Zwei deutsche Lebensläufe zweier Männer, deren Namen wir nicht erfahren: Ein (westdeutscher) Bauernsohn aus dem Wendland, der Journalistik studiert, bei einer großen Hamburger Zeitung arbeitet, bevor er nach Berlin geht (nicht zuletzt wegen einer von ihm geliebten Frau), wo er vom Schreiben lebt, und ein (ostdeutscher) Grenzsoldat (der Nationalen Volksarmee, später des Bundesgrenzschutzes), der einer Ukrainerin in Slubice bei der Flucht in den Westen hilft, und ihr, als er später Taxifahrer in Berlin ist, wiederbegegnet. – Mich haben die 540 Seiten dieses Romans gefesselt, es ist ein großes, sprachlich meisterliches Werk, über das Leben und Überleben in der deutschen Gegenwart, die von ihrer Vergangenheit (in Diktaturen) und von erheblich verschärften ökonomischen Bedingungen diktiert wird. Doch immer bleibt die Sehnsucht nach dem privaten Glück, mit welch grenzenlosem Einfühlungsvermögen nähert sich Jirgl seinen beiden Figuren. Die erzählende Prosa wird ergänzt durch ab und an eingestreute dokumentarische oder theoretische Reflexionen (wohl des westdeutschen Journalisten/Schriftstellers) z. B. über die Natur, das Internet, die Folter, das Geld und das Schreiben, nicht selten grammatikalisch ein wenig eigenwillig und formal experimentell (etwa mit "Links" im Text auf spätere oder vorangeganene Seiten), aber stets lesbar, anregend, manchmal mit einer unglaublichen Wut geschrieben. Und der Titel des Romans? Daß wir in einer nervösen Zeit leben, das spürt jeder, und was heißt Abtrünnig? Fliehend, sich abwendend, entronnen: Jirgl zeigt Menschen, die abtrünnig geworden sind, positiv wie negativ, die zu neuen Ufern, Orten, Ländern, Menschen aufbrechen, sich befreien (wollen). Zwar hält die Großstadt Berlin bei weitem das nicht, was sie verspricht, doch die Menschen, die in ihr leben, behalten ihre Wünsche und Hoffnungen, auch wenn vieles, zu viel scheitert, und auch der Tod macht einen Strich durch die Rechnung des Lebens. Ein außergewöhnliches, kraftvolles Buch.