Es gibt wenige Bücher, die in den vergangenen Jahren mit so viel Eifer diskutiert worden sind wie
Der Gotteswahn des in Oxford lehrenden Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Es war und ist dabei schwer bis unmöglich dem Werk neutral gegenüberzustehen. Dawkins wütende Attacken gegen das Konzept des Religiösen im Allgemeinen sowie den drei monotheistischen Weltreligionen im Besonderen evozieren entweder begeisterte Zustimmung oder aber wütenden Protest. Für religiöse Menschen spricht hier der zornige Vertreter eines kalten und entmenschten Atheismus, der in seinem Kampf gegen Götter und Religionen denselben fundamentalistischen Eifer an den Tag legt wie Bush jr, Bin Laden & Co. Seine Fans sehen in Dawkins die Stimme der Vernunft in einer Welt, die sich wieder mehr und mehr den in weiten Teilen infantilen und inhumanen Mythen und Dogmen der Religionen zuwendet. Der Theologe und Philosoph Richard Schröder wendet sich in seinem Buch "Abschaffung der Religion? - Wissenschaftlicher Fundamentalismus und die Folgen" heftig gegen Dawkins Weltbild und vor allem gegen das von ihm propagierte Welterklärungsmonopol der Naturwissenschaften.
Schröders Darstellung ist einerseits eine Abrechnung mit der von Dawkins im
Gotteswahn dargelegten Weltsicht verbunden mit seinen eigenen Überlegungen zu Bedeutung und Sinn von Religionen. Dabei versucht er des Öfteren, Dawkins und seine Sicht der Evolutionslehre zu diskreditieren, indem er völlig falsche und polarisierende Vergleiche wie den folgenden zieht: "Auch nach Dawkins ist die wirkliche Welt ein Schlachtfeld, auf dem nur der stärkere überlebt [...]. Ähnliches haben die Nazis mit biologischen Argumenten behauptet und die Rassenfeinde bekämpft" (17). Dieses "Argument" ist schlicht und einfach lächerlich und es wundert mich, dass ein hochdekorierter Professor sich dazu herablässt, es gleich zu Beginn seines Buches zu reproduzieren. Es beginnt bereits damit, dass Darwins Satz vom "survival of the fittest" korrekt eigentlich mit dem "Überleben des Bestangepasstesten" übersetzt werden müsste und niemals auf den von Menschen an anderen Menschen begangenen Massenmord bezogen werden kann.
Auch an anderen Stellen verwendet Schröder völlig unangebrachte Vergleich, die mit einer sachlichen Behandlung des Themas nichts zu tun haben: So schreibt er: "Es [Dawkins Buch, M.D.] hat auch im Osten Deutschland nicht wenige Leser gefunden, darunter sicherlich auch diejenigen, die den Kirchen in der DDR vorwerfen, dem großartigen Menschheitsexperiment Sozialismus in den Rücken gefallen zu sein" (84). Das ist wiederum kein Argument, sondern billige Polemik. Genauso unsinnig wäre es zu behaupten, dass viele Menschen, die von Hitler begeistert waren, ja schließlich auch die Bibel gelesen hätten.
Schröder wirft Dawkins, sicherlich nicht zu Unrecht, Polemik und grobe Vereinfachung vor. In weiten Teilen seiner Darstellung verfährt er aber nach demselben Muster. Grundlegende Unterschiede zwischen Schröder und Dawkins säkularen Weltbild werden deutlich, wenn Schröder über die Berechtigung der traditionellen Religionssysteme als Sinnstiftungsmaschinen sagt: "Möglicherweise verstehen manche diese Tendenzen der Entindividualisierung als zusätzlichen Freiheitsgewinn. Es droht dabei aber die Gefahr einer Überlastung des Individuums durch Dauerreflexion" (102). Hier formuliert Schröder prägnant einen Hauptunterschied zwischen religiösen und säkular-atheistischen Menschen. Wohingegen Religionen einfache Antworten auf die komplexe Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz in einem als riesig und sinnlos empfundenen Universum liefern, akzeptieren Atheisten, dass es auf diese Frage nicht die eine allselig machende Antwort gibt, sondern dass jeder für sich einem Sinn konstruieren muss durch die von Schröder so verdammte "Dauerreflexion". Unvergesslich formulierte Sartre dieses grundlegende Merkmal menschlicher Existenz in dem Satz: "[W]ir sind zur Freiheit verurteilt" (
Das Sein und das Nichts, S. 838).
Fazit: Schröders Buch ist für alle an der Diskussion Interessierten sicherlich zu empfehlen. Allerdings benutzt er auch die schlichten Mittel, für die er Dawkins so attackiert: Polemik, unsachliche Vergleiche und grobe Vereinfachungen.