Am 12. Februar 2009 sind es zweihundert Jahre her, seit einer der berühmtesten, einflussreichsten und geachtetsten Präsidenten der Vereinigten Staaten im einzigen Raum einer ärmlichen Blockhütte zur Welt kam. Und wenn Barack Obama in seiner Wahlkampagne immer wieder auf Abraham Lincoln verwies, war dies nicht nur politisches Kalkül. Hoffe ich wenigstens. Immerhin steht fest, dass der 44. Präsident für ähnliche Werte einsteht wie der 16., über dessen Leben inzwischen unzählige Publikationen erschienen sind. Doch die Flut der Studien und Biografien kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Quellenlage noch immer Raum für viele Spekulationen lässt. Dem trägt Jörg Nagler, Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, mehr Rechnung als andere Biografen und deklariert jeweils klar, wann seine Einschätzungen auf Vermutungen beruhen. Ob weniger Informationen zwingend ein Nachteil sein müssen, werden spätestens die Biografen beantworten können, die über die Nachfolger Obamas recherchieren sollen. Sich in unzählige Mails, Facebook-Pinwände, Bloggs und kilometerlange Akten zu vergraben, stelle ich mir nicht als berauschende Aufgabe vor.
Bis Jörg Nagler seine Leser mit ins Weisse Haus nimmt, dauert es fast 250 Seiten. Und das ist gut so. Denn zu einer Biografie, die mehr sein will als bloßes Protokoll einer Siegerehrung, gehören Geschichten der Kindheit, des Suchens und der Niederlagen. Zumindest für mich sind Berichterstattungen über die frühen Jahre die interessantesten Teile einer Lebensgeschichte. Denn sie prägen schließlich die Persönlichkeit und geben vage Auskunft über die Gründe späterer Verfehlungen und Erfolge. Und auch wenn Jörg Nagler sich nicht explizit zur Glaubensrichtung bekennt, dass Zufälle unser Leben bestimmen, liefert er dafür genügend Beweismaterial. So wichtig Lincolns Wissensdurst und seine rhetorische Begabungen auch sein mögen, unter all jenen, die diese Voraussetzungen ebenfalls mitbringen, wird am Schluss nur einer Präsident der Vereinigten Staaten. Bei meinem Erstkontakt mit Abraham Lincoln ging ich allerdings noch davon aus, dass sich Heldenleben auf harte Fakten reduzieren lassen. Ein Irrtum, der dazu beitrug, dass mein Schülervortrag von damals stinklangweilig war.
Langweilig ist diese Biografie bestimmt nicht, falls man damit leben kann, dass ein Historiker für das Abbilden von Realitäten auch Zahlen und Namen verwendet, die dem Durchschnittsleser wenig bedeuten. Niemand zwingt mich dazu, jedem Detail die gleiche Beachtung zu schenken und ein Monument aus allen Blickrichtungen zu betrachten. So lange mir Jörg Nagler immer wieder Einblicke in das Seelenleben von Abraham Lincoln ermöglicht, reißt die Spannung nicht ab. Als Leser einer Biografie wird man ja selber zum Detektiv, wenn man Überlegungen anstellt, welche Einflüsse so zahlreiche Todesfälle im nächsten Umfeld, harte Entbehrungen, ein strenger Vater und eine früh verstorbene Mutter, langjährige Freunde, bizarre berufliche Tätigkeiten, depressive Schübe, Standesunterschiede, verschiedene Frauen und unbeeinflussbare politische Ereignisse auf den Werdegang des 16. amerikanischen Präsidenten hatten. Jörg Nagler liefert genügend Material, um sich schließlich ein Bild zu formen, das der Realität wohl nahe kommt und trotzdem zum eigenen Geschichtenschatz des Lesers passt. Und der Biograf zeigt auch, dass sich Genauigkeit und Erzählkunst durchaus miteinander verbinden lassen.
Mein Fazit: Einen Vergleich mit anderen Lincoln Biografien lässt mein Wissensstand nicht zu. Ich kann nur sagen, dass ich die Version von Jörg Nagler gerne las, weil sie Schwerpunkte setzt, die meinen Ansprüchen an aufgeschriebenen Lebensgeschichten entgegenkommen. Ich habe viel über Einflüsse erfahren, die Abraham Lincolns Persönlichkeitseigenschaften prägten, seine Niederlagen und Siege besser erklären und auf Faktoren verweisen, die das Leben von jedem amerikanischen Präsidenten färben.