Es war Mitte der neunziger Jahre als ich meine Liebe zum Heavy Metal gefunden habe. Rock habe ich schon vorher geliebt, aber irgendwann habe ich von einem Kumpel ein Tape mit verschiedenen Metaltracks bekommen, die mir ausgesprochen gut gefallen haben. Danach habe ich mich in den einschlägigen Läden in der harten Ecke rumgetrieben und nach einem strengen Prinzip Cd's nach meinem Geschmack gesucht. Nach strengen Richtlinien wurden damals die Scheiben gekauft und zwar nach den Balladen. War eine gute, gänsehautverursachende Ballade auf den Longplayern enthalten, wurde das Medium eingesackt. Irgendwann kam mir das Vanden Plas Album Far off grace" eingesackt, weil dort eine tief unter die Haut gehender und ruhiger Track darauf enthalten war. Die Scheibe selber hat mir nicht viel gegeben und wird auch heutzutage nur selten in den Player gesteckt. Hauptgrund war in meinen Augen der Gesang von Andy Kuntz, der mir eigentlich überhaupt nicht gefallen hat (außer bei der Ballade). Über die Jahre habe ich immer mal wieder in Vanden Plas Cd`s reingehört und immer das selbe Urteil gefällt. Dadurch blieb mir die Magie der hochgelobten Band bis heute verborgen.
Nun schreiben wir das Jahr 2004 und ein Werk namens Abydos steht in den Läden. Der Initiator und Songwriter hört auf den Namen Andy Kuntz und mit dem gleichnamigen Debüt hat sich der Musiker einen Wunsch erfüllt und außerdem noch tiefgehende Schmerzen verarbeitet, da während des Entstehungsprozesses des Albums vier geliebte Menschen gestorben sind. Diesen Schmerz und die Trauer hört man Abydos auch an, sowohl textlich als auch musikalisch, was dazu führt, dass einen das Album tief im Herzen erreicht. Auf der anderen Seite heißt es aber nicht, dass euch ein sehr trauriges und melancholisches Werk erwartet, sondern ein modernes Märchen, welches autobiographische Züge des Erzählers offenbart.
Doch der Reihe nach: Der Name Abydos kommt von der gleichnamigen Kult- und Begräbnisstätte im Tal der Könige, wo die alten Ägypter dem Gott immerwährender Reinkarnation namens Osiris huldigten. Aufgrund der Tatsache, dass dies alles 1500 Jahre vor unserer Zeitrechnung geschah, gilt Abydos als Wiege des Schauspiels. Da Andy Kuntz selber durch viele Musicalrollen, wie beispielsweise Evita, Rocky Horror Picture Show oder Jesus Christ Superstar, bekannt wurde, spielt das Theater in seinem Leben eine übergeordnete Rolle und deshalb passt der Name Abydos auch perfekt. Die Musicalerfahrung hört man auch an vielen Ecken und Enden und gibt dem Album eine andere, bombastischere Note neben Vanden Plas, wobei durch das Mitwirken vom Vanden Plas Drummer Andreas Lill und anderer Musiker aus dem Umfeld der Pfälzer Formation auch genügend Parallelen zu der Hauptformation von Kuntz gezogen werden können. Demnach erwartet den Hörer eine spannende und abwechslungsreiche Reise durch die farbenfrohensten, aber auch dunkelsten Klangwelten, die trotzdem immer wieder einen Hoffnungsschimmer offenbaren.
Nun zu den Songs selber. Die ersten vier Tracks kommen alle ziemlich ruhig daher und könnten leicht einen falschen Eindruck vermitteln. Los geht's mit einem kurzen Intro namens The Inhabitants of his diary", dass das Album relativ hart einleitet und mit zwei schwermütigen Seufzern endet, die in den ruhigen Anfang von You broke the sun" übergeht. Der Opener entpuppt als ein wunderschöner, bombastischer Ohrwurm, der nur so vor Dynamik strotzt und gar nicht mehr aus den Gehörgängen will. Etwas härter und Vanden Plas - lastiger kommt Silence" daher, welches mit einem tollen, an Robert Miles' Children" erinnernden Zwischenteil aufwarten kann und auch mit einem formidablen Refrain aufwarten kann. Danach kommt die eingangs angesprochene Gänsehautballade, die ein jedes klasse Album veredeln sollte. Far away from heaven" umtänzelt das Herz sehr schwermütig, wird aber im Verlauf immer schneller und opulenter und nimmt am Ende den ganzen Wehmut, der wie ein schwarzes Tuch auf dem Herzen liegt, mit einem Lächeln von eben diesem. Gekrönt wird der Track vom einfühlsamen und tollem Gesang (wie bei jedem Song) von Kuntz. Danach kommt bei Coppermoon (The other side)" und Hyperion Sunset" die Vanden Plas Seite zum Vorschein, wobei der erstgenannte Track sich stetig steigert, während Track Nummero 6 gleich in die progressiv angehauchten Vollen geht und schön in den Hintern tritt und teilweise mit verzerrten Vocals aufwarten kann. Beide bestechen abermals mit einem eingängigen Chorus. Eher vertrackt und schleppend geht es bei God's Driftwood" zu, wobei nach anderthalb Minuten auch eine Steigerung verzeichnet werden kann. Als beinahe radiotauglich entpuppt sich das cheesige Radio Earth", was sich perfekt für Autofahrten durch das Schwabenland eignet. Sehr cool! Der Bombasttiteltrack geht eher wieder in die Richtung der ersten Songs und ist mit seinem Detailreichtum ein richtiger Hammer. Das kurze Instrumental Green's guidance for a stategy adventure game" klingt beinahe nach einem Werk von Arjen Lucassen und wirft ein paar Fragen dadurch auf. Wildflowersky" ist erneut eine sehr progressive Nummer, die ein paar Durchgänge braucht, dann aber auch nicht mehr aus dem Ohr will. Den absoluten Höhepunkt stellt aber das 12 minütige A boy named fly" dar. Eine absolute Übernummer, bei der man immer wieder neue wunderschöne Details findet. Ganz groß ist dabei das grandiose akustische Gitarrensolo in der Mitte. Ganz ruhig und mit klassischen Versatzstücken beginnt die Fliege und steigert sich ins Unermessliche. Toll!!!
Selbst mit der Lupe kann ich keinen schlechten Song ausmachen. Nein, jeder Song ist auf seine Art ein Juwel geworden und wächst selbst nach dem 20. Hördurchgang immer noch. In meinen Augen hat Andy Kuntz mit Abydos" ein Referenzwerk abgeliefert, das nach einem Nachfolger schreit. Schade nur, dass InsideOut ausgerechnet bei diesem Klassiker kein Digibook anbietet. In Verbindung mit dem tollen Cover wäre es bestimmt ein Prunkstück geworden. Wer also auf zauberhafte Akustikgitarren, krachende E- Gitarren, fantastische Chöre, Versatzstücke der Klassik, ausufernde Progparts und ein wie die Faust aufs Auge passendes Konzept auf einmal haben möchte, muss zugreifen. Eigentlich auch alle anderen, denn es wäre äußerst verwerflich, wenn Abydos in dem Wust an schlechten und mittelprächtigen Veröffentlichungen untergehen würde. Gratulation für eins der Referenzwerke des Jahres 2004.