Vorneweg: Andreas Laudert hat ein großartiges und sehr, sehr mutiges Buch geschrieben. Ich kenne mich in "der Szene" seit 25 Jahren gut aus und hätte SO ETWAS nicht für möglich gehalten.
Worum geht es. In erster Linie ist "Abschied von der Gemeinde" die Geschichte einer Liebe. Es geht um die Liebe zur Anthroposophie, zu Rudolf Steiner und zu Christus. Es geht um ein Aufwachen, um die Frage "wo bin ich hier gelandet?", um eine tiefe Enttäuschung. Es geht um die anthroposophische Bewegung.
Ich kenne kaum ein anthroposophisches Buch, dass so persönlich und authentisch, so, um mit Nietzsche zu sprechen, "mit dem eigenen Blut" geschrieben ist, wie das vorliegende. Eigentlich kann so etwas ja durchaus auch anstrengend und aufdringlich sein; Andreas Laudert ist zum Glück ein ausgezeichneter Schriftsteller, der über eine staunenswerte literaische Bildung und vor allem über viel Sinn für skurrilen Humor verfügt: Ein wahres Feuerwerk von Apercus, von äußerst klugen und scharfsinnigen Gedanken wird hier entzündet. (Dabei hatte ich während des lesens nicht den Eindruck bekommen, dass er mit seiner Bildung und seinem Witz besonders glänzen oder bemüht geistreich sein will)
Der Grundtenor dieses Buches ist einerseits die Ambivalenz zwischen Lauderts eigenem Künstlertum und seiner Begegnung mit der anthroposophischen Bewegung (wobei die Christengemeinschaft einen relativ breiten Raum einnimmt), andererseits die Unterscheidung zwischen Rudolf Steiner und den Anthroposophen. Diese beiden Themen werden in den verschiedensten Variationen dargestellt, sie bilden die eigentliche Handlung des Buches.
Laudert beschreibt den schmerzhaften Prozeß, wie er sich zu entscheiden hatte: "Ich verriet meine Sprache um vieler Phrasen willen, die, wohlgemerkt, für andere Phrasen nicht waren, aber die sich in meinem Mund schlaflos herumdrehten wie in einem Grab. Schreiben war Leben gewesen, war Beten, war Sich-versenken und -verschenken". Beides zusammen, das eigene Sein als Künstler und eine Zugehörigkeit zur anthroposophischen Bewegung funktioniert nicht.
Eigentlich ist es egal, ob man allen Aussagen und Gedanken Lauderts zustimmen kann oder will (als ob das so wichtig wäre), es geht vielmehr darum, ob die lebendige Anthroposophie in den nächsten Jahrzehnten mehr und mehr an ihren eigenen Schrulligkeiten, Phrasen, tradierten Formen und Schriftgelehrten allmählich ersticken wird, oder ob es gelingt, noch einen Rest von ihr zu retten. Für mich gehört Lauderts Buch in diesen Zusammenhang, übrigends auch, das Werk von Taja Gut "Wie hast du's mit der Anthroposophie", welches in einer geistigen Nähe und Verwandtschaft zu "Abschied von der Gemeinde" steht.
Die selbsternannten Hüter der anthroposophischen Schwelle werden zweifellos auch dieses Buch mit einem schlichten Freund/Feind-Blick lesen und den Autor als Nestbeschmutzer kategorisieren können. Sie dürfen sich freuen: Es gibt zahllose Widersprüche in dem Buch; Laudert liebt die Verkleidungen, die Masken, er schlüpft wie Woody Allens Zelig immer wieder in verschiedene Rollen, er klagt über die 100%en Anthroposophen ebenso wie über die externen und internen Kritiker da er die Teilberechtigungen beider Haltungen gleichermaßen nicht nur durchschaut, sondern auch teilt.
Zuletzt: Ein größerer Teil der Kritik zielt in Richtung Christengemeinschaft (Laudert wurde vor einigen Jahren zum Priester geweiht) Ich wünsche dem Autor, dass er deshalb von seinen Arbeitgebern nicht all zu viel Ärger bekommt ("Wir hatten gedacht, dass vielleicht China eine interessante Möglichkeit...") und dass vielleicht die Freude an seinem Kind ihm helfen wird, die kommenden Stürme (das zu erwartende Mobbing) einigermaßen gesund zu überstehen.