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Accelerando: Roman [Taschenbuch]

Angela Kuepper , Charles Stross , Ursula Kiausch
3.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (23 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

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Charles Stross ist derzeit einer der Vorreiter einer neuen Autoren-Generation, die das häufig vorgebrachte Argument, die Science Fiction hätte ihre beste Zeit hinter sich gelassen, Lügen straft. Mit Accelerando gelingt es ihm, die Zukunftsvisionen von Singularität oder Supernova noch um einiges zu übertreffen und ein posthumanes Szenario zu entwerfen, das an visionärer Kraft und Kühnheit seinesgleichen sucht.

Manfred Macx ist Unternehmensberater. Seine Genialität äußert sich darin, dass er normalerweise schon vor dem Frühstück Patente auf ein halbes Dutzend Erfindungen anmeldet. Doch Macx ist keineswegs der übliche großkapitalistische Geldscheffler. Er hat eine Vision und die besteht darin, möglichst viele Informationen frei zugänglich zu machen. Daher gibt er sein Wissen und seine Geschäftsideen auch kostenlos an Unternehmen weiter, die es ihm im Gegenzug ermöglichen, vollkommen ohne Geld zu leben.

Macx ist der Überzeugung, dass die menschliche Gesellschaft kurz vor dem Übergang in einen neuen Zustand steht: die Singularität, deren Ausgang noch niemand vorhersagen kann. Schon jetzt sind Menschen via Hirnimplantaten mit dem Internet vernetzt, kann eine elektronische Spielzeugkatze sich zu einer künstlichen Intelligenz entwickeln oder gar ein menschlicher Geist in Netzwerken hochgeladen werden. Hinzu kommt ein geheimnisvolles Signal, das die Menschheit vor einiger Zeit aus dem Weltall empfangen hat, und das auf die Existenz außerirdischer Lebensformen hinweist.

Wie der Titel Accelerando schon verheißt, beschreibt Stross die sich stetig beschleunigende Entwicklung einer technokratischen Gesellschaft, in der der Mensch vielleicht nur die Vorstufe zu einer völlig neuartigen Wesens- und Seinsform darstellt. Ebenso rasant und verdichtet ist auch die Sprache des Romans, die ein Konglomerat aus technologischen Extrapolationen, witzigen Genre-Anspielungen und bizarrer Poesie bildet. Die Konflikte von drei Generationen der Macx-Familie bilden den Rahmen der Geschichte und verleihen dem Vorstoß in die Posthumanität eine menschliche Dimension. Accelerando ist ohne Frage ein Quantensprung der Science Fiction -- ein Roman, der nicht nur ein Licht auf die Zukunft des Genres sondern möglicherweise auch unserer Gesellschaft wirft. --Sara Riffel

Über den Autor

Charles Stross, geboren 1964 im englischen Leeds, studierte Pharmakologie und Computerwissenschaften und arbeitete in vielen unterschiedlichen Berufen, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er gilt als einer der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren unserer Zeit, seine Romane »Accelerando« und »Glashaus« wurden zu internationalen Bestsellern.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Erster Teil
Langsamer Aufbruch

die hummer

Manfred ist mal wieder unterwegs, um Fremden zu Reichtum zu verhelfen.
Es ist ein warmer, sommerlicher Dienstag, und er steht mit einer Datenbrille vor den Augen auf der Plaza vor der Centraal Station, mitten im grellen Sonnenlicht, das von der Gracht reflektiert wird. An beiden Ufern haben sich schwatzende Touristengrüppchen gesammelt, während Motorroller und Radfahrer in selbstmörderischem Tempo vorbeiflitzen. Der Platz riecht nach Wasser, Schmutz, heißem Metall und den kalten, schwefelhaltigen Ausdünstungen von Katalysatoren; im Hintergrund bimmeln Straßenbahnen, über seinem Kopf fliegt ein Vogelschwarm. Er blickt nach oben, fängt eine der Tauben im Bild ein, speichert es ab und leitet es an sein Weblog weiter, um zu zeigen, dass er angekommen ist. Ihm fällt auf, dass die Bandbreite hier gut ist. Und nicht nur die Bandbreite, sondern die ganze Szenerie. Jetzt schon gibt ihm Amsterdam das Gefühl, willkommen zu sein, obwohl er gerade erst dem Zug aus Schiphol entstiegen ist. Der schwungvolle Optimismus einer anderen Zeitzone, einer neuen Stadt hat ihn angesteckt. Falls diese Stimmung anhält, wird irgendjemand da draußen tatsächlich sehr reich werden.
Er fragt sich, wer es sein wird.
Auf dem Parkplatz vor der Brouwerij’t IJ sitzt Manfred auf einem Hocker, sieht zu, wie die mit pneumatischen Gelenken versehenen Busse vorbeifahren, und trinkt 0,3 Liter des sauren Gueuze, das ihm den Mund zusammenzieht. In irgendeinem Winkel des Brillendisplays quasseln Kanäle und decken ihn fortwährend mit komprimierten Informationen – ausgewählten Pressemitteilungen – ein. Sie quengeln und schlängeln sich aufdringlich in den Vordergrund, konkurrieren um seine Aufmerksamkeit. Auf der anderen Seite des Platzes stehen ein paar Punks bei zerbeulten Mopeds herum, lachen und unterhalten sich. Mag sein, dass es Einheimische sind, eher aber Herumtreiber, die das Magnetfeld von Toleranz, das Holland wie ein Pulsar quer durch Europa ausstrahlt, nach Amsterdam gezogen hat. Auf dem Kanal tuckert ein Boot mit Touristen vorbei; die Flügel einer riesigen Windmühle werfen lange, kühle Schatten über die Straße. Die Windmühle ist eine Anlage zur Drainage, sie verwendet Windkraft dazu, Land trocken zu legen. Mit Methoden des sechzehnten Jahrhunderts wird hier Energie dazu eingesetzt, neuen Lebensraum zu gewinnen. Manfred wartet auf die Einladung zu einer Party, auf der er sich mit einem Mann treffen wird, um mit ihm über den Austausch von Energie gegen Lebensraum nach Methoden des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu reden. Außerdem kann er dabei seine persönlichen Probleme, wie er hofft, verdrängen.
Er ignoriert alle Meldungen über eingehende Nachrichten und genießt diese Zeit spärlicher Datenübertragungen und starker Sinnesempfindungen, erfreut sich seines Biers und der Tauben, bis eine Frau auf ihn zugeht und ihn anspricht: »Manfred Macx?«
Er blickt auf. Die Frau ist ein professioneller Fahrradkurier; ihre windgestählten, geschmeidigen Muskeln stecken in einer Kleidung, die eine einzige Hommage an die Polymertechnologie darstellt: neonblaues Lycra, honiggelbes Karbonat mit hellen Tupfern von Anti-Kollisions-LEDs, dicht gefüllte Airbags. Bestürzt über ihre verblüffende Ähnlichkeit mit Pam, seiner Ex-Verlobten, zögert er kurz, als sie ihm eine Schachtel hinstreckt.
»Ich bin Macx«, sagt er schließlich und zieht das linke Handgelenk unter ihrem Strichcodeleser hindurch. »Von wem kommt das?«
»FedEx.« Ihre Stimme klingt anders als die von Pam. Sie wirft ihm die Schachtel in den Schoß. Gleich darauf setzt sie über die niedrige Mauer, steigt auf ihr Fahrrad, während ihr Handy schon wieder bimmelt, und verschwindet in einer Wolke von Staub und sonstigen Emissionen.
Manfred dreht die Schachtel herum: Darin steckt ein Wegwerf-Handy, wie es in jedem Supermarkt gegen Bargeld zu bekommen ist – billig, nicht zurückzuverfolgen und effizient. Mit diesem Handy kann man sogar auf Konferenzschaltung gehen, deshalb ist es ein ideales Telefon für Schnüffler und Gauner in aller Welt.
Als die Schachtel ein Läuten von sich gibt, reißt Manfred die Verpackung auf und zieht das Handy leicht verärgert heraus. »Ja? Wer ist dran?«
Die Stimme am anderen Ende hat einen harten russischen Akzent. Angesichts der Tatsache, dass in diesem Jahrzehnt schon überall billige Online-Übersetzungsdienste verfügbar sind, klingt die Stimme geradezu wie eine Parodie. »Manfred. Erfreut, Sie kennen zu lernen. Wünsche persönlichen Kontakt, Freundschaft schließen, nein? Habe viel anzubieten.«
»Wer sind Sie?«, wiederholt Manfred argwöhnisch.
»Bin Organisation früher bekannt als KGB dot RU.«
»Ich glaube, Ihr Übersetzungsprogramm funktioniert nicht richtig.« Manfred hält sich das Handy so vorsichtig ans Ohr, als wäre es aus hauchdünnem Aerogel und so fragil wie der Geisteszustand des Wesens am anderen Ende der Leitung.
»Njet – nein, tut mir Leid. Entschuldigung, wir nicht benutzen kommerzielle Software für Übersetzung. Übersetzerprogramme ideologisch suspekt, haben fast alle kapitalistische Semiotik, und Anwendung ist gebührenpflichtig. Müssen Englisch besser implementieren, ja?«
Manfred trinkt sein Bier aus, stellt das Glas ab, steht auf und schlendert mit dem Handy dicht am Ohr die Hauptstraße hinab. Er befestigt sein Kehlkopf-Mikro an dem billigen schwarzen Plastikgehäuse und schaltet auf einfachen Sprachempfänger-Modus. »Wollen Sie damit sagen, dass Sie sich selbst Englisch beigebracht haben, nur um mit mir reden zu können?«
»Da, war leicht. Bin neuronales Netzwerk mit Milliarden Knotenpunkten, habe Teletubbies und Sesamstraße mit maximaler Geschwindigkeit heruntergeladen. Entschuldigung, Verzeihung für entropische Überlagerung mit schlechte Grammatik. Habe Angst, ich digitale Fingerabdrücke hinterlasse in meine – unsere – steganografisch ausgestattete Lernprogramme.«
Manfred bleibt so plötzlich stehen, dass ein GPS-gesteuerter Rollschuhfahrer ihn um ein Haar umgemäht hätte. Das hier wird langsam so verrückt, dass es seine Toleranzgrenze für Schräges überschreitet – und dazu braucht es einiges. Schließlich spielt sich Manfreds ganzes Leben am gefährlichen Rand von Seltsamkeiten ab; er ist der Zukunft jedes anderen Menschen stets eine Nasenlänge voraus und hat normalerweise alles perfekt im Griff. Doch bei Vorfällen wie diesem bekommt er Anflüge von Angst und das Gefühl, er könnte auf der Zufahrtsstraße zur Realität die richtige Abfahrt soeben verpasst haben. »Äh, ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe, lass es mich noch einmal rekapitulieren: Du behauptest also, eine Art Künstliche Intelligenz zu sein, die für den KGB dot RU arbeitet, und befürchtest, man könnte dich aufgrund von dir genutzten Lernprogrammen juristisch belangen, und zwar wegen Verletzung von Urheberrechten?«
»Habe mir schlimm Finger verbrannt, an virenverseuchten Lizenzvereinbarungen für Endverbraucher. Habe keine Lust zu experimentieren mit Dachgesellschaften für Patentrechte in der Hand von tschetschenischen Info-Terroristen. Sie Mensch, Sie keine Angst haben müssen, dass Firma für Frühstücksflocken beschlagnahmt Ihren Dünndarm, weil Sie damit ohne Lizenz haben Essen verdaut, richtig? Manfred, Sie müssen uns – mir – helfen. Möchte zum Feind überlaufen.«
Manfred bleibt wie angewurzelt auf der Straße stehen. »O Mann, du hast den falschen Geschäftsmakler erwischt. Ich arbeite nicht für die Regierung, sondern ausschließlich für private Kunden.« Eine hinterhältige Werbung schleicht sich an dem Müllsortierer seines Proxy-Servers vorbei und überschwemmt das aufblinkende Navigationsfenster einen Moment lang mit leuchtendem Kitsch der Fünfzigerjahre – bis ein Spam-Fresser sie löscht und einen neuen Filter aufbaut. Manfred lehnt sich gegen eine Ladenfront, massiert sich die Stirn und mustert eine Auslage antiker Türklopfer aus Messing. »Hast du’s schon beim...
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