Als Absinth-Liebhaber wird man im deutschen Sprachraum wahrlich nicht mit guter Fachliteratur verwöhnt. Wenn man sich anschaut was im englischen und vor allem französischen Sprachraum an umfangreichen, informativen und optisch ansprechenden Werken erscheint, kann man in Deutschland bloß vor Neid erblassen bzw. seine Fremdsprachkenntnisse zusammenkratzen.
Nun ist mit Absinthe : die Wiederkehr der grünen Fee" nach Jahren des Wartens wieder eine winzige Einführung in die Geschichte des Absinths erschienen, die leider viele Mängel beinhaltet.
Als erstes ist zu bemerken, dass es den Autoren gar nicht um eine allgemeine Einführung ins Thema geht, sondern im Grunde eine Art Kampfschrift" für die im schweizerischen Val de Traverse ansässigen Destillateure verfasst wurde, die kürzlich, Jahre nachdem Absinth in der gesamten EU wieder erlaubt ist, aus der Illegalität der Schwarzbrennerei heraustreten konnten. Es wird suggeriert, dass richtiger Absinth im Grunde genommen farblos ist und überhaupt nur im Val de Traverse produziert wird. Würde man mal den Blick aus dem Tal, über den Rand der es umrahmenden Berge erheben, müsste dort trotz allem Regionalismus die Einsicht wachsen, dass inzwischen überwiegend in Frankreich und sogar in der deutsprachigen Schweiz, hochwertige, ausgefeilte und nach allen Regeln der Kunst gefärbte Absinthe produziert werden und man lediglich aus Tradition, Unvermögen und Ignoranz die Entwicklung verschlafen zu haben scheint.
Immerhin gelingt es den Autoren zu vermitteln, dass das Val de Traverse ein nettes Reiseland ist, wo man, vorausgesetzt man bringt sich einen guten mit Kräutern gefärbten Absinth zum eigenen Genuß mit, ein zünftiges Wochenende verbringen kann. Gleichzeitig könnte man, ausgestattet mit diesem Nektar, ein wenig Entwicklungshilfe leisten.
Ebenfalls als störend erweist es sich, dass beim Abfassen der unterschiedlichen Aufsätze nicht auf ein gemeinsames Konzept geachtet wurde. Richtige Aussagen, beispielsweise über die nicht vorhandene psychedelische Wirkung des Absinths, werden im nächsten Kapitel, etwa durch die Aussage eines langjährigen Kiffers" in Frage gestellt, dem Absinth wie das Kokain unter den Alkoholika erscheint. Derartige Kronzeugen sind einfach unzumutbar. Übrigens wurde die dem Absinth früher angedichtete Drogenwirkung aus naturwissenschaftlicher Sicht bereits vor Jahren ins Märchenland verbannt und wird lediglich von unseriösen Geschäftemachern immer wieder hervorgekramt, um unwissenden Jugendlichen ihr Taschengeld abzuknöpfen. Der Nachtschattenverlag wollte offenbar seinen Stammlesern nicht alle Illusionen rauben.
Ansonsten wurde an einigen Stellen schlampig recherchiert. So hat es Rimbaud zu Beispiel nie bis in die Südsee geschafft, sondern verdiente sein Geld mit schmutzigen Geschäften in Ostafrika (als Dichter bleibt er für mich dennoch unantastbar).
Doch bei aller Kritik muß auch gesagt werden, dass einige, wenn auch zu wenige Kapitel informativ und gut recherchiert sind. Allen voran die Beiträge des inzwischen leider verstorbenen Kulturforschers Sergius Golowin, dessen Name immer für informative und unterhaltsame Ethnologie stand. Dafür 2 Sterne.