Es ist schön, dass es immer wieder Bücher gibt, die den Leser im guten Sinne aus der Fassung bringen können. Ein solches Buch ist "Accabadora". Geschrieben hat es die Sardin Michela Murgia, 38 Jahre alt und studierte Theologin. "Accabadora" ist ihr erster Roman - und ein kleines Meisterwerk, das nicht zu Unrecht in Italien bereits 2009 mit dem renommierten Premio Dessì ausgezeichet worden ist.
Accabadora ist eine typisch sardische "Dienstleisterin", eine Frau, die auf dem Boden alter, mythischer Traditionen in einem sardischen Dorf einem "Handwerk" nachgeht, das man hierzulande als "Sterbehilfe" bezeichnen könnte. Eine solche Accabadora ist die alte Schneiderin Bonaria Urrai. Maria Listru wiederum ist ein junges Mädchen, dass zu dieser Alten als "filius de anima", als "Tochter des Herzens" kommt; abgegebenen von ihren armen Eltern an eine, der der Kindersegen versagt blieb.
Aus dieser Gemeinschaft, aus der Beziehung dieser beiden so unterschiedlichen Frauen, speist sich der eine Erzählstrang dieses Romans. Hier das aufgeschlossenen, neugierige Kind, die junge Frau. Dort die Alte, verschlossen, geheimnisvoll und wortkarg. "Jedes Mal, wenn du den Mund öffnest, um zu sprechen, denke daran, dass Gott mit dem Wort die Welt erschaffen hat", heißt es an einer Stelle. Aber auch ohne dass Bonaria "den Mund öffnet", erfährt Maria von den heimlichen Gängen der Alten in den Nächten. Denn da geschehen seltsame Dinge.
Nicht lange lässt die Erzählerin den Leser im Unklaren, was diese nächtlichen Ausflüge zu bedeuten haben. Bonaria ist eine Accabadora, gerufen von Angehörigen, um Sterbenden zu helfen "die Schwelle zu übertreten", jenes "Zwischenreich, in dem die Grenzen verschwimmen". Ein Werk der Barmherzigkeit oder ein Verbrechen? Bonaria: "Denn niemals seit dieser Zeit waren ihr Zweifel gekommen, nicht zwischen Barmherzigkeit und Verbrechen unterscheiden zu können."
Ehe sich aber der Leser in juristischen Überlegungen verliert, folge er besser der Autorin. Sie lässt uns teilhaben an uraltem Wissen, an Traditionen und Überlieferungen. Sie lässt uns in die Seele der Menschen, der Handelnden und der anderen, blicken. Sie lässt uns auch etwas von der Würde des Todes ahnen. Und das mit großem psychologischem Einfühlungsvermögen und in einer wunderbaren Sprache.
Das gilt auch für den anderen Erzählstrang - die Schilderung dessen, was in diesem Dorf passiert: zwischen Kindern und Eltern, bei den Vorfällen des Lebens wie Hochzeiten, Geburt und Tod, im Nachbarschaftsstreit, der in alten Ritualen zufolge auch schon mal blutig enden kann. Denn alle diese Traditionen bilden den Hintergrund dessen, was sich um die beiden Protagonistinnen herum abspielt. Vor allem bei Maria, die immer aufmerksamer, auch selbstbewusster wird. Maria und Bonaria werden sich ähnlich und unterscheiden sich doch erheblich in ihren Psychogrammen.
Der Tod des jungen Nicola ist für Maria ein zentrales Ereignis: von ihm gewünscht, von Bonaria abgelehnt und dann doch gewährt. Vielschichtig und mit großer Sensibilität schildert Michela Murgia Gedanken und Gefühle Marias, Ihre "Flucht" auf das italienische Festland und ihre Rückkehr nach Sardinien. Maria ist gereift, ist eine Frau geworden - um am Ende an ihrer Ziehmutter Bonaria selbst zu einer Accabadora werden zu wollen.
Michela Murgia hat eine wunderbare Balance gefunden zwischen den vielen Dichotomien,die in diesem Roman aufeinanderstoßen: Archaisches und Modernes, Mythologie und Realität. Ihr ist eine berührend emphatische Lebenserzählung gelungen, ein Buch, das den Leser nicht nur fesselt, sondern erschüttert und nachdenklich stimmt.