Anhand der Lebensgeschichte des Hengstes Gülsary, des Paßgängers, die aufs engste verwoben ist mit den letzten Lebensjahren des kirgisischen Pferdehirten Tanabai, erfährt der Leser nicht nur sehr viel über das anstrengende Leben der Hirten, sondern auch in einer für mich geradezu beeindruckenden Offenheit liest er die Abrechnung Aitmatows mit den Lügen und Phrasen des Kommunismus. Ich habe das Buch mehrfach gelesen und jedesmal frage ich mich, wie es möglich war, dass Aitmatow so massive Kritik an der zwangsläufigen Lotterwirtschaft des Kommunismus, dem selbstherrlichen Gebaren der Funktionärskaste und dem bitterarmen Leben der Kirgisen üben konnte. Selbst die Jugend macht der alten Generation Vorwürfe in Person eines Tanabai zugeordneten Hütejungen, der das erbärmliche Leben ablehnt und es ihm vorwirft. Interessant auch der Gedanke Tanabais, dass es ihm selbst als Soldat an der Front in Österreich und der Slowakei besser gegangen sei, konnte man doch damals mit amerikanischen Studebakers herumkutschieren und hatte gehofft, dass nach dem Sieg alles besser werden würde. Stattdessen leben sie jetzt in bitterster Armut, haben z. B. kein Recht, Schafwolle zur Herstellung von dringend benötigten Jurten zu behalten, sondern müssen alles abliefern (Planerfüllung um jeden Preis). Die Funktionäre sehen nur ihren eigenen Vorteil, reden von Gott und der Welt, nur nicht über die Probleme der Menschen im Kolchos und die Jugend lernt, dass man mit willfährigem Gebaren weiter kommt als mit "aufopferunsvoller Arbeit".
Beeindruckend auch die Naturverbundenheit der Menschen und ihr Respekt vor der Natur und ihre unglaubliche Opferbereitschaft. All das läßt jedoch langsam aber stetig nach, denn die zunehmende Entrechtung stumpft ab.
Schließlich wird Tanabai per Parteibeschluß eine Herde Mutterschafe angetragen. Durch den strengen Winter und dem Nichtvorhandensein von geeigneten Unterkünften erfrieren die meisten Lämmer, ein unglaublicher Verlust, der dem Desinteresse und der Lotterwirtschaft zuzuschreiben sind. Tanabai sieht das jedoch weniger mit den Augen eines Ökonoms, sondern er verzwiefelt schier an der Gleichgültigkeit der Menschen der Natur gegenüber. Wer Kirgistan und seine Berge (über 4000 m hohe Pässe) kennt, ahnt wie schlimm ein Winter in Eis und Schnee sein kann. Aitmatow versteht es meisterhaft, anhand der Lebensgeschichte aufzuzeigen, dass entrechtete und besitzlose Menschen keine Verantwortung mehr für sich selbst übernehmen KÖNNEN. Wer nicht das Recht hat, etwas zu entscheiden, entscheidet eben nichts mehr, auch wenn er quasi über die Probleme stolpert. Und wer dennoch nachdenkt, eckt überall an, so wie Tanabai.
Sehr gelungen auch die Übersetzung von Leo Hornung! Übersetzungen von Friedrich Hitzer wirken zuweilen etwas hölzern.
Ich bin nach wie vor platt über die Offenheit Aitmatows, paßt sie doch überhaupt nicht in das Klischee über die ehemalige Sowjetunion. Wer mehr darüber wiessen will, sollte unbedingt auch Aitmatows Buch "Kindheit in Kirgistan" lesen.