Die hilfreichsten Kundenrezensionen
23 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Interessant, aber sehr zäh, 27. Dezember 2006
Rezension bezieht sich auf: Accelerando: Roman (Taschenbuch)
Stross' Roman ist Science Fiction im Wortsinn, also eine wissenschaftliche Vision. Der Tenor des Buches lautet: Wir werden tun, was uns möglich sein wird. Irgendwann in naher Zukunft wird es nach dem Denkmodell des Autors möglich sein, eine echte Mensch-Maschine-Schnittstelle zu schaffen, also Computertechnik direkt an das menschliche Gehirn anzubinden und sie später sogar zu integrieren. Die Menschen in Stross' Roman erweitern zunächst ihre Sinne, später werden sie kommunizieren können, ohne ihre Sinne zu nutzen, während sie "Agenten" ausschicken, die pausenlos auf der Suche nach Wissen und Lösungen sind. Diejenigen, die nicht mit Implantaten oder einem sogenannten Exocortex leben, manövrieren sich selbst ins Aus, während die anderen die Entwicklung immer weiter vorantreiben, allerdings nicht immer aktiv. Denn irgendwann wird sie Eigendynamik und -leben entwickeln: Künstliche Intelligenzen, Expertensysteme und kopierte Persönlichkeiten verlangen nach Gleichstellung, und etwas später wird der "mißratene Nachwuchs" selbst die Führungsrolle übernehmen. Aus Wirtschaftssystemen und künstlichen Körperschaften wachsen diffuse Völker, die darangehen, sämtliche im Sonnensystem verfügbare Materie in Computronium zu verwandeln, denkfähige Nanocomputer, die sich als sogenanntes "Matroschka-Gehirn" um die Sonne scharen, während die noch (jedenfalls zeitweise) im eigenen Körper existierenden Präposthumanen auf Habitate im Saturnring zurückgedrängt werden und der exponentiell angewachsenen Computerpower hilflos gegenüberstehen. Folgerichtig spielen die Menschen in diesem Buch ab einem gewissen Punkt keine entscheidende Rolle mehr. Letztlich geht es darum, zu dieser Einsicht zu gelangen, und genau diese Geschichte erzählt der Roman. Nach dem Eintreten der Singularität, dem vorläufigen Endpunkt der auf Menschen bezogenen Entwicklung, sind sie bestenfalls noch Statisten bei einem Schauspiel, das ihrer nicht mehr bedarf. Das Buch ist konsequent, weil es seine Figuren häufig vernachlässigt und den Leser mit einem Erzählmodell konfrontiert, das nicht immer leicht zu bewältigen ist. Genaugenommen geschieht in "Accelerando" wenig im Sinne herkömmlicher Romane. Es gibt zwar lange Dialoge und Handlungssequenzen, diese aber sind bruchstückhaft zusammengesetzt, enden zuweilen im Nichts und dienen bestenfalls der Reflexion; Personal verschwindet und taucht wieder auf, häufig ohne mittelbar erkennbaren Zusammenhang. Das Buch ist überfüllt mit technischen Termini, gelegentlich wird in ironischen Abschnitten zusammengefaßt, was die eigentliche Entwicklung ist. Diese Struktur verlangt dem Leser einiges ab, "Accelerando" liest sich mühevoll, es ist an keiner Stelle wirklich spannend, sondern häufig zäh, scheinbar beliebig und manchmal sehr verkopft. Allerdings ist es dennoch interessant und durchaus nachvollziehbar, wenn man sich die Mühe macht. Kein Buch für zwischendurch, und ganz sicher auch keines für Leute, die mit den orgiastisch verwursteten Fachbegriffen nichts anfangen können. Aber eines, das einen wichtigen Beitrag zur Fragestellung liefert, ob wir wirklich alles tun sollten, was möglich ist oder sein wird.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
SF wie sie sein sollte, 3. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Accelerando: Roman (Taschenbuch)
Wer hier die leichte Kost einer Space Opera sucht, ist sicher falsch. Ich allerdings habe lange kein Buch mehr gelesen, wo ich mir am Ende nicht sicher war, ob es nicht genau so kommen koennte... Ideen-SF vom Feinsten, schnell und kompromisslos. Wer schon von Greg Egan's 'Dispora' begeistert war, sollte diesen Roman auf keinen Fall verpassen! Ich finde es mutig vom Autor, dieses Buch so zu schreiben wie es ist, denn es duerfte auch ihm klar gewesen sein, dass das kein Buch fuer SF-Einsteiger wird/ist.
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11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Nicht selbst überschätzen!, 10. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Accelerando: Roman (Taschenbuch)
Nach den ersten knapp 50 Seiten war ich unsicher, was ich von dem Buch halten sollte. Es war so wissenschftlich, so "zäh" wie es schon einige sagten, dass ich für einen Moment überlegt habe, es zur Seite zu legen. Stattdessen habe ich meine Laptop genommen und Google geöffnet. Dazu das Lexikon der neuen Physik, und mich weitergekämpft. Was soll ich sagen? In dieses Buch muss man sich "hineinlesen"! Derjenige, der gute Science Fiction auf dem Niveau der STARWARS Filme ansiedelt, wird sich an dem Buch sicher stoßen, und der, der bei prasselndem Kaminfeuer eine spannende Fantasystory will, ebenso. Ohne das Wissen über Matroschkagehirne, Peer-to-peer-Netzwerke und Bose-Einstein-Kondensatoren kommt man in dem Buch sicher nicht weit. Zumindest kann man aber nach dem Lesen mit gutem Recht behaupten, Grundkenntnisse in theoretischer Physik, Robotik, Mechanik, Gesellschaftskunde, Nanoassembling und Informatik zu haben. Das erste Mal lesen wirkt somit natürlich etwas zäh, aber bietet eine Fülle von Ideen, bei denen ich mich - statt weiterzulesen - stundenlang durchs Internet geklickt habe, um mehr über die Techniken zu erfahren, die Stross beschreibt. Inzwischen habe ich das Buch fünf oder sechs Mal gelesen. Noch immer verstehe ich nicht alles, und so ist es das schöne an dem Werk, dass man auch beim X-ten lesen noch etwas findet, um zu sagen: "Ach soooo! Ja klar, jetzt macht das Sinn!" Wer also wirklich Science Fiction sucht ist mit dem Werk gut bedient. Hier geht es nicht um "was wäre wenn?" oder "wie könnte es werden?" sondern um "es ist so!" Stross beschäftigt sich so eingehend mit der Evolution von Gesellschaft, Technik (besonders des Internets) und Mensch, dass man in der Geschichte immer wieder denkt "Oh Mann! Genau so wird es in 500 Jahren kommen!" Das Problem mit dem Buch ist dabei natürlich folgendes: Wer sich mit Stargate schon überfordert fühlt, und dessen technisches Verständnis für theoretische Physik mit dem Satz "Maschinenraum? Volle Energie!" endet, sollte eher die Finger von dem Buch lassen. Die ganze Tiefe der erschreckend brisante Kernaussage des Werks wird erst dann ersichtlich, wenn man das Buch das zweite, eher sogar, wenn man es das dritte Mal gelesen hat: Der Mensch ist zu beschränkt für seine eigene Technik und wird irgendwann vor ihr fliehen müssen, oder wird ausgerottet!
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