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Abschied von den Feinden: Roman
 
 
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Abschied von den Feinden: Roman [Taschenbuch]

Reinhard Jirgl
2.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 336 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Dezember 1998)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423125845
  • ISBN-13: 978-3423125840
  • Größe und/oder Gewicht: 19 x 11,9 x 2,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 2.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 369.965 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Mehr über den Autor

Reinhard Jirgl
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Lesezeichen

Herz der Dunkelheit

Reinhard Jirgls «Abschied von den Feinden»

Die Protagonisten in Reinhard Jirgls Roman sind keine Helden. Aber sie erleben und erleiden Un- und Übermenschliches. Sie werden ebenso wie die anderen Gestalten dieses Ausnahmeromans vom Erzähler, genauer: von den vielen Erzählern, nicht bei ihrem Namen gerufen. Aber sie haben, ihrer Namenlosigkeit zum Trotz, eine unverwechselbare Lebensgeschichte, in die sie verstrickt sind. Eine (deutsche) Geschichte, die nur ihnen gehört und der sie ganz und gar gehören, obwohl sie nur eines wollen: ihr entspringen.

Die trostlose Geschichte ist schnell erzählt: Nach dem «endgültigen Verlöschen, Implodieren, Sichauflösen eines Landes» (der DDR, die ebenfalls namenlos bleibt) kommt ein Namenloser in die verhasste Gegend zurück, in der seine Ursprünge liegen und der er, der Republikflüchtling, buchstäblich entsprungen ist. Ein uraltes Motiv: die Heimkehr des gebrochenen Helden. Jirgl erweckt in einem souveränen, weil untergründigen intertextuellen Spiel (u. a. mit der «Odyssee» und «Ulysses», mit «Alice in Wonderland» und «Michael Kohlhaas», mit der «Blechtrommel» und den «Mutmassungen über Jakob») diesen verblichenen Topos zu neuem Leben.

Ruiniertes Dasein

Der da zurückkehrt, ist kein Heimkehrer. Denn er hat wie sein dort verbliebener jüngerer Bruder, dem er zeitlebens in prekärer Symbiose verhaftet bleibt, Ursprung, Heimat und Familie nur im Zustand des traumatisierenden Zerfalls erlebt. Die Mutter wird vor den Augen der kleinen Kinder verhaftet, weil sie im Verdacht steht, noch Kontakte mit ihrem Mann, einem alten SS-Angehörigen, zu haben, der die Familie verlassen hat. Die Brüder kommen in ein Heim, aus dem sie knapp vor ihrem psychischen Tod von ihrerseits durch Vertreibung traumatisierten sudetendeutschen, katholisch-frommen «Alten» herausgeholt und adoptiert werden.

Beide Brüder lieben später leidenschaftlich dieselbe Frau und kämpfen erbittert um die Gunst der «Füchsin». Sie aber heiratet einen hemmungslos auf seine Karriere fixierten Ostberliner Chefarzt, der sie in die Psychiatrie einweisen lässt, als sie, la belle, la bête (u. a. wegen der anhaltenden Kontakte zu dem nach Westdeutschland geflohenen Bruder), seine Position bedroht. Die Nachricht vom rätselhaften Tod dieser elend ruinierten Frau lässt diesen kurz nach der Wende zurückkehren an den Ort seiner albtraumhaften Erinnerungen. «Die Zeiten verfrühter politischer Euphorien spien ihre Toten aus.»

Und es entfaltet sich ein vielfach gebrochener Erinnerungs- und Erzählstrom von ganz eigentümlichem Reiz. Der Gefahr, typisch deutsche Betroffenheitsprosa zu produzieren, ist Jirgl (der 1953 in Ostberlin geborene Elektronik-Ingenieur und langjährige Techniker an der Volksbühne Berlin) mit erzähltechnischer Virtuosität und grosser Stilsicherheit begegnet.

Er schreibt multiperspektivisch, lässt sich auf die Reize und die Erkenntnisgewinne einer second-order-observation ein. Und er wiederholt immer dann, wenn der Sog seiner Prosa unerträgliche Nähe zum Grauen zu stiften droht, seine erzähltechnische Leitformel «Ich lasse ihn . . .», die mal der einen, mal der anderen Bruderperspektive zuzuordnen ist: Das Tun des einen ist das Tun des anderen. Für befreiende und erhellende Distanz sorgen überdies die nach anfänglicher Irritation erstaunlich suggestiven Schreibformen, die sich Jirgl erschaffen hat (u. a. Kürzel, Numerale, unorthodox verwendete Satzzeichen). Sie laden dazu ein, den Text rhythmisch (warum nicht halblaut?) zu lesen.

Und so entsteht ein polyphones Spannungsverhältnis zwischen intellektueller Distanzierungsgestik und sinnlicher Sogwirkung, das in der deutschen Gegenwartsliteratur einzigartig ist. Dafür nur ein kurzes Beispiel – gibt es doch Bücher, aus denen man nur zu zitieren braucht, um ihren Rang herauszustellen: In dem Grenzgebiet zum feindlichen Lager, nahe am Stacheldraht, nahe dem Nicht-Heimat-«Dorf, das seinen Namen verloren hat» und seine Bewohner zumal, brechen bei einem Feuer Pferde panisch aus ihrer Koppel aus und geraten auf den Grenzstreifen.

«Und die Pferde manche schon mit brennender Mähne trugen das Feuer wie blindwütige Brandstifter in den Grenzstreifen hinein 1 der Tiere hatte sich im Stacheldrahtverhau gefangen brannte schon wollte sich losreissen – da explodierte die Mine & riss dem Tier den Bauch entzwei Wir sahen durchs Fernglas Gedärme quollen aus dem Pferdeleib das Tier warf die Hufe gegen den Stacheldraht (. . .) und noch immer schossen die Selbstschussanlagen auf den Pferdeleib (. . .) wir standen in der Entfernung mit unseren Ferngläsern u konnten nichts tun Jeder Schritt dorthin u sei's nur das Tier von seinen Qualen zu erlösen wäre Tod auch für uns gewesen.»

Jirgls Roman ist auch ein Bestiarium – und eine literarische Variante zu Picassos kolossalem Guernica-Gemälde. Ut pictura poesis. Fliegenschwärme, Fische, Affen, Pferde und viele weitere Tiere bevölkern Jirgls Roman, der vom Leid aller Kreatur Zeugnis ablegt. Die bestialischen Motive entstammen zum Teil auch jenem Jugendroman, den die Brüder, der Faszination des Schreckens erliegend, gemeinsam lasen, jenem Roman, der einen Ich-Erzähler und einen Helden mit einem Namen hat: den Conquistador Padre Ignacio Ximenez, der ins Herz der Dunkelheit verschlagen wurde, weil sein Missionarsherz stets das Gute wollte und stets das Böse schaffte.

Nachwendezeitallegorie

Eine beklemmende DDR- und Nachwendezeitallegorie, die um ein abgründiges Motiv konstelliert ist, das die Derealisierungserfahrungen vieler in den «neuen Bundesländern» ausdrücken dürfte. Der Abschied von den Feinden zeitigt Desorientierung. Denn der Feind ist bekanntlich von hoher Funktionalität: In ihm hat die Frage, die uns umtreibt, ihre schlagende Gestalt gefunden. Die Feinde meiner Feinde sind in einer Welt der universalen Entstrukturierung auch meine Feinde.

Jirgls Bestiarium ist aber auch ein spätmoderner Physiologus – eine Wiederaufnahme des spätantiken und frühchristlichen Versuchs aus dem dritten Jahrhundert, aller Kreatur Sinn und Bedeutung zu unterlegen. Die Natur ist stumm vor Trauer. Und sie trauert, weil sie stumm ist. Jirgls Roman begreift die Sprache noch des ruiniertesten Daseins als das Medium der Befreiung aus diesem schrecklichen Zirkel. Dass ihr dies glückt, bestimmt ihren Rang. Für das Manuskript dieses Romans hat Jirgl 1993 den Alfred-Döblin-Preis und 1994 den Marburger Literaturpreis erhalten. Er hätte weitere Preise verdient – vor allem aber Leser, die noch wirklich aufmerksam lesen können und wollen. Es lohnt.

Jochen Hörisch -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Kurzbeschreibung

Der Titel verheißt nichts Friedvolles insofern, als mit dem Verschwinden der Feinde immer auch die Freunde verschwinden; und wenn »das Böse« getilgt ist, beginnt die Selbstzerfleischung. Reinhard Jirgls Roman erzählt vom Verschwinden der Sicherheiten und Gewohnheiten, vom Abschied von vertrauten Orten und Menschen, Geschichten aus der Großstadt, aus der Provinz. Mit eigener, eigenwilliger Sprache erzählt Jirgl vor allem von denen, die zerrieben wurden, die auf der Strecke geblieben sind. "Abschied von den Feinden" ist kein Wende-Roman, sondern ein furioses Buch voller Liebes- und Verratsgeschichten, eine deutsche Geschichte zwischen Nachkrieg und Anfang der 90er Jahre.

Reinhard Jirgl wurde 1953 in Berlin (DDR) geboren. Ausbildung zum Elektromechaniker, Studium der Elektronik, Hochschulingenieur. Seit 1978 Arbeit an einem Berliner Theater.


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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
Harte Kost 14. Juni 2011
Format:Taschenbuch
"Bei Jirgl beschleicht einen das Gefühl, dass es doch noch einen Unterschied zwischen E-Kultur und U-Kultur geben könnte. Jirgl ist das, wovor uns die Germanistikprofessoren immer gewarnt haben."

Dazu, wie es sich gehört, ein Fundstellennachweis: das ist ein Satz aus der Laudatio von Helmut Böttiger zur Verleihung des Büchnerpreises 2010. Und es ist schon richtig: Bei Reinhard Jirgl gibt es keine Convenience-Literatur. Diesem Buch sieht man die harte Arbeit an der Form an. Die Sprache wird behauen und geschliffen. Das Ergebnis ist sicher nicht mehrheitsfähig, aber es hat Charakter.

"Abschied von den Feinden" zeigt, dass sich gesellschaftliche Verhältnisse, die die Menschen zerstören, nicht wirklich ändern, sondern in Zyklen ständig reproduzieren - das ist das Funktionsprinzip dieses Romans. Die Handlung ist auf drei Erzählperspektiven verteilt, ein Brüderpaar und so etwas wie ein Chor der "Wurstbrotigkeit" (Zit.Jirgl) in einer Provinzstadt in der gerade abgewickelten DDR, der - offenbar nach einem gewaltsamen Zusammenstoß mit Bewohnern eines Asylheimes selbst verwundet - auf den jüngeren der beiden Brüder einredet, der schwer verletzt in einem Krankenhaus liegt. An den Personen und Handlungssträngen wird deutlich, wie sich Verhältnisse, die die Menschen bis zur physischen Vernichtung bedrängen, ständig wiederholen; selbst die Umwälzungen der Wende- und Mauerfallzeit ändern daran nichts.

Sicher erinnert die Textgestaltung mit den Synonymen für Konjunktionen, mit Numeralen, einer erratischen Interpunktion, Neo- und Translogismen an Arno Schmidt und an Uwe Dick, und sicher stammt das aus einer ähnlichen Idee. Aber bei Jirgl funktioniert das anders, es ist stärker systematisiert; vor allem aber wird der Text nicht in kleine Filmschnitte gebrochen. Die Systematisierung wird in einem Textanhang erläutert, sie soll offenbar auch für nachfolgende Romane gelten, denn dort findet sich nichts dergleichen mehr.

Die Interpunktionsvarianten leuchten mir auf Anhieb ein, es ist, jedenfalls nach einer kurzen Eingewöhnung, durchaus nützlich, wenn man schon dem Beginn des Satzes ansieht, ob er eine Frage oder einen Ausruf enthält.

Nicht überzeugt bin ich dagegen von dem System der Numerale, und zwar aus folgendem Grund: der Artikel "ein" zum Beispiel lässt sich deklinieren, das Numeral "I" nicht. Das führt manchmal dazu, dass die konkrete Bedeutung und der entsprechende Lautwert erst deutlich werden, wenn in der nächsten oder übernächsten Zeile der Satz endet. So etwas stört mehr, als es Sinnebenen öffnet. Das und die Kürzel und Synonyme der Konjunktionen "und" und "oder" sind Dinge, die, wie Jirgl anderenorts selbst einräumt, beim Vorlesen ohnehin unter den Tisch fallen müssen. Wenn man ohne Sinnverlust vorlesen kann, und das kann man meiner Meinung nach, zeigt das, dass sprachliche Redundanz völlig ausreicht, alle nötigen Sinnebenen zu entschlüsseln.

Ein inhaltlicher Punkt stieß mir seltsam auf, es ist die Erzählperspektive des jüngeren Bruders. Den Grund möchte ich hier nicht verraten, weil damit eine Auflösung der Geschichte verraten würde. Nur soviel: im Film gilt so etwas als Todsünde.

Der Empfehlung, bei der Beschäftigung mit Reinhard Jirgl nicht mit diesem Buch anzufangen, kann ich mich nicht anschließen. Jedenfalls die "Hundsnächte" setzen die Kenntnis dieses Buches eigentlich voraus, es fiele sonst sehr schwer, Personen, Orte und Handlungsstränge richtig einzuordnen.
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Von W. Öschelbrunn TOP 500 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Hat mich Reinhard Jirgl in der Vergangenheit mit seiner Sprachgewalt schon mehrfach begeistert, hat dieser Roman meine Erwartungen nicht erwartet und mich erzählerisch sogar sehr enttäuscht.

Thematisch ist "Abschied von den Feinden" ein typischer Jirgl: Über mehrere Jahrzehnte erstrecken sich die kompliziert verschachtelten Geschehnisse um ein Bruderpaar, welches in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist und nun im wiedervereinigten Vaterland auf die jeweils eigene Art und Weise Vergangenheitsbewältigung betreibt.

Der ältere Bruder wurde als Vierjähriger traumatisiert, als er mitansehen mußte, wie die Staatsmacht ihn und seinen einjährigen Bruder aus der mütterlichen Wohnung entführte und bei Adoptiveltern unterbrachte. Die Adoptiveltern leben von der Dorfgemeinschaft zurückgezogen und hängen ihren Erinnerungen an die sudetendeutsche Heimat nach (ein Thema, dem sich Jirgl in "Die Unvollendeten" wesentlich gelungener und detaillierter widmet).

Viele Jahre später entscheidet sich der ältere Bruder für die Ausreise während der jüngere Bruder zurückbleibt. Die ebenfalls zurückgelassene Freundin des Bruders wird zu seiner zukünftigen Obzession. Nach dem Fall der Mauer kehrt der ältere Bruder in die alte Heimat zurück. Als der Zug auf freier Strecke stehen bleibt, schweifen seine Gedanken in die Vergangenheit zurück. Was weiter im Zuge der Rückkehr des älteren Bruders geschieht, ist mir schleierhaft geblieben. Die Erzählperspektive wechselt ständig, kaum läßt sich noch unterscheiden, welcher der beiden Brüder gerade die Handlung bzw. die Gedanken bestimmt. Lediglich die eingeschobenen Berichte der Dorfbewohner erhellen etwas das verworrene Gesamtszenario.

Am Ende liegt die Frau, die zwischen den beiden Brüder stand, ermordet in einem Graben. Der jüngere Brüder liegt im Krankenhaus und der ältere wandert durch eine verlassene Ruine und wenig später durch Dublin. Wie diese Einzelstränge zusammenpassen hat sich mir nicht erschlossen.

Diese erzählerische Verworrenheit wird auch nicht durch die unzweifelhafte sprachliche Brillianz Jirgls aufgewogen. "... der feiste Leib des Fremden gehörte zu jenen Menschen, die, soeben aus dem Bad gekommen, die Wasserperlen noch auf der Haut, schon wieder in ihren alten Körpergeruch hineinstiegen wie in abgetragne, feuchtklamme Wäschestücke. Vielleicht war dies eigentlich weniger ein Körper-Geruch, als vielmehr Gestank aus einem inneren Dreck : Wünsche Illusionen & Begierden, die eigenen Ansprüche & die Ansprüche an sich=selbst - und das völlige Versagen stets ..." (S 50)

In "Abschied von den Feinden" hat Jirgl den Komplexitätsbogen deutlich überspannt. Geradezu exemplarisch passen hierzu auch die Anmerkungen zu einigen sprachlichen Besonderheiten, die Jirgl dem Roman nachgestellt hat. Trotz fünfmaligem Lesens hat sich mir der Sinn dieser "erklärenden" Ausführungen nicht erschlossen. Wer sich erstmals mit Reinhard Jirgl auseinandersetzt, sollte von diesem Roman die Finger lassen und sich einem seiner späteren Werke stattdessen zuwenden.
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