Zunächst möchte ich erwähnen, dass ich keine Ausbildung in Theoretischer Physik genossen habe und Laughlin's Buch daher lediglich aus der Sicht des interessierten Laien bewerten kann.
Kerngedanke des Buches ist, dass eine umfassende und zufriedenstellende Erklärung der Naturphänomene nicht gelingen kann, ohne sich der Frage zu widmen, warum wir Ordnungsphänomene auf verschiedenen Ebenen beobachten, die sich nicht durch die Details der darunterliegenden Ebenen erklären lassen. Materialeigenschaften von Festkörpern lassen sich nicht alleine aus der Quantenmechanik herleiten und was den Unterschied zwischen belebter und unbelebter Materie ausmacht auch nicht. Dies sind aber nur einige Beispiele von vielen, die Laughlin vor dem Leser ausbreitet. Die Themenkreise reichen von der Festkörperphysik bis zur Kosmologie (Eigenschaften des Vakuums und Problem der Dunklen Energie).
In dem Buch habe ich von etlichen exotischen physikalischen Effekten zum ersten Mal etwas gelesen. Für den Laien ist es sehr interessant, von solchen tw. topaktuellen Untersuchungsgegenständen wenigstens mal eine grobe Vorstellung vermittelt zu bekommen. Für die interessierten Leser findet man zu jedem Kapitel ein Verzeichnis weiterführender Fachartikel oder Fachbücher. So ist es möglich, auf Wunsch richtig tief einzusteigen.
Laughlin bietet auch Einblicke in die Forschungspolitik und den Forschungsalltag. Die Konfliktsituation zwischen vertriebsorientiertem und kommerziell motiviertem Handeln einerseits und dem oft wirtschaftlich sehr problematischen Forschen um der reinen Erkenntnis willen ist plastisch dargestellt. Das Kapitel über die Spaltung der am SDI-Projekt beteiligten Wissenschaftler in die Lager der um Etats kämpfenden "Vertriebler" und die zunächst nur unbeliebten Vertreter der technischen Probleme ist sympomatisch. Es zeigt vor allem, dass Forschung von der individuellen Motivation der Handelnden geprägt ist und dass es somit in der Forschung viel mehr menschelt als akademischer Nimbus verbergen kann. Selbst für massigen Fördermittelbetrug ist da Platz, aber das wissen wir ja nicht erst aus diesem Buch.
Etliche Anekdoten würzen den Text. Ich habe das als nette Auflockerung empfunden und musste mehrmals lachen oder zumindest schmunzeln. Mir gefällt die Kritik am Bildungssystem, das angepasste Leute fördert und die wertvolle Kreativität der unvoreingenommenen Querdenker blockiert. Auf der Suche nach Erkenntnis stören Scheuklappen.
Die Botschaft des Textes ist in manchen Punkten sehr klar: immer tiefer Bohren wird nicht automatisch die gewünschten Antworten über die Funktionsweise der Natur liefern. Es gibt Sachverhalte, wo sich die Natur auf geradezu boshaft anmutende Art dagegen schützt, sich experimentell und theoretisch allzu tief in die Karten schauen zu lassen (Kapitel: "Die dunkel Seite der Protektion").
Laughlin will dazu ermutigen, die Lösungen oberhalb der reduktionistischen Ebene zu suchen. Mir erscheint das nicht marktschreierisch oder gar banal, sondern vernünftig und nachvollziehbar. Wer z.B. nicht um die Existenz eines Regelkreises in einem System weiß, der wird lange darüber rätseln, warum es sich geordnet oder gar "feinabgestimmt" zeigt. In Wirklichkeit hat das System aber aufgrund seiner Struktur gar keine andere Chance als sich geordnet zu verhalten. Es kommt darauf an, die "Grundalgorithmen" oder "Reglerstrukturen" in den Ordnungsphänomenen der Natur zu betrachten. Diese Schwerpunktsetzung ist es, für die der etwas reisserische Untertitel des Buches wirbt.
Laughlin ist nicht der Erste oder Einzige, der uns darauf hinweist. Aber er tut es mit einer sehr schönen Mischung aus Tiefgang und Leichtigkeit. Der Mann hat nicht nur Ahnung von seinem Fachgebiet (und vielen interdisziplinären Themen), sondern er schreibt auch in sehr angenehmem Stil.
Mein Gesamturteil: sehr lesenswert!