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Abtrünnig,
  
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Abtrünnig, [Unbekannter Einband]

Reinhard: Jirgl
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Produktinformation

  • Unbekannter Einband
  • Verlag: München, Hanser 2005, (2005)
  • ASIN: B002BZ9KSA
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)

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Reinhard Jirgl
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20 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Format:Gebundene Ausgabe
Zwei deutsche Lebensläufe zweier Männer, deren Namen wir nicht erfahren: Ein (westdeutscher) Bauernsohn aus dem Wendland, der Journalistik studiert, bei einer großen Hamburger Zeitung arbeitet, bevor er nach Berlin geht (nicht zuletzt wegen einer von ihm geliebten Frau), wo er vom Schreiben lebt, und ein (ostdeutscher) Grenzsoldat (der Nationalen Volksarmee, später des Bundesgrenzschutzes), der einer Ukrainerin in Slubice bei der Flucht in den Westen hilft, und ihr, als er später Taxifahrer in Berlin ist, wiederbegegnet. – Mich haben die 540 Seiten dieses Romans gefesselt, es ist ein großes, sprachlich meisterliches Werk, über das Leben und Überleben in der deutschen Gegenwart, die von ihrer Vergangenheit (in Diktaturen) und von erheblich verschärften ökonomischen Bedingungen diktiert wird. Doch immer bleibt die Sehnsucht nach dem privaten Glück, mit welch grenzenlosem Einfühlungsvermögen nähert sich Jirgl seinen beiden Figuren. Die erzählende Prosa wird ergänzt durch ab und an eingestreute dokumentarische oder theoretische Reflexionen (wohl des westdeutschen Journalisten/Schriftstellers) z. B. über die Natur, das Internet, die Folter, das Geld und das Schreiben, nicht selten grammatikalisch ein wenig eigenwillig und formal experimentell (etwa mit "Links" im Text auf spätere oder vorangeganene Seiten), aber stets lesbar, anregend, manchmal mit einer unglaublichen Wut geschrieben. Und der Titel des Romans? Daß wir in einer nervösen Zeit leben, das spürt jeder, und was heißt Abtrünnig? Fliehend, sich abwendend, entronnen: Jirgl zeigt Menschen, die abtrünnig geworden sind, positiv wie negativ, die zu neuen Ufern, Orten, Ländern, Menschen aufbrechen, sich befreien (wollen). Zwar hält die Großstadt Berlin bei weitem das nicht, was sie verspricht, doch die Menschen, die in ihr leben, behalten ihre Wünsche und Hoffnungen, auch wenn vieles, zu viel scheitert, und auch der Tod macht einen Strich durch die Rechnung des Lebens. Ein außergewöhnliches, kraftvolles Buch.
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13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Mächtig tranig 9. Juli 2010
Format:Gebundene Ausgabe
Ein anstrengendes Buch. Ein schlecht gelauntes. Als Leser fühlt man sich auf die Probe gestellt. Wird man den Romangestalten die Aufmerksamkeit entziehen, wozu sie einen ständig herausfordern? ' man wird es, außer man interessiert sich für Autoren, denen die Belastung und Ausweitung der Rezeptionstechniken wichtig ist.

Auffälligstes Merkmal beim Durchblättern des Buches sind orthografische Sonderfälle. Nicht vereinzelt, sondern zu einem neuen Strauß Regeln gebunden. So stehen z.B. Ausrufezeichen innerhalb eines Satzes vor dem Wort, welches sie betonen. Und der Nachdruck, den man mit dieser neuen Regel erzeugt, ist ein echoner Ausruf, mit kurzem effektvollem Vorhalt. Wie man das aus gespielt empörten Gesprächen kennt.

Die Aufweichung der starren Regeln deutscher Rechtschreibung zugunsten einer Ausdrucksvielfalt wird bei Jirgl allerdings zu einem eigenen, eben dem Jirglschen starren Regelverhau, mit anderer, aber genauso wenig Ausdrucksvielfalt, nur irritieren tut es. Er macht sich seine eigene Regel und das ist in dem Romantitel ja auch schon angekündigt.

'Abtrünnig' ist ein Roman aus Deutschland und Jirgels Bockigkeit gegenüber deutschen Reglements ist auch sehr deutsch. Das Widerstreben, der Unmut und die Duckmäuserei gegenüber den Lebens- und Arbeitsverhältnissen, die klare Einsicht in asoziale, ausbeuterische, intrigante Zeitläufte, die vollmundig und weitschweifig dargelegt werden, liegen umso verzweifelter fest, da selbst diejenigen, die das zu formulieren wissen, nichts Besseres oder auch nur anderes fordern und sich genauso kleinmütig verhalten, wie das für das Funktionieren unseres Staates so typisch ist.

Jirgels Romanfiguren sind männlich, mittleren Alters und illusionslos. Der Akademiker aus dem Wendland ist derartig selbstgerecht, dass sein Erzählen zuweilen in einen lächerlich hymnischen Ton fällt. Diese Männer haben Angst vor Frauen ' mit Recht und sie hassen sie und sich dafür, sie wollen sie haben und das Leben auch und sie verstehen gar nichts und das wissen sie und dafür wollen sie bemitleidet werden und das ist anstrengend, denn sie entschädigen nicht dafür, sie sind weder brillant witzig noch ätzend ironisch, sie sind normal. Man muss also wirkliche Barmherzigkeit für diese rassistischen, frauenfeindlichen und immer neidischen, sich übervorteilt fühlenden deutschen Männer entwickeln. Es sind Jammerlappen und das ist leider gar nicht komisch.

Autoren wie Jirgl haben es schwer. Sie überwinden sich zu größtmöglicher Ehrlichkeit. Sie schreiben über ihre eigenen idiotischen Arbeitsbedingungen, eine Mischkalkulation aus Feuilleton und Stipendium. Sie bemühen sich, so wenig wie möglich zu lügen. Sie denunzieren sich und andere. Sie schreiben z.B. über Deutschland, besonders die Zeit knapp nach der so genannten Wende. Sie schreiben über die kläglichen Fantasien ihrer Geschlechtsgenossen, über das Paarungsverhalten im Allgemeinen und über das in Berlin im Besondern, und man muss konstatieren, es ist alles ganz richtig aufgeschrieben. Aber es ist nicht zu ertragen.

Nora Sdun
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Literatur! 27. Oktober 2010
Von adice
Format:Taschenbuch
Ein Buch für Leser, die sich oft langweilen, wenn sie den Empfehlungen der Feuilletons folgen bei der Buchwahl. Die Sprache Jirgls ist artistisch: mit offenen Mund starre ich auf diese Sätze, die mit zwei oder drei Bedeutungen jonglieren können. Das ganze ist aber keine Luftnummer. Das Gewicht des Lebens und der Geschichte zieht am ganzen Buch, und du wirst mitgezogen in diesem Sturzflug aufs Ende.
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