Leicht macht es einem Tori Amos eigentlich nie, sich in ihre Musik einzuhören, sie zu verstehen, gar zu mögen. Bei der üblichen Songfülle von 17 Titeln und einer Spieldauer von mehr als 70 Minuten (Tori hat ein Faible für lange Alben) blieb ich nach dem ersten Hören auch etwas erschlagen und überfordert zurück. Vielleicht liegt's auch daran, weil Tori mal wieder völlig anders klingt als man es erwartet oder gewohnt ist. Die Musik wirkt auf den ersten Blick auf mich unterkühlt und distanziert, irgendwie auch düster. Das Album braucht definitiv Zeit um zu wachsen, man könnte es auch als schwer zugänglich bezeichnen. Doch in diesem Fall offenbart sich die Vielfalt der Musik und auch ihre Schönheit nach und nach. Die Titel sind nicht sofort eingängig, wirken aber auch noch nach etlichen Durchläufen interessant und schön, weil man immer wieder neue kleine Details entdeckt und so nie Langeweile aufkommt. Und ja, sie spielt auch Klavier auf "Abnormally attracted to sin", auch wenn diese Passagen nach den ersten Durchläufen nicht die sind, die man im Gedächtnis behält.
Give - Düstere Schlagzeug- und Gitarrenklänge tragen den Titel. Toris Stimme umspannt mehrere Tonlagen, ist mal ganz unten, mal ganz oben. Das Klavier wird hier als perfekter Soundbegleiter eingesetzt und zaubert leicht bedrohliche Töne die den Song vollenden.
Welcome to England - Beinahe leichtfüßig und geschmeidig schleicht sich dieser Titel in's Ohr. Die schöne Soundmischung aus Klavier, Akustik-, E-Gitarren und Streicherklängen passt perfekt zum dezenten Grundsound. Toris Stimme klingt entspannt und schön und auch die Melodie passt.
Strong black vine - Ein bedrohlicher und aggressiver Streicher- und Schlagzeugsound zieht sich durch das ganze Stück. Die Melodie ist auch etwas schwierig, wirkt zwischen Strophen und Refrain gar gegensätzlich. Die Mischung zwischen Klassik und Hardrock wirkt cool und mitreißend.
Flavor - Getragen und traurig klingt Tori Amos hier. Der Sound hat einige interessante Synthieelemente zu bieten und auch das Klavier ist wieder einmal zu hören. Schöne melancholische Ballade.
Not dying today - Ein wenig klingt der flotte Sound nach Country, doch beim Refrain ist dank einer E-Gitarrenbegleitung Schluss damit. Und so klingen Strophen und Refrain wieder etwas gegensätzlich, was aber gut passt und den Titel schön und interessant macht.
Maybe California - So kennen wir Tori Amos seit je her. Schöne Klavierklänge und ein klassischer Orchestersound dazu eine ruhige und getragene Melodie. Eine Ballade zum Träumen schön.
Curtain call - Hier macht's wieder einmal die geniale Soundmischung: Klavier, Gitarren und coole Drums & Loops. Stimmlich klingt Tori hier zeitweilig etwas schräg, insgesamt ein schöner Titel mit leicht melancholischer Note.
Fire to your plain - Erfrischender Poptitel, der allerdings ein wenig simple konstruiert wirkt. So richtig passt er auch nicht zu den anderen Songs des Albums. Trotzdem hörenswert und gut.
Police me - Das ist schon schwere Kost für die Ohren. Schroffe Gitarren und schräge Soundelemente dominieren hier klar. Die Melodie zeigt keine klare Struktur und so klingt's teilweise wie eine Aneinanderreihung völlig verschiedener Titel, dazu trägt auch Toris Stimme bei, die wieder unterschiedlichste Tonlagen ausreizt. Gewöhnungsbedürftig und schräg.
That guy - Ein wenig Bolero im Sound, schön arangiert mit Orchester und Piano, dazu ein dramatischer Spannungsaufbau und ein überwältigender Refrain, wie man ihn von James Bond Soundtracks kennt. Wunderschön und gefühlvoll gesungen. Toll.
Abnormally attracted to sin - Der Synthiesound wälzt sich regelrecht durch den Song, getragen, leicht düster, monoton und immer gleich. Gelegentlich erwacht der Titel dann aus diesem Trott mit coolen Gitarrenklängen. Die Melodie ist erstklassig und zieht den Zuhörer magisch in den Bann. Tori singt mit vollem Einsatz: Highlight ist der Refrain, dessen 4 Worte Frau Amos auf eine wunderschöne Weise in die Länge zieht.
500 Miles - Irgendwie klingt der Titel wie ein Lückenfüller. Nichts Halbes und nichts Ganzes, nicht schlecht, nicht gut. Halt wie einer von Vielen, unspektakulär aber durchaus eingängig.
Mary Jane - Ganz große Klasse. Dramatische Klavierkammermusik und Toris schöne Stimme formen eine interessante etwas kantige Melodie. Das kann so wohl nur Tori Amos.
Starling - Düstere Synthieklänge ganz am Anfang, dann ein schönes eingängiges Gitarrensample darüber. Beides zieht sich irgendwie durch den ganzen Titel. Tori singt die schöne Melodie gefühlvoll und trifft damit genau meinen Geschmack. Lediglich der gitarrenuntermalte Zwischenteil wirkt etwas deplatziert.
Fast horse - Eine überwältigende Gitarrensoundkulisse, die auch wieder leicht Countryanklänge vermuten lässt, bildet den Rahmen zu diesem schönen aber unspektakulärem Song. Highlight sind ohne Frage die schönen Gitarrenklänge.
Ophelia - Diese Symphonie besteht aus einem Klassik- und einem ruhigen rockigem Teil. Beide existieren getrennt voneinander und werden doch perfekt zu einem Titel verwoben. Man leidet mit, wenn Tori "Ophelia" singt so herzzerreißend und schmerzvoll klingt sie. Gerade wenn Frau Amos so viel Gefühl zeigt, klingt sie am besten.
Lady in blue - Am Ende wird's nochmal anspruchsvoll (soll heißen schwierig für die Ohren). Düstere und sphärische Synthieklänge begleiten Tori bei ihrem gequälten Gesang. Diese Phase dauert etwas über 4 Minuten, dann setzt ein heftiger und schroffer Gitarren- und Klaviersound ein und Frau Amos wird etwas lauter. Das Geschrammel zieht sich dann als überlanger Abspann bis zum Ende und so kommt der Titel auf stattliche 7 Min. und 10 Sec. Sehr gewöhnungsbedürftig.
Es ist nicht einfach Frau Amos auf ihrer musikalischen Reise auf diesem Album zu folgen. Die Titel sind vielfältig, nur selten Tori-typisch. Doch Dranbleiben lohnt sich, die meisten Songs erschließen sich dem Zuhörer dann und es gibt schöne wenn auch ungewohnte Klangerlebnisse. Auch wenn das Klavier hier nicht so eine große Rolle spielt wie auf ihren anderen Alben, so ist "Abnormally attracted to sin" doch gelungen und empfehlenswert.
Stark beeindruckt haben mich auch die zahlreichen Fotos von Tori Amos im Booklet. Streng, distanziert, perfekt bis in die letzten Haarspitzen, gar künstlich, so wird sie dort gezeigt. Betrachtet man diese Bilder so wirkt Frau Amos darauf fast wie eine Puppe. Eiskalte Eleganz, frostig und doch wunderschön. Die Songtexte, üblichen Referenzen und Danksagungen sind auch gut lesbar abgedruckt. Perfektes Album-Design, passend zum Konzept.