Der erste Satz: Wieso Äthiopien?
Zusammen mit ihrem Freund war es Carola Frentzens großer Traum nach Äthiopien zu gehen. Nachdem sie allen Mut zusammennahm und ihren Arbeitgeber um eine einjährige Auszeit bat, konnte Sie sich diesen Traum für ein Jahr ermöglichen. Viele Leser werden sich gerade diesen ersten Satz fragen: "Warum gerade Äthiopien? Warum verspürt ein Mensch, trotz guter Arbeit und angenehmem Leben, den Wunsch, ein Hilfsprojekt in einem der ärmsten Länder der Erde zu betreuen?". In ihrem Buch "Abyssinia: Mein Jahr in Äthiopien" gibt Frau Frentzen darüber Auskunft und erzählt von ihrer Zeit in diesem wunderbaren Land, wo Freude und Leid so nahe beieinander liegen. Sie schildert ihre Eindrücke und räumt so manches Vorurteil beiseite. Schon ziemlich am Anfang ihrer Geschichte macht Frau Frentzen klar, warum sie das Land so liebt:
"Werden sie (die Menschen in Äthiopien) je verstehen, aus welcher Welt ich komme und welche belanglosen Probleme mich plagen? Wie könnten sie es verstehen? In einer Welt, in der es so oft um Leben und Tod, um Hunger und Durst, um Malaria und AIDS geht, scheinen meine Sorgen alle so klein. Und vielleicht ist es das, was ich an Äthiopien so liebe: dass das Land nämlich die Dinge in die richtige Perspektive rückt." S. 15
Wenn man ein Buch zur Hand nimmt und sich nach der Einführung im ersten Kapitel bereits verstohlen die Rührungstränen aus den Augenwinkeln wischt, dann scheint die Autorin alles richtig gemacht zu haben! Und ab da weiß man, diese Erfahrungsgeschichte wird nicht nur Friede-Freude-Eierkuchen sein, sondern die Augen auch vor Misständen und "harter Kost" nicht verschießen.
Natürlich hat jeder Leser von Äthiopien ein entsprechendes Bild vor Augen, welches die Medien zusätzlich noch unterstützen. Frau Frentzen beleuchtet in ihrem Buch aber nicht nur die schlimmen Dinge, wie Armut, Hunger und Elend, sondern zeigt auch eine Seite des Landes, die den meisten Menschen verborgen bleibt. Nämlich, dass man mit kleinen Dingen etwas bewegen kann, lustige Begebenheiten mit herzlichen Menschen, und kleine und größere Erfolgsgeschichten, die berühren. Gerade das mach die Geschichte sehr besonders.
Die Sprache ist in lockerer Erzählform geschrieben. Man gewinnt sofort den Eindruck, Frau Frentzen würde einem gegenübersitzen und, wie einer guten Freundin, die Geschichte persönlich erzählen. Dabei bleibt sie nicht allgemein, sondern geht auf die verschiedensten Dinge ein. So erhält der Leser einen sehr guten Gesamtüberblick über Äthiopien. Die Einwohner, Landesgeschichte, Politik und Einzelschicksale ergeben eine gute Mischung für diese spannende Erzählung.
Außerdem konzentriert sich die Autorin nicht nur auf fremde Schicksale und Begebenheiten. Sie gewährt auch einen tiefen Einblick in ihre persönliche Gefühlswelt. Lässt einen an den Höhen und Tiefen ihres einjährigen Aufenthaltes in einem fremden Land teilhaben.
Unterstrichen werden die ganzen Eindrücke von vielen farbigen Fotos in der Buchmitte. Viele Personen, die in den Geschichten im Buch vorkommen, findet man hier wieder.
Wenn man einen Erfahrungsroman schreibt, wird man nie das Interesse von allen Lesern befriedigen können. So gibt es einige Passagen in Buch, die weniger interessant erscheinen als andere. Keine Geschichte oder Erklärung ist jedoch so ausschweifend, dass der Eindruck einer Leselänge entsteht. Oft werden z.b. politische Dinge kurz zwischenerklärt, bevor es mit dem eigentlichen Kapitelthema weitergeht.
Am Schluss von "Abyssinia" ist man dann doch sehr nachdenklich. Mann fühlt sich um viel Wissen über das Horn von Afrika bereichert, erkennt aber auch, dass es nicht viele Menschen geben wird, die das Wagnis, für ein Jahr (oder länger) alles hinter sich zu lassen, um in einem komplett gegensätzlichen Land zu leben, eingehen würden.
"Mehrmals musste ich feststellen, dass die Worte "nur noch die Kleider am Leibe" zu haben für Äthiopien nicht zutreffen. Hier geht die Armut manchmal so weit, dass Menschen völlig nackt herumlaufen. Oder durch die Armut verrückt geworden sind und deshalb wie Adam und Eva durch die Gegend irren." S. 61
Persönliches Fazit
"Abyssinia: Mein Jahr in Äthiopien" war für mich ein richtiges Wohlfühlbuch. Natürlich nicht im Sinne einiger schlimmen Eindrücke, die ich doch während des Lesens gesammelt habe. Mir gefiel die Art, wie mich Carola Frentzen auf ihre einjährige Reise mitgenommen hat. Manche Erzählungen haben mich tief berührt. Bei anderen musste ich wiederum schmunzeln. Frau Frentzen hat für ihre Arbeit meinen vollen Respekt. Diese Buch hat auch für mich wieder einige Dinge in die richtige Perspektive gerückt. Empfehlenswert! 4 Sterne.