Henry Jackman gehört für mich seit 2009 zu den vielversprechendsten "Neulingen" im Filmmusik-Bereich. Tatsächlich kann man ihn kaum noch als Neuling bezeichnen, denn er hat seit seinem alleinigen Erstling ("Monsters vs. Aliens") schon einige tolle Arbeiten abgeliefert, kleine wie große. "X-Men: First Class" gehört ganz klar zu seinen Highlights, sehr gute Momente hatten auch "Man on a Ledge" und seine Themen zu "Kick-Ass", "Gullivers Travels" schwamm vergnügt in John Powell-Zitaten, war aber doch eigenständig und vergnüglich genug um zu obsiegen und "Puss in Boots" kann man zwar zu seinen schwächeren Arbeiten zählen, da man das Hauptthema schon aus James Horners "Zorro"-Scores kannte, war jedoch nie langweilig und immer passend.
Dies nun ist sein Score zu "Abraham Lincoln: Vampire Hunter", einem manchmal zu ernsten, aber spaßigen Film, der seine ziemlich spinnerte Grundidee klar durchzieht und leicht trashige, aber gute Unterhaltung liefert. Obwohl Tim Burton den Film produzierte und Regisseur Timur Bekmambetov bereits in "Wanted" mit Burtons Stammkomponist Danny Elfman zusammengearbeitet hatte, ging der Komponisten-Job an Henry Jackman - eine Entscheidung, die sich auszahlt!
Jackman liefert gleich im ersten Track, "Childhood Tragedy", ein Thema, dass sich in mehreren Varianten durch den ganzen Film zieht und hier als eine Art Danny Elfman-Hommage präsentiert wird, mit sanfter Chor-Stimme leichten Streichern. Es beginnt mit einer langsamen Vier-Noten-Folge, die sich in einer fünf-notigen fortsetzt, dazu späger mehr. Am Ende von Track 2 wird die Musik heftig, die später noch häufiger eingesetzte E-Gitarre tritt hier auf. Ganz am Schluss klingt die Musik wie Hans Zimmers Fisch-Zombie-Piraten-Musik aus "Fluch der Karibik 2". Track 3 wird ebenfalls von der E-Gitarre dominiert, unterlegt mit zackigen, sich stetig steigernden Streichern.
Track 4 ist das erste Highlight der CD und präsentiert ein Marsch-artiges Thema, welches im Film eine Trainings-Montage von Abraham Lincoln unterlegt, dort jedoch mit ein, zwei zusätzlichen Takten. Es wird im Verlauf des Tracks von Streichern variiert und man fühlt sich an "The Dark Knight" erinnert (an dem Henry Jackman mitarbeitete)
Track 6, "Mary Todd", entpuppt sich als große Schwester von Track 1, in welcher das Anfangs-Thema weiter ausgebaut und orchestriert wird.
Track 7 ist das zweite Highlight und untermalt die bombastische erste große Action-Sequenz des Films, in welcher Abe einen Vampir durch eine Herde von durchgedreht dahinpreschenden Pferden jagt und im Verlauf der Szene schließlich auf den Rücken der Tiere herumspringt und kämpft. Mit nur zwei kurzen Pausen prescht auch die Musik nur so dahin, flinke Streicher, dunkle Hörner, dezente Synthesizer-Untermalung und kräftiges Schlagzeug jagen den Hörer durch den mehrere Minuten dauernden Kraftakt des Scores.
In Kürze weiter: Zu empfehlen sind ebenfalls Track 10 (ein schönes kleines Stück), Track 13 (die Mini-Version von Track 10), die letzte Minute von Track 12 (schnelle, hektische Action-Musik, die kurz ausklingt und sich nochmal steigert, "X-Men: First Class" sehr ähnlich), Forging Silver (Kraftvoll!), 80 Miles (baut langsam Spannung auf und lässt an das Stampfen einer Lokomotive denken, welche tatsächlich im Film ganz am Ende des Tracks zum Einsatz kommt), und, als letztes Aufbäumen des Orchesters, das Bildgewaltige "The Burning Bridge", welche kurz an Track 7 denken lässt, jedoch etwas langsamer und lauter läuft. Triumphal tönt "Not the only Railroad", "The Gettysburg Address" enttäuscht erst durch überraschenden Kitsch, bevor das Stück im Laufe des Tracks an Größe und Schönheit gewinnt. "Late to the Theater" ist ein schöner, melancholischer Ausklang, bevor, mit E-Gitarre und Streichern, noch ein letztes Mal das Vampir-Thema das offizielle Ende der CD verkündet.
Track 22, "The Rampant Hunter", findet sich im Film nur teilweise im Abspann und in der zweiten großen Action-Sequenz, in welcher Lincoln eine Horde Vampire in einer Villa bekämpft (die letzte Minute des Tracks entspricht der Szene). Einige Tracks (5, 8) sind pures Under-Scoring und klingen weder schön noch ausgefeilt, sind im Prinzip dröhnender Lärm. Track 14 verbreitet leichte Grusel-Atmosphäre, Track 15 liefert einen leider viel zu kurzen kräftigen "Boom"-Moment, nach welchem man erst mal kurz verschnaufen muss (Die Vampire überrennen auf Seiten der Südstaatler einige Truppen des Nordens).
Dass eingangs schon erwähnte musikalische Thema variiert Jackman recht gekonnt, in Action-Momenten (am besten in Track 7) wie auch ruhigeren Stücken passt es immer hervorragend.
Es ist schade, das der Großteil (etwa die ersten zwei Drittel) des Finalen Kampfes auf dem Zug fehlt, denn die Musik klang sehr gut im Film und hätte sich wunderbar auf der CD gemacht. Auch sind die meisten Tracks ziemlich kurz und lassen zuweilen kaum Zeit, sich entsprechend auf die Musik einzustellen und diese "sacken" zu lassen. Deshalb ziehe ich einen Stern ab.
Henry Jackman hat einen im wahrsten Sinne des Worte bombastische, starken und collen Score abgeliefert, der packt, mitreisst und fasziniert. Zwar ist die Orchestrierung öfter mal nicht besonders einfalls- oder abwechslungsreich, auch hätten ein paar mehr Themen nicht geschadet, aber dem Eindruck der CD kann dies nicht viel anhaben. Jackman bestreitet seinen besonderen Platz in meinem Herzen weiter tapfer und bringt mich dazu, bereits sehnsüchtig seine nächste Arbeit "Wreck-It Ralph" herbeizuwünschen. Ein Album, dass sich lohnt und viel Freude macht, ist "Abraham Lincoln: Vampire Hunter" damit auf jeden Fall!