So, nach elf Fünf-Sterne-Wertungen bin ich der erste, der hier mal etwas Wasser in den Wein gießt und sich dafür vermutlich den Unmut seiner Mitmenschen in Form nicht hilfreicher Bewertungen bzw. entsprechender Kommentare zuzieht - falls das hier überhaupt jemand liest.
Drei Jahre nach dem überraschenden Tod von Paul Raven gibt es also erstmals seit 1982 ein neues Album in der - selbstverständlich - legendären Originalbesetzung. Dieser Umstand ist für die Vermarktung ohne Frage mehr als hilfreich, aber wer die Karriere der Band seit ihren Anfängen verfolgt hat, wird sich erinnern, dass der Urbesetzung nach sehr guten Singles und dem hervorragenden ersten Album von 1980 spätestens mit dem dritten Album "Revelations" (1982) weitgehend die Luft ausgegangen war. Zu diesem Zeitpunkt hätten sich Killing Joke getrost auflösen können, ohne dass ihnen viele Tränen nachgeweint worden wären. Das Ende der Urbesetzung war damals kein Beinbruch, sondern wohl eher eine notwendige Voraussetzung, um der Band dringend benötigte neue Impulse zu geben. Der Erfolg zeigte sich schließlich auf dem grandiosen fünften Album "Night Time" (1985).
"Absolute Dissent" ist ein Lebenszeichen, das von den Fans nach dem harten Einschnitt des Jahres 2007 durch den plötzlichen Tod von Paul Raven mit sehr großer Erleichterung aufgenommen wird, so dass man über offensichtliche Schwachstellen anscheinend gern hinwegsieht. Das ist jedenfalls meine Interpretation der fast ausschließlich enthusiastischen Kommentare der Fangemeinde. Meiner Meinung nach handelt es sich lediglich um eine Bestandsaufnahme, ein Dokument der Orientierungssuche einer zwangsweise neu formierten Band. Nach der mehrmonatigen Verschiebung des ursprünglichen Veröffentlichungsdatums (eigentlich immer ein Alarmzeichen) und der schwachen Vorabauskopplung "In Excelsis" hatte ich allerdings wesentlich Schlimmeres befürchtet, obwohl mir als Fan natürlich bewusst ist, dass diese Band schon zahlreiche Krisen durchlebt hat, um im Anschluss wie Phoenix aus der Asche und stärker denn je zurückzukehren.
In einem Interview mit Jaz Coleman war zu lesen, dass die Veröffentlichung des Albums sich verzögerte, weil man sich nicht auf die Titelauswahl einigen konnte, so dass die Tracklist eine hart errungene Kompromisslösung darstellt. Angesichts der Qualitätsunterschiede der Songs und der großen stilistischen Bandbreite verwundern einen diese Aussagen nicht. Das Ergebnis ist eine Art musikalischer Gemischtwarenladen, oder mit etwas mehr Wohlwollen formuliert: Es ist für jeden etwas dabei. Tracks im Stil der letzten Alben (Absolute Dissent, Depthcharge) wechseln sich mit inspirationsfreiem Proll-Stadionrock (In Excelsis) und - gemessen am Sound der letzten Alben - ungewohnt seichten Klängen (European Super State, Here Comes The Singularity) ab, zwischendurch gibt es sogar eine Art Ballade (The Raven King, eindeutig der Höhepunkt des Albums) und schließlich im letzten Song Dubsounds, die ein wenig an die Anfangstage der Band erinnern (Ghosts of Ladbroke Grove).
Das liest sich jetzt nicht besonders vielversprechend, dennoch ist "Absolute Dissent" keineswegs ein schlechtes Album, obwohl es auch schwächere, aus meiner Sicht schon fast einfältig-simple Songs ("In Excelsis", "Here Comes The Singularity") enthält. Selbstverständlich besitzen Killing Joke noch immer die Fähigkeit zu überdurchschnittlichem Songwriting und rocken wie kaum eine andere Band auf diesem Planeten. Ein wirklich schlechtes Album werden sie daher wohl auch nicht mehr veröffentlichen, aber dieses ist leider trotz einiger sehr guter Songs eher durchwachsen. Aufgrund der häufigen stilistischen Brüche fehlt der übergeordnete Spannungsbogen, der es zu einem in sich geschlossenen Werk, zu einem echten Album statt nur einer eher beliebig wirkenden Aneinanderreihung neuer Songs machen würde. Diese fehlende Geschlossenheit macht es mir persönlich sehr schwer, auch die - praktisch auf jedem Album vorhandenen - weniger starken Songs zu akzeptieren.
Obwohl "Absolute Dissent" über weite Strecken durchaus unterhaltsam ist, reicht es bei weitem nicht an die besten Alben der Band heran, die ich mit fünf Sternen bewerte. Im relativen Vergleich gibt es daher nur 3 Sterne von mir (mit meinen Lieblingsbands bin ich sehr streng). Obwohl es diesmal in der "neuen" Besetzung noch nicht gereicht hat mich zu begeistern, bleiben Killing Joke trotzdem von allen noch existierenden Rockbands meine unangefochtene Nummer 1, und die besseren Songs dieses Albums bestärken mich darin, auch nach dreißig Jahren Bandgeschichte noch Großes von ihnen zu erwarten.