"The New Frontier" ist ein durch und durch amerikanischer Comic. Das beweist bereits der Titel, welcher einen zentralen Begriff aus der Rede John F. Kennedys beim Nominierungsparteitag der Demokraten in Los Angeles vom 15. Juli 1960 zitiert, die im Epilog auszugsweise wiedergegeben wird. Darin beschwört Kennedy einen neuen Pioniergeist, der die Amerikaner über alle Differenzen hinweg einen soll, um die innen- und außenpolitischen Probleme der Gegenwart zu lösen.
Die Kennedy-Rede steht am Ende des Buches als Fanal für eine neue, bessere Zeit. Die gesellschaftlichen und politischen Probleme der USA im vorangehenden Jahrzehnt bilden den Hintergrund der Geschichte. Dabei geht es um die Verdächtigungen der McCarthy-Ära, den Rassismus oder die Kriege in Korea und Vietnam. Verdeutlicht werden diese Probleme mit den Möglichkeiten des Superheldencomics: Die "Justice Society of America" (JSA) wird auf Betreiben Richard Nixons "unamerikanischen" Handelns bezichtigt und zum Rückzug gezwungen. Der Marsianer J`onn J`onzz beschließt, die Erde zu verlassen aus Angst vor den rassistischen Übergriffen weißer Amerikaner. Präsident Eisenhower wiederum will von Wonder Womans Einsichten zu Vietnam nichts wissen (mit den bekannten tragischen Folgen). So sind die Superhelden enttäuscht von den Machenschaften des Kongresses und der Regierung in einem zerstrittenen Land.
Doch es gibt Hoffnung, denn wie sagt Superman so schön: "Our America is an Ideal, not an Administration" (S. 240), womit er den Behauptung des Historikers Detlef Junker "Die amerikanische Nation hat keine Ideologie, sie ist eine" bestätigt ("Power and Mission", Freiburg im Breisgau 2003, S. 18). "The New Frontier" bietet das volle Programm der amerikanischen Ideologie zur Bewältigung der Krise auf.
Da wird das amerikanische Sendungsbewusstsein, der Drang, Demokratie und Menschenrechte in aller Welt durchzusetzen, durch Wonder Womans Taten in Vietnam verkörpert ("I`ve given them their Freedom and a Chance for Justice... The american Way !", S. 84).
"Jedes Sendungsbewusstsein braucht zu seiner Realisierung den Feind" (Junker S. 19), wofür im Superheldengenre ein außerirdisches Monster von "biblischer" Dimension (S. 320f) herhalten muss. Im Kampf gegen einen übermächtigen Feind kann die Nation wieder zu sich selbst finden. Das bringt Superman deutlich auf den Punkt, wenn er wie ein zorniger Vater seine zerstrittenen Kinder zur Ordnung ruft: "It is my Destiny...my Goal, to take Part in reclaiming this Country. For free Men and Women everywhere. And I know in your Hearts that you all want this too." (S. 336f). So vermag der gigantische Kampf die Amerikaner -wie in den glorreichen Tagen der Weltkriege- zu einen und das Tor für die neue Zeit (s.o.) aufzustoßen. Die Welt wird gerettet, die Superhelden werden rehabilitiert und kämpfen fortan als "Justice League of America" (JLA) für das Gute in der Welt.
Autor Darwyn Cooke hat seine Geschichte in diesem Sinne sorgfältig und konsequent konstruiert. Sie repräsentiert auf das Deutlichste den amerikanischen Geist, inbesondere den der Präsidentschaft George W. Bushs, in dessen Zeit der Comic entstand. Vielleicht will aber gerade deswegen beim europäischen Leser der Funke nicht recht überspringen: Das Pathos ist einfach zu laut und das Heldentum zu aufdringlich. Der Klischeehaftigkeit der Handlung entspricht die Schablonenhaftigkeit der Zeichnungen. Zweifellos haben Cooke und seine Leute engagiert gearbeitet, doch die immergleichen kantigen Quadratschädel der Männer und die kugeligen Kindchenschemaköpfchen der Frauen können keine Tiefe, keine Persönlichkeit gewinnen.
So schaut man aus "Old Europe" doch mit Befremden auf "The New Frontier".