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4.0 von 5 Sternen
Beatnicks und Dämonen, 3. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Abwärts. Move under ground (Taschenbuch)
Viele Autoren sind an der Herausforderung gescheitert: Lovecrafts Mythos in die Gegenwart oder die nähere Vergangenheit zu übertragen und trotzdem eine originelle Geschichte erzählen zu können. In Deutschland versuchten sich zuletzt Michael Marrak und Andreas Gruber an der Quadratur des Kreises. Sie scheiterten weniger an ihren sehr gut angelegten Konzepten, sondern an der Notwendigkeit, irgendwann den Schleier von den Monstern nehmen zu müssen. Verschiedene Kombinationen unterschiedlicher und auf den ersten Blick kontraproduktiver Themen können das Thema eher beleben. Vor kurzer Zeit erschien im Bastei Verlag die Anthologie Schatten über Baker Street", die den berühmten englischen Privatdetektiv gegen die Alten antreten ließ. Nick Mamatas setzt dagegen auf die goldenen sechziger Jahre mit ihrem beginnenden Underground Journalismus, der Jahre des Sommers der Liebe, des Vietnamkrieges und schließlich deren Wurzeln in der so genannten Beat Generation. Wer diese Zeit nicht miterlebt hat und dazu werden die meisten Leser dieses kurzen Romans gehören, kann einen kurzen Blick im Terry Gilliams berüchtigt berühmten Film Fear and Loathing in Las Vegas" werfen oder eben den noch bekannteren Roman Jack Keouac - On the Road" - lesen, der Hauptperson dieser fiktiven Geschichte. Heute werden sich viele Leute fragen, wer denn überhaupt dieser Jack Keouac ist oder besser gewesen ist. Für einen kurzen Augenblick in der langen literarischen Geschichte dieser Welt und den wenigen eigenständigen Impulsen amerikanischer Literaturströmungen - viele Kritiker sagen, außer den Comics und der Science Fiction hätten sich Amerikas Autoren kein eigenständiges Gesicht erkämpft - gehörte er zu den bekanntesten und am meisten gelesenen Autoren des Landes. Heute ist er vielleicht noch das Idol einer ergrauten und an den eigenen Träumen gescheiterten Generation unfreiwillig Gestriger. Wie viele Randexistenzen verfügt er über eine Handvoll eifriger Anhänger, die ihn als Vorbild der inzwischen fast unbekannten Beatgeneration feiern. Vor den Hippies gab es die Beatniks. Ihre Geburtsstunde waren die soziale Stagnation der fünfziger Jahre und die bedrückende Atmosphäre einer dem kalten Krieg unfähig gegenüberstehenden Regierung. Das Erbe eines Volkes, das sich zwischen Koreakrieg und McCarthy fast selbst gespalten hat. Vor Kennedy standen die Beatnicks stellvertretend für die kommenden sozialen Unruhen des Schmelztiegels Amerika. Und eines ihrer Idole war eben der wenig kommerzielle Schriftsteller Jack Kerouac. Nick Mamatas hat sich mit seiner zweiten längeren Arbeit um die Frage gekümmert, was aus diesem realen Jack Kerouac fiktiv geworden ist. Viele sagen heute noch, er konnte weder den Erwartungen seiner Fans und Groupies gerecht werden noch dem Druck des kommerziellen Literaturgeschäftes, gegen das er sich wehrte, auf dessen Wellen er trotzdem mit geschwommen ist, ausweichen. So wurde er zum Alkoholiker und verschwand schließlich in der Einsamkeit einer sich immer schneller drehenden Zivilisation. Nick Mamatas behauptet dagegen, Kerouac hat gegen die alten Götter gekämpft. Während seiner Entziehungskur in der Isolation haben sich die Meere erhoben und die alten Götter Cthulhu und Azathoth haben sich erhoben. Dabei verknüpft Mamatas Kerouacs individuellen und sich Ich-bezogenen Schreibstil mit einer klassischen metaphorischen Monsterhandlung. Dabei bemüht er sich, sehr intelligent die Brücke zu den überwiegend in den zwanziger Jahren bis in die Weltwirtschaftskrise hinein entstandenen Lovecraftgeschichten zu schlagen. Der Leser verspürt immer wieder das Auseinanderbrechen der Realität, den Einfluss aus dem Hintergrund dieser unbeschreiblichen Monster und den verzweifelten Versuch der einzelnen Charaktere, ihre für sie verzehrte Realität nicht noch mehr zu verlieren. Dabei lassen sich die eindrucksvollen Bilder als Auswüchse unbeschreiblichen Horrors oder als Nachwirkungen diverser Drogenorgien interpretieren. Im Gegensatz zu vielen anderen Geschichten, in denen normale Menschen langsam auf den Abgrund zusteuern, sind Mamatas Charaktere den berühmten Schritt weiter. Sie haben ihre Grenzen überschritten und sich ein eigenes Amerika erschaffen. Diese Illusion wird von den Monstren von jenseits der Grenze bedroht. Dabei spielt es jetzt keine Rolle mehr, ob das reale oder das irreale Amerika zerstört werden könnte. Trotz ihrer kritischen Haltung gegenüber der Spießergesellschaft sehen es Mamatas schräge, aber durchaus lebensnahe Figuren als ritterliche Aufgabe an, Amerika zu retten. Auch wenn sie die andere" Kultur nicht lieben. Im Grunde erschafft Mamatas die gleiche übertrieben stilisierte Kunstwelt, die Lovecraft als Hintergrund seiner Geschichten gesehen und verfolgt hat. Dabei sind sich die handelnden Protagonisten auch unheimlich ähnlich. Jack Kerouac kann mit dem Ruhm nicht fertig werden und lebt in einer einsamen Hütte. Lovecraft selbst war sein Leben lang Außenseiter, ein verschlossener Mensch, der mehr über Briefe mit seiner Umwelt in Kontakt getreten ist. Kerouac produzierte Unmassen von literarischen Ergüssen, scheinbar auf Endlospapier, das er bei Bedarf an seinen Verleger gibt. Sowohl Kerouac als auch Lovecraft sind in dieser Form nicht lebensfähig und dadurch prädestiniert, dem Einfluss der Alten zu unterliegen. Mamatas integriert auch die vorherrschenden stilistischen Elemente beider Autoren in diese ungewöhnliche Story: So herrscht indirekte Rede vor, der Leser kann die Geschichte fast ausschließlich aus Jack Kerouacs innere Perspektive verfolgen. In dessen Texten gab er vor, eigene Motive und Handlungen wiederzugeben. Auch Lovecraft bevorzugte die Ich-Perspektive und bemühte sich insbesondere in seiner fiktiven Stadt um größtmögliche Authentizität. Trotzdem erschufen beide Autoren nur idealisierte Kunstwelten, in denen sie sich wohler fühlten als in der jeweiligen, sie erdrückenden Realität. Augenscheinlich hat Mamatas Lovecrafts Ideen und Eigenheiten einfach in ein literarisches Genres übertragen, dessen Blüte erst vierzig Jahre und einen Weltkrieg später entstanden ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Bad in den Maden das Ergebnis eines Drogenrausches oder eine grenzüberschreitende Erscheinung ist. In verblüffender Klarheit erkennt der Leser, wie wenig und doch wie viel diese beiden Charaktere gemeinsam haben. Es stellt sich die Frage, ob Lovecraft vielleicht schon unter Drogen seine Texte geschrieben hat oder Jack Kerouac zumindest einen Teil dieser bekannten und oft als Schund abgewerteten Texte gelesen hat. Was kann einen Beatnick mehr erfreuen, als Texte zu lesen, die die Öffentlichkeit mit Abscheu ablehnt? Aber in gleichen Moment kann und sollte der Leser hinter die Kulisse schauen. Was cool und originell ist, ist nur der äußere Rahmen. Nick Mamatas ist ein zu intelligenter Autor, um das äußere Bild dem Inneren gleichzusetzen. Der Leser muss sich allerdings seinen Weg durch den oft verschachtelten und damit auch nicht leicht zu lesenden Text kämpfen. Der Leser muss dabei nicht unbedingt Gefühle für die Beatbewegung auf der einen oder den lovecraft´schen Horror auf der anderen Seite aufbringen, es hilft allerdings für das Verständnis des Textes ungemein, eine gewisse Toleranz zu haben. Der Roman ist bewusst in Kerouacs nicht leicht verständlichem Stil mit seiner wilden Mischung aus verschiedenen Ebenen - zusätzlich aus der immer gleichen Perspektive des Autoren - und verschiedenen nahtlos in einander übergehenden Realitäten geschrieben worden. Dazu in einem leicht ironisch- lakonischen Stil mit einem genauen Auge für Unstimmigkeiten unserer heutigen und der damaligen sechziger Jahre Gesellschaft. Geschickt extrapoliert Mamatas diese Tendenzen und integriert diese in die Vergangenheit. Das Resultat ist verwirrend. Um die zugrunde liegende Reise durch Amerika zu verstehen, braucht der Leser sich weder mit der Lebensauffassung der Beats noch der dunklen amerikanischen Trauma auseinandersetzen. Mamatas variiert diese beiden Komponenten. Zu Beginn wirkt die Geschichte wie ein unzugänglicher Drogentrip, in der Mitte wie eine klassische Quest im Stil der Weird Tales Magazine mit dem Ziel, das erwachende Böse wieder in den Schlaf zu wiegen und schließlich der Kumulation in einem zynischen, düsteren und damit auch Generationen umspannenden Ende. Wer eine Botschaft sucht, wird sie nicht im eigentlichen Roman, sondern im mit sieben Seiten doch ausführlichen Epilog finden. Kerouac und sein Alter Ego Neal haben das imperialistische Amerika gerettet, welche Ironie schwingt alle in diesem Höhepunkt seines Romans mit. Die Reise und der Konflikt lassen Jack Keouac verbittert zurück. Er ist inzwischen Alkoholiker, seine Fans verfolgen ihm auf Schritt und Tritt, um in seinem literarischen Schatten ihre persönliche Erfüllung zu finden und er kann kaum seine primitive Hütte verlassen. Dort stapeln sich seine immer verschlüsselteren Werke, die kaum noch bei einem Verlag zu platzieren, geschweige denn zu verkaufen sind. Das dieser Beatnickautor die Welt gerettet hat, steht in keiner Zeitung. Zynisch schreitet er seine innere Verzweifelung heraus, doch - wie in seinem bisherigen Leben - nehmen die meisten nicht den Menschen Keouac war, sondern nur den poetischen Literaten. Erst diese Szenen heben die bislang oberflächlich interessante, geradlinige Geschichte aus dem Mittelmass heraus. Auf den ersten fast zweihundert Seiten beschränkte sich...
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Schräger Crossover zwischen Beatniks und Lovecraft, 21. Oktober 2005
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Abwärts. Move under ground (Taschenbuch)
Kurz: Die Haupt-Autoren der amerikanischen Beat-Literatur der 50er bis frühen 60er Jahre - Jack Kerouac, William Burroughs, Allen Ginsbergh und Neal Cassidy - treten zum Kampf gegen den "Großen Cthulhu" an, den bekanntesten von H. P. Lovecrafts Monster-Alien-Göttern, der sich daran macht, ganz Amerika zu verschlingen bzw. zu fluten. Nick Mamatas präsentiert das als wilden, psychedelischen Roadtrip mit zahlreichen Zitaten sowohl aus Lovecrafts Werken als auch aus den Büchern der "Beatniks", lockeren Bezügen zu den tatsächlichen Biographien der Beat-Autoren (inklusive desillusioniertem Abgesang auf den späten Kerouac im Epilog) und einigen Portionen Jazz, Blut und Tentakel-Schleim. Ein ziemlich bizarres, schräges Werk ohne nachvollziehbare Story, das versucht, zum Teil sehr gegensätzliche literarische Traditionen zu verschmelzen. Schätzen kann das Buch deshalb auch nur, wer sich sowohl für Lovecraft als auch für die Beat-Autoren interessiert. Der bemerkt dann auch, daß Nick Mamatas seine Quellen durchaus kennt - auch wenn das resultierende Crossover insgesamt nicht wirklich zu überzeugen weiß. Als mutiges Kuriosum kriegts trotzdem drei Sterne. Ausführlich: Mit Move Under Ground legt Nick Mamatas einen ziemlich schrägen und ungewöhnlichen Crossover hin. Ungewöhnlich deshalb, weil hier zwei literarische Genres aufeinandertreffen, die auf den ersten Blick so wenig als möglich miteinander gemein haben. Da ist einmal Onkel Lovecrafts bewährte Horrorshow um tentakelige Alien-Götter, die unbändigen Appetit auf unsere Welt haben - zum anderen die Beat-Literatur der fünfziger Jahre mit ihren Hauptfiguren respektive -autoren Jack Kerouac, William Burroughs, Allen Ginsberg und Neal Cassady. Zu einer Zeit, da Lovecraft erst ganz allmählich im Bereich der phantastischen Literatur zu seinem posthumen Kult-Status aufstieg, haben diese "Underground"-Autoren die amerikanische Literatur aufgemischt - Kerouac im Wesentlichen mit "On the Road" (dt. "Unterwegs"), Wiliam Burroughs mit "The Naked Lunch" (dt. "Naked Lunch") und Allen Ginsberg mit seinem Gedicht "Howl" (dt. "Geheul"). Von Neal Cassady wurden später Tage- und Notizbücher veröffentlicht - in erster Linie aber diente der hyperaktive Draufgänger, Frauenheld und Lebenskünstler insbesondere Kerouac bei seinen queramerikanischen Trips als Muse und Leitfigur. In dieser Funktion taucht Cassady auch in Mamatas' Roman auf - denn als Kerouac sich aufmacht, Amerika aus des "Great Elder God's Cthulhu" schleimiger Umklammerung zu befreien, nachdem er Zeuge des Auftauchens der versunkenen Stadt R'lyeh direkt vor der kalifornischen Küste ward, sucht er erst einmal nach Neal - um festzustellen, daß dieser sich offenbar mit der dunklen Seite der Macht verbündet hat. Nachdem Bill Burroughs die beiden mit harscher Waffengewalt davor bewahrt, von fanatischen Cthulhu-Kult-Anhängern geopfert zu werden, machen sich die Beatniks auf zu einem Zickzack-Kurs quer durch ein unheilvoll verwandeltes Amerika - ein psychedelischer Road-Trip mit diversen Zitaten aus Kerouacs, Burroughs' und Lovecrafts Büchern, der in einem Showdown im apokalyptisch mutierten New York gipfelt. Einen genaueren Handlungsabriß zu geben, ist leider nicht möglich, denn eine nachvollziehbare Story ist kaum vorhanden. Mamatas schubst seine Protagonisten auf ihrem mäandernden Weg durch L'Amerika von einer alptraumhaften Szene in die andere, mischt Lovecrafts Monster mit den Junkie-Phantasmen eines William Burroughs und Kerouacs Blick auf die amerikanische Landschaft und die Seele des Jazz. Vage schimmert hier und da die Absicht durch, Cthulhu als den bösen Einfluß hinter einem nur noch der Macht des Geldes unterworfenen Amerika zu identifizieren - im Gegensatz zu dem "heilen", "ehrlichen" Amerika, nach dem Kerouac einst in "On the Road" fahndete (das aber wohl auch schon zu jener Zeit, als Kerouc tatsächlich "on the road" war, nicht viel mehr als ein schöner Traum gewesen sein dürfte). Die Motivation der "Helden", woher sie denn überhaupt ihr als als ganz selbstverständlich behandeltes Wissen um Lovecraft's Alien-Götter haben - das bleibt auf der Strecke (bzw. verliert sich irgendwo zwischen Arizona und St. Louis). Am überzeugendsten ist noch das letzte Kapitel, bzw. der Epilog: Hier präsentiert Mamatas Jahre nach den fiktiven monströsen Abenteuern einen Blick auf den späten Kerouac, einen verbitterten, alternden Schriftsteller, der im Haus seiner Mutter lebend von den Resten seines Ruhms zehrt, frustriert über den Zustand der Welt und die Tatsache, daß ihm niemand je die Rettung eben dieser Welt vor den tentakelbewehrten Mächten der Finsternis gedankt hat. Mamatas greift an dieser Stelle am pragmatischsten auf tatsächliche biographische Details zurück und liefert auf wenigen Seiten die knappe, treffsichere und dennoch poetische Skizze eines literarischen Helden auf dem Abstieg. (Wen's interessiert: eine interessante und spannend erzählte Geschichte der Beat-Literatur und ihrer Hauptverteter bietet "Dies Land ist unser" von Hans-Christian Kirsch, derzeit leider nur antiquarisch erhältlich). Übrigens: Ein weit überzeugenderes Kreuzüber aus Lovecraft-Kult und anderen, auf den ersten Blick scheinbar unvereinbaren Elementen hat Ljubko Deresch mit seinem kürzlich auf deutsch veröffentlichten Roman "Kult" geschaffen (als Taschenbuch bei Suhrkamp). Der unverschämt junge, ukrainische Autor mixt darin Lovecrafts Monster samt kultig-fiktiver Literaturzitate mit psychedelischem 60er-Jahre-Feeling (Pink Floyd, King Crimson, Drogenexperimente und der Lizard King lassen schön grüßen) und post-sozialistischem Realismus in einem fiktiven Städtchen am Rande der westukrainischen Karpathen, das es dank düster-magischer Atmosphäre durchaus mit Lovecraft's Arkham aufnehmen kann. Seine Story (in der natürlich einmal mehr die Welt vor dem Einbruch außerweltlichen Chaos gerettet werden muß) erzählt Deresch flott und locker, spannend und mit atmosphärisch treffsicheren Stilvariationen und streut dabei noch diverse Zitate aus Literatur und Musik über das Ganze, daß es nur so ein Vergnügen ist. Das Buch kommt ohne ausgesprochenes Happy End aus, aber nicht ohne jeden Hoffnungsschimmer. Und zu hoffen bleibt auch, daß von diesem Autor noch mehr übersetzt wird, denn sonst muß ich noch ukrainisch lernen!
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