Ich bekenne mich zu diesem Album aus 1984, das heute zwar musikalisch anachronistisch klingen mag und sehr, sehr wenig an PINK FLOYD erinnert. Es juckt mich auch nicht, dass Roger Waters immer der bessere Songwriter bei PINK FLOYD gewesen sein soll. ABOUT FACE ist einfach ein typisches 80er-Poprock-Album, das seine besondere Note durch das charakteristische Gitarrenspiel von Gilmour erhält. Und da ich David Gilmour immer noch für einen der am gefühlvollsten spielenden Gitarristen halte, finde ich auch auf ABOUT FACE meine persönlichen Glücksmomente. Meine Highlights:
MURDER: allein vom Aufbau her ein genialer Song. Zunächst eine simple Akustikgitarren-Nummer, dann ein Break mit einem richtig geilen Fretless-Bass-Solo, gefolgt von zwei weiteren, richtig rockenden Strophen, und dann vollzieht der Song einen kompletten Rhythmus- und Tempowechsel, um mit einem tanzbaren Gitarrensolo auszuklingen. Besser kann man 5 Minuten musikalisch kaum ausfüllen.
ALL LOVERS ARE DERANGED: ein knackiger Rocker, der sehr an "Young Lust" vom FLOYD-Album "The Wall" erinnert und einen wunderschönen Schlusspunkt hat.
YOU KNOW I'M RIGHT: Leckere Ballade mit Orchester-Unterstützung und traumhafter Melodie.
NEAR THE END: ein Übersong - eine melancholische Ballade mit einem abschließenden Gitarrensolo (erst Akustik-, dann E-Gitarre), das mich immer wieder fast zu Tränen rührt. Einziges Manko: der Song wird viel, viel, viel zu früh ausgeblendet, gerade als David sich emotional so richtig aufschwingt.
Das Album hatte nie kommerziellen Erfolg, obwohl Pete Townshend (THE WHO) an zwei Songs mitschrieb und als Gastmusiker Jeff Porcaro (TOTO), Pino Palladino (einer der gefragtesten Studio-Bassisten), Jon Lord (DEEP PURPLE) und Steve Winwood mitwirkten. Aber ist kommerzieller Erfolg das maßgebliche Kriterium für gute Musik? - ABOUT FACE beweist das Gegenteil! Ein sympathisches Album und für mich eine Perle der 80er Jahre, die auch nach 25 Jahren nichts von ihrem Glanz verloren hat.
NOCH EIN HINWEIS ZUR REMASTERTEN 2006er-VERSION: Die Neuveröffentlichung hat einen etwas lauteren Pegel und einen Hauch mehr klangliche Transparenz. Doch gerade die rockigeren Titel klingen immer noch so matschig wie damals auf der LP. Schade - da hätte man einem Soundfetischisten wie Gilmour zugetraut, mehr aus den alten Aufnahmen herauszuholen.
Auch die Tatsache, dass das geniale Schlussstück 14 Sekunden länger ist als auf der LP, führt in die Irre, denn das Stück wird an derselben Stelle wie immer ausgeblendet. Aus der Traum von einem Gitarrensolo, das seinerzeit nur auf LP-Länge runtergekürzt wurde und nun in voller Pracht und Dauer auf dieser remasterten Version erscheint. - Ebenso enttäuschend ist das völlige Fehlen von möglichen Bonustiteln oder B-Seiten.