- Broschiert: 317 Seiten
- Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt (1998)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3596140765
- ISBN-13: 978-3596140763
- Größe und/oder Gewicht: 19 x 12,6 x 2,2 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 617.519 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
Produktinformation
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Aby Warburg und der Antisemitismus
Von Barbara von Reibnitz
«Ebreo di sangue, Amburghese di cuore, d'anima Fiorentino» so hat Aby Warburg selbst sehr prägnant die spannungsvollen Grundelemente seiner Persönlichkeit benannt. Wie eng die einzelnen Glieder dieser Formel in Biographie und Werk des jüdischen Kulturwissenschafters miteinander verschränkt waren, hat Charlotte Schoell-Glass jetzt in einer breit angelegten Studie deutlich gemacht. Sie zeigt, dass die Auseinandersetzung mit seiner Herkunft und der Kampf gegen die Zumutungen des zeitgenössischen Antisemitismus für Warburg eine nie abgeschlossene Konfliktkonstante gebildet haben. Der «Zweifrontenkrieg», den er nach eigenen Worten als Jude zeitlebens zu führen gezwungen war, müsse, so die Hamburger Kunsthistorikerin, als «Denkhintergrund» für Warburgs Lebenswerk, den Aufbau und die Institutionalisierung der kulturwissenschaftlichen Forschungsbibliothek Warburg (KBW), erkannt werden.
Der älteste Sohn der berühmten Hamburger Bankiersfamilie M. M. Warburg & Co. hatte sich frühzeitig aus dem religiös-orthodoxen Milieu seines Elternhauses zu lösen versucht. Er war nicht, wie von der Familie vorgesehen, Rabbiner geworden, sondern hatte sich für das Studium der Kunstgeschichte entschieden. Gegen heftige Widerstände schloss er eine protestantisch-jüdische Mischehe mit der Bildhauerin Mary Hertz. Seine Veröffentlichungen, in denen Warburg, ausgehend von Untersuchungen zur florentinischen Frührenaissance, eine kulturwissenschaftliche Fundierung der Kunstgeschichte unternahm, sind dem Problem des Nachlebens der Antike bzw. dem Funktionswandel antiker Traditionen im europäischen Bildgedächtnis gewidmet. In ihnen ist die jüdische Thematik nicht oder wenigstens nicht ausdrücklich präsent.
Diese Leerstelle ist jedoch, so die These von Schoell-Glass, eine scheinbare. Sie gibt sich als Strategie des Schweigens zu erkennen, wenn man ihr die Ergebnisse korreliert, die sich aus den Recherchen der Autorin in der Bibliothek, im Arbeitsarchiv und in der Korrespondenz Warburgs ergeben. Hier, und das ist der ganz elementare Erkenntnisgewinn der Arbeit, wird deutlich, dass Warburg von Beginn seiner Studienzeit an bis zum Ende seines Lebens den Judenhass und den auf ihm gründenden Antisemitismus in bisher unbekanntem Umfang registriert und dokumentiert hat. In seinen Zettelkästen und in gesonderten Sammelmappen hat er unter Stichwörtern wie «Antisemitismus», «die jüdische Frage», «arische Prachttypen», «Juden», «Charakterologie», «Rasse», «Aberglauben», «Opfer», «Anpöbeleien» usw. Material, vor allem Zeitungsausschnitte und Exzerpte, zu einschlägigen aktuellen Vorfällen gesammelt. Sie beziehen sich vor allem auf die Pogrome in Osteuropa und auf die Gewaltausbrüche im Zusammenhang mit Reaktualisierungen des Ritualmordvorwurfs sowie auf Lebensläufe prominenter Antisemiten und auf einschlägige antisemitische Publikationsorgane.
DOKUMENTIERTE SYMPTOME
Alle von ihm als symptomatisch aufgegriffenen Fälle dokumentierte Warburg in höchster Dichte und Genauigkeit, so dass zugleich die Rolle der Presse als Medium der Verbreitung und Verstärkung von Einstellungen deutlich wurde. Auch unter allgemeineren Schlagwörtern wie «Ausdruckskunde», «Geschichtsauffassung», «Sfera Orientalis», «Historische Synthese» und «Politik» finden sich Bezüge zu zeitgenössischen antisemitischen Agitationen und deren historischen Wurzeln. Ergänzt wird diese Dokumentation durch die Bibliotheksbestände. Die Autoren, die «die ideologischen Grundlagen völkischer und antimodern-kulturkritischer Einstellungen» gelegt haben Lagarde, Langbehn, Gobineau, Chamberlain , sind sämtlich in Warburgs Büchersammlungen präsent. In Anlage und Aufbau entspricht die Antisemitismus-Dokumentation, so Schoell-Glass, dem Erkenntnisinteresse, das Warburg als Kulturwissenschafter methodisch zu entwickeln versucht hat: «dem Nachweis der Verflechtung von langlebigen Einstellungen mit ideologischer Rechtfertigung und politischer Funktionalisierung». Die Dokumentation ist aber nicht nur formal und sachlich ein integraler Bestandteil seines Forschungsprogramms. Dieses Forschungsprogramm selbst, dies die weitergreifende These der Autorin, ist als Abwehrstrategie gegen den Antisemitismus zu verstehen, insofern dieser für Warburg die atavistische Bedrohung der europäischen Aufklärung und der durch sie eingeleiteten jüdischen Assimilation darstellte. «Der Versuch der Auflösung» dieser Bedrohung «von den Voraussetzungen her» ist das leitende Interesse, das Warburgs Forschungen bestimmt hat. Sie kreisen sämtlich um die irrationalen Anteile der europäischen Denktraditionen, um deren langlebige, latente Präsenz und um die Möglichkeiten ihrer Reaktualisierung in den je verschiedenen historischen Kontexten. Unter diesem Gesichtspunkt schliesst sich, so Schoell-Glass, Warburgs Konzentration auf das Nachleben der Antike zusammen mit der diagnostischen Registratur, in der er die «immer bereit liegende Tradition des christlichen Judenhasses» als «Ur-Meter innerzivilisatorischer Barbarei» zu fixieren suchte.
AUFKLÄRUNG
Warburg liess sich von der Gewissheit leiten, dass die Kulturwissenschaft selbst eine aufklärerische und dadurch auch politische Kraft sei sofern sie als Instrumentarium der Distanzierung betrieben würde. Sein Schweigen zu jüdischen Themen in für die Öffentlichkeit bestimmten Verlautbarungen ist, so Schoell-Glass, als Strategie solcher Distanzierung zu verstehen. Er setzte auf die Durchsetzungskraft seiner wissenschaftlichen Methode. Ihr suchte er durch die spätestens seit 1904 systematisch betriebene Institutionalisierung seiner Bibliothek als eines kulturwissenschaftlichen Forschungsinstituts Anerkennung zu verschaffen.
Welche Bedeutung er dem Gelingen dieses Projekts beimass, wird deutlich aus einem Brief an seine Brüder, in dem Aby Warburg sie über einen Aufsatz in Kenntnis setzte, den der Altphilologe Johannes Geffken 1926 über die KBW veröffentlicht hatte: «Etwas Äusserlich Bemerkenswertes liegt vor: die Besprechung erscheint von dem Ordinarius der Philologie an der reaktionären Universität Rostock in der reaktionären Zeitschrift Süddeutsche Monatshefte. Wenn die KBW sich an dieser von inneren Widerständen gewiss nicht freien Stelle durchsetzen kann, so entspricht das dem Stile des Kampfes um das Recht des deutschen Judentums, wie ich ihn an und für sich als sinngemäss ansehe: das Pädagogium für den Deutschen von morgen, meinetwegen auch von übermorgen, zurechtmachen und ihn zur Anerkennung zwingen (einerlei sogar, ob man sie zu Lebzeiten zu hören kriegt oder nicht), dass sein älterer Bruder Sem gescheit und wohlwollend für ihn vorsorgte, bedeutet jedenfalls eine vernünftigere Verwendung geistiger Kräfte als die inhaltlich leere Aufforderung zur Abwehr des Antisemitismus.»
Die Anerkennung, auf die es ihm ankam, hat Warburg seinem Unternehmen zu verschaffen gewusst. Als er 1929 starb, hatte sich die KBW als unabhängig von Universität und Staat bestehendes privates Forschungsinstitut international und in den verschiedensten Disziplinen einen Namen gemacht. Wie fragil diese Anerkennung war, zeigte sich nur wenige Jahre später: 1933 wurde das Institut mit seinen Mitarbeitern in die Emigration gezwungen.
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