagen. Und darum geht es auch im Buch. Das Kapitel "Abandoned Sites' umfasst sage und schreibe 13 Seiten (so viele wie etwa das über Baustellen), was in einem Urban Exploration Ratgeber fast absurd wirkt. Informationen über sie sind zwar über das ganze Buch verteilt und das allgemeine Architekturwissen, das im längsten Kapitel "Active Sites" vermittelt wird, einigermaßen übertragbar. Aber ich glaube trotzdem, dass mindestens 50 zusätzliche Seiten und etwas mehr Differenzierung dem Buch sehr gut getan hätten. In den restlichen Kapiteln werden Kanäle, unterschiedliche Tunnelarten und ganz kurz am Ende verlassene Schiffe, Brücken, Türme, Fabrikschornsteine, Bunker und Minen besprochen.
Die kontrastreichen Farbfotos auf dem Cover vermitteln den Eindruck, dass solche auch im Buch enthalten sind, was aber nicht stimmt. Das ist kein Bildband und auch sonst kein Buch zum Thema Fotografie. Alle Abbildungen sind schwarz-weiß, in meist sehr schlechter Qualität und illustrieren das, womit Urban Explorer auf ihrem Weg konfrontiert werden oder sich nützlich machen können. Die wenigen Fotos von Locations sind rein dokumentarisch und haben keinen künstlerischen Anspruch.