Nachdem ich nun alle Titel der Kenzie/Gennaro Reihe gelesen habe, kann ich sagen, dass die ersten beiden Bücher ("A drink before the war" = "Streng vertraulich" und "Darkness, take my hand" = "Absender unbekannt") leider auch die schlechtesten der Reihe sind.
Um einen falschen Eindruck von vornherein zu vermeiden zu Dennis Lehanes Büchern insgesamt nur soviel: Lehane ist vermutlich einer der innovativsten, aktuellsten und stilistisch ansprechendstem "Mystery"- Writer seiner Generation. Seine Plots sind nicht nur durchweg spannend geschrieben, sie enthalten in aller Regel auch einen emotionalen sowie moralischen Tiefgang wie bei keinem anderen modernen Krimiautor. Lehane hat es einfach drauf Spannung mit Tiefgang und Glaubwürdigkeit zu verbinden. Nehmen sie nur einmal Dan Brown ("The da Vinci code" = "Sakrileg", "Angels & Demons" = "Illuminati") zum Vergleich. Brown schreibt sehr spannende Bücher, whare "page turner". Inhaltlich driften seine plots jedoch ziemlich stark ins Lächerliche ab, da er es nicht hinbekommt Spannung auf seriöse Art und Weise zu erzeugen. Dennis Lehane gelingt aber genau das jedesmal aufs Feinste. So im Prinzip auch bei "Darkness...".
Jedoch fällt "Darkness..." insbesondere im Vergleich zur Qualität von Lehanes jüngeren Romanen doch schon merklich ab. Woran liegt das? Meines Erachtens bietet "Darkness..." nichts was man so oder so ähnlich nicht schon mal irgendwo gelesen hätte. Das soll jetzt kein Aufruf zu inhaltlicher Übertreibung sein, da mir gerade die Glaubwürdigkeit der Plots von Lehane besonders gefällt. Auf der anderen Seite sind die jüngeren Kenzie/Gennaro Romane, allen voran "Gone, Baby, Gone" = "Kein Kinderspiel" (2007 hervorragend verfilmt von Ben Affleck - Lesen und dann Anschauen!!!) in der Sache aktueller (siehe zu "Gone, Baby Gone" der Fall Maddie McCann, der 2007 durch die internationalen Medien ging). Was mir bei "Darkness..." aber besonders missfallen hat, war die geringe emotionale Reflektion bei Patrick. Das kann Lehane viel besser (siehe insbesondere "Prayers for Rain" = "Regenzauber"). Patrick scheint bei "Darkness..." die zum Teil extreme Gewalt seiner Umwelt locker wegzustecken. Jedenfalls fehlen die sonst so Lehane typischen großen moralischen Fragen, denen sich Patrick meist am Ende der Bücher stellen muss. Man kann wirklich sagen, dass sich Dennis Lehane mit jedem neuen Buch gesteigert hat und daher empfehle ich jedem Lehane Neuling dringend, mit dem ersten Band der Reihe ("A drink before the war" = "Streng vertraulich" zu beginnen und sich dann durch die ganze Reihe durchzulesen. Fängt man nämlich, wie ich, mit einem der letzten Kenzie/Gennaro Bücher oder gar mit dem absolut genialen "Mystic River" an, dann kann es schon passieren, dass man etwas enttäuscht ist und einen insbesondere "A drink..." etwas langweilen/unterfordern könnte.
Ziehen wir Bilanz: Lehane ist an sich uneingeschränkt zu empfehlen. Wer nicht vorhat die ganze Reihe zu lesen, der kann mit "Sacred" = "In tiefer Trauer" beginnen und die ersten beiden Romane der Reihe getrost auslassen. Wer die ganze Reihe lesen will sollte jedoch zwingend die Reihenfolge einhalten. Wichtig: Auf keinen Fall "Prayers..." = "Regenzauber" vor "Darkness..." = "Absender unbekannt" lesen, da ich meine mich zu erinnern, dass der Täter aus "Darkness..." in "Prayers..." am Anfang namentlich erwähnt wird.