Edition Dritte Moderne
Globale Dynamik bei Suhrkamp
Bei Suhrkamp kommt das Wort Globalisierung in Buchtiteln fast so häufig vor wie das Wort Liebe in deutschen Schnulzen. Das hängt nicht nur mit der «Edition Zweite Moderne» zusammen, die von Ulrich Beck und Anthony Giddens herausgegeben wird. Vielmehr fährt der Verlag zweigleisig und lässt Bücher zu diesem Thema auch in der guten alten «edition suhrkamp» erscheinen. «Lean production» ist das nicht gerade, und der Leser hat Mühe, die Rosinen herauszupicken, die der Verlag routiniert zu verstecken versteht. Und bei manchem Titel fragt man sich, warum er um Himmels willen überhaupt erschienen ist.
Das gilt für den Beitrag von Ulrich Menzel mit dem Titel «Globalisierung versus Fragmentierung» in der «edition suhrkamp». Das sind nicht mehr als Proseminar-Papiere eines überforderten Professors. In der «Einleitung» meint er den Lesern das «Projekt der Moderne» erläutern zu sollen und kommt nach einem banalisierten und verkürzten Habermas schon auf der ersten Seite zu einem abenteuerlichen Vergleich: Die symbolischen Eckdaten des Beginns und des Endes der Moderne seien der Sturm auf die Bastille und der Sturm auf die Berliner Mauer gewesen. Gemeint ist mit letzterem der 9. November 1989, und irgendwie hat der Autor beim Schreiben gespürt, dass sein «Sturm auf die Berliner Mauer» als symbolisches Eckdatum deswegen ungeeignet ist, weil die Mauer nie gestürmt wurde sie wurde überklettert, durchschritten, mit Trabis durchfahren, auf ihr wurde am 9. November getanzt, aber gestürmt wurde sie nicht. Was schreibt also der Autor zur Erläuterung seines schiefen Gedankens? Er fügt der Mauer als Apposition hinzu: «auch eine Art Bastille».
Historische Konstellationen
Diese «Art Buch» eignet sich hervorragend dazu, beim Leser eine gewaltige Skepsis gegenüber ähnlichen Titeln in der «edition suhrkamp» oder im «suhrkamp taschenbuch wissenschaft» zu wecken. Gleichwohl gibt es Überraschungen. Eine bietet das Buch von Richard Münch: «Globale Dynamik, lokale Lebenswelten. Der schwierige Weg in die Weltgesellschaft».
Schon am Anfang setzt Münch einen markanten Punkt. Es sei sinnvoller, von der Gegenwart als dem Beginn der dritten Moderne zu sprechen, denn der Wohlfahrtsstaat sei als zweite Moderne die Antwort auf die erste Moderne, den reinen Industriekapitalismus, gewesen. Man mag diese Feststellung für eine typische akademische Erbsenzählerei halten, die zudem dem Autor Münch eine Möglichkeit bietet, seinem Kollegen Ulrich Beck besserwisserisch ans Schienbein zu treten. Doch in diesem Fall ist mehr Ratio als Ranküne im Spiel, denn Münch macht auf eine Parallele zwischen unserer Zeit und dem Übergang von der ersten zur zweiten Moderne aufmerksam. Diese Parallele bietet einen Erkenntnisgewinn.
Die Globalisierung, die die dritte Moderne kennzeichnet, hat dem Kapitalismus neue Mittel in die Hand gegeben, um sich den Begrenzungen des Wohlfahrtsstaates zu widersetzen. Weltweite Konkurrenz um Arbeitsplätze und Steuervermeidung sind nur zwei Stichworte für die neue Situation. Aber, so argumentiert Richard Münch, ganz so neu ist sie nun auch wieder nicht, denn wir kennen die Unterwanderung gewachsener sozialer Strukturen durch Industrie und Technik aus der ersten Moderne. Münch behauptet nicht, dass die gegenwärtige Übergangssituation lediglich eine Neuauflage des Wandels vom reinen Industrie- zum Wohlfahrtsstaat wäre. Aber indem er beide Konstellationen miteinander vergleicht, kann er manche Phänomene, die uns beunruhigen, schärfer als die meisten seiner Kollegen in den Blick fassen.
Ein Beispiel: Neben der Arbeitslosigkeit beunruhigt die meisten Menschen gegenwärtig die anwachsende Kriminalität. Daneben werden die Disziplinlosigkeit der Jugend, Gewalt in der Schule und die Verwahrlosung des öffentlich Raumes beklagt. Nun weiss jeder Sozialhistoriker, dass ähnliche Klagen den Aufbau aller Industriegesellschaften begleitet haben. Gleichwohl lässt sich das Gefühl, heute sei es schlimmer als je zuvor, nicht so leicht abschütteln. Münch bietet eine Lösung für dieses Rätsel an: Die soziale Entwicklung sei, so argumentiert er, gerade in Zeiten des Übergangs auf Regelverletzungen angewiesen. Denn neue technische, wirtschaftliche oder kulturelle Möglichkeiten erforderten neue Verhaltensweisen. Neue Regeln aber entstehen in der Verletzung der alten. Überflüssig zu sagen, dass auch die neuen irgendwann veralten und gebrochen werden. Diejenigen, die mit ihnen aufgewachsen sind, erleben reflexartig ihre Veränderung als Niedergang, und entsprechend eindringlich sind ihre Beschwerden.
Moralische Fragen
«Gut und schön», liesse sich auf diese Beobachtung einwenden, «aber gibt es nicht tatsächlich so etwas wie einen Niedergang der Moral, der mit der Kommerzialisierung des gesamten Lebens verbunden ist?» Und man könnte noch ergänzen, dass zur dritten Moderne ganz offensichtlich auch das organisierte Verbrechen gezählt werden muss, das Staat und Wirtschaft unterwandert. In Anbetracht dieser Tendenzen könnte das Argument von Münch allzu verniedlichend wirken. In demselben Kapitel es ist trocken mit «Theorie der sozialen Integration» überschrieben setzt sich Münch mit Fachkollegen auseinander, die diese Frage unter dem Gesichtspunkt der Ethik diskutiert haben. Gegenüber Niklas Luhmann (und auch Jürgen Habermas) gelingen ihm dabei bedenkenswerte Einwände.
Niklas Luhmann hat bekanntlich dafür plädiert, die Wirtschaft als ein System zu begreifen, das nach eigenen Gesetzmässigkeiten verfährt, zu denen die Normen der Ethik allein schon deshalb nicht gehören, weil Ethik ihrerseits ein eigenes System bildet. Der gute Wille stellt kein Zahlungsmittel dar. Und da Geld, wie Luhmann unnachahmlich treffend formuliert hat, ein «Medium ohne Gedächtnis» ist, müssten Kokaindealer, Waffenschieber oder Mädchenhändler auf deregulierten Geldmärkten so auftreten können wie jeder normale Geschäftsmann. Zwischen Kapitalismus und organisiertem Verbrechen bestünde am Ende kein Unterschied mehr. Oder, um es mit einem anderen Beispiel weniger hart auszudrücken, innerhalb des Systems der Wirtschaft wäre es egal, ob ein Unternehmen die Umwelt ruiniert oder nicht. Es sei denn, so sagt auch Lehmann, die Kunden würden mit Boykott reagieren oder Politiker entsprechende Gesetzte erlassen.
Mit Blick auf diese Konzession an die Moral diagnostiziert Münch das Scheitern der Systemtheorie seines Kollegen Luhmann. Es gebe nämlich keine Wirtschaft als sich selbst genügendes System, denn die Wirtschaft sei auf politische Rahmenbedingungen angewiesen: Politiker reagieren auf Wähler, und Wähler haben bestimmte moralische Vorstellungen. Münch macht also auf eine Gemengelage aufmerksam, die es keineswegs erlaubt, so zu tun, als sei eine auf Teufel komm heraus expandierende Wirtschaft das letzte Wort der Geschichte.
Man wird Richard Münch in weiten Teilen seiner treffsicheren Beschreibungen zustimmen können. Aber wenn er zum Beispiel die Situation jugendlicher Randgruppen betrachtet und zu dem Ergebnis kommt, hier müsse der Staat mit verstärkter Jugendarbeit eingreifen, dann wirkt dieser Vorschlag merkwürdig blass. Ebenso enden seine durchaus scharfsinnigen Betrachtungen zur Situation der Kirchen in dem Vorschlag, diese müssten eine führende Rolle in der ethischen Debatte der Gegenwart übernehmen. Dass ihnen dafür die Sprache abhanden gekommen ist, hätte Münch merken können, wenn er sich einmal ein «Wort zum Sonntag» oder sonst eine medial vermittelte Botschaft der Kirchen angesehen oder angehört hätte. Aber dazu fehlte ihm ganz offensichtlich die Zeit, denn er hatte sich vorgenommen, ein umfangreiches Buch zu schreiben, um dem Leser keine Verästelung seiner Überlegungen und Lektüren zu ersparen.
Leidenschaft
Martin Albrow tut es nicht nur darin seinem Kollegen Münch gleich, sondern er teilt mit ihm und anderen Autoren wie zum Beispiel Ulrich Beck dieselbe Leidenschaft: die Frage nach der Einteilung der Epochen. Wann beginnt die Moderne, hat sie schon geendet oder noch nicht, gibt es überhaupt eine Postmoderne, oder hat sich die Moderne lediglich selbst modernisiert? Das sind spannende Fragen für Seminare, doch trotz aller Rhetorik kann Albrow nicht davon überzeugen, dass von deren Beantwortung unsere Zukunft abhängt. Mehr als einhundertachtzig Seiten zum Thema «Abschied vom Nationalstaat» sind ein zu langer Anlauf, um endlich zum Thema des Untertitels zu kommen: «Staat und Gesellschaft im Globalen Zeitalter».
Seine These: Staatliche Institutionen, wie wir sie kennen, stellen nur eines von vielen Systemen dar, um grosse Menschenmassen zu stabilisieren, für ihr Auskommen und ihre Sicherheit zu sorgen. Schon jetzt sei es doch so, dass Individuen sich weltweit vernetzten, Austausch mit anderen über Kontinente hinweg pflegten und ihr faktischer Lebensort keineswegs automatisch den Lebensmittelpunkt darstelle. Ganz ähnlich sei es mit der Wirtschaft, die ihre realen oder auch virtuellen Verknüpfungen geschaffen habe, die sich nicht mehr an den Nationalstaaten orientierten. An die Stelle der Nationalstaaten trete auf Dauer die «weltweite Koordination auf der Basis offener Netzwerke».
Martin Albrow hat recht, wenn er darauf hinweist, dass wir in neuen Kategorien denken müssen. Aber ob man seinen Optimismus, in dem Aufkommen neuartiger quasiinstitutioneller Verknüpfungen von Individuen kündigten sich bereits Lösungen für die schweren Verwerfungen innerhalb der bestehenden Staaten an, teilen kann?
Stephan Wehowsky