Aus meinem Munde klangen Psalmen, als ich den Weg zum Kloster anstieg. Von
dem Dorf kam ich herauf, wohin ich im Auftrag des Priors eine Nachricht getragen hatte, und
war überzeugt, daß mir noch Zeit bliebe bis zur Non. Wie aber war ich erschrocken, als die
Glocken zu läuten begannen. Hatte ich mich verspätet? Das befürchtete ich nur einen
Augenblick. Dann wußte ich nicht mehr, ob die Sonne um die Erde sich drehte und ich mit
meinen Füßen auf dem Boden stand. Der Himmel über mir, der wurde dunkel. Schreie der
Brüder drangen an mein Ohr. In meinem Kopf ging alles durcheinander. War unser Kloster
angegriffen worden? Ging etwa der Satan in ihm um? Das zweite fürchtete ich mehr, weil
Brand in meine Nase biß, ein Rauch, wie er aus der Hölle Schlund zu stammen schien. Ich
eilte weiter, und aus den Augen rannen meine Tränen. Waren wir nicht längst genug bestraft?
Unseren Abt hatten wir verloren, und zwar in der schwersten Zeit des Klosters, wie auch die
älteren der Brüder mir bestätigten. Erst ging eine Seuche übers flache Land und dezimierte
jene, die in die Seelsorgkirche vor unsren Mauern kamen. Damit nahmen wir für unser
Kloster kaum noch Geld für Pacht oder für die Buße ein, auch nicht für die Hilfe der Priester
und die Wirkung unserer Reliquien. Zudem blieben die Pilger aus, und es wetteiferten
nunmehr der Bischof und der Herzog darum, von uns das Geld abzusaugen. Doch das alles
wäre zu ertragen gewesen, nicht hingegen konnte ich verwinden, daß - als unten in der Ebene
kaum einer mehr gestorben war - etliche unserer Brüder, darunter zwei meiner Lehrer und
andere, die ich hoch schätzte, von uns gegangen waren. Diese Erinnerungen wirbelten durch
meinen Kopf, als ich den Weg nach oben eilte. Mehrfach kam ich ins Straucheln, weil ich
meine Cuculle nicht raffte und bei steilen Stücken auf deren Enden trat. Doch hielt ich
niemals inne. Denn ich wollte wissen, welches Unglück an diesem Tag hinzugetreten war. Ich
erreichte die Seelsorgkirche, wandte mich nach rechts, nur wenige Schritte bis zum Tor
unseres Klosters, das zu meiner Überraschung offenstand. Gleich an der Cella ostiarii bog ich
nach links vom Wege ab und verharrte wie einst Lots Weib. Hohe Flammen schlugen auf.
Hinter der Kirche lag der Herd der Brunst und drohte das Gotteshaus zu fressen. Das durfte
doch nicht sein, und so eilte ich weiter, am Pilgerhaus vorbei, an meiner Schule, in der es seit
Wochen keinen Unterricht mehr gab, und weiter zum Kapitelsaal, der mir ebenfalls zur
Linken lag. Meine Sorge aber galt der Kirche, die rechts von mir sich aufwärts reckte. Und
meine Angst, die wuchs, und sie schlug um in Erschütterung. Die Feuer loderten bereits aus
einem der Fenster, hinter denen ich oftmals über Büchern gesessen hatte. Das Gotteshaus, es
brannte, und zwar das Querschiff, dessen südliche Seite mit der Bibliothek. Wie rasch konnte
das Feuer sich weiterfressen, wenn die Pergamente entflammten, zumal der Wind von Westen
wehte und die Brunst zum Langhaus trieb. Mir war, als seien meine Füße mit der Erde fest
verwachsen. Ich kam nicht rasch genug voran. Nicht anders ging es wohl den Brüdern, die mit
Eimern hin zum Brunnen rannten, die mit Klatschen gegen Flammen sich zu wehren suchten,
auch nicht jenen, die in aller Hast die Güter alter Weisheit retteten, nicht ihres Lebens
achtend. Fortan versank auch ich in einem Rausch, trug Bücher aus der Kirche, zwei sogar, an
denen die Glut schon nagte. Ich half, die Eimer mit Wasser zu schleppen, karrte Erde heran,
die zum Löschen diente.