Aus der Amazon.de-Redaktion
Tori Amos’ neues, strahlendes Abum
Abnormally Attracted To Sin kommt wie gerufen, in dunklen Zeiten, in denen es vor schlechten Meldungen in den Nachrichten nur so wimmelt, denn es möchte “Werkzeug zum Überleben“ sein, wie die Künstlerin hierzu in einem Interview selbst anmerkte. Fast könnte man meinen, ihre Kreativität und Ausdruckskraft würden sich mit dem Ausmaß der Katastrophen nur noch steigern, denn spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 drehen sich ihre Songs nicht mehr nur ausschließlich um ihre persönlichen Befindlichkeiten, sondern die anderer Menschen in ihrem Hadern mit Ängsten und Unterdrückung. Vorrangig an diese richtet Tori Amos auch auf
Abnormally Attracted To Sin ihre spirituellen Botschaften, wenngleich mit anderen musikalischen Ausdrucksmittel als den gewohnten, wie gleich der allererste Song “Give“ beweist. Reduzierte Drums und unheilvolle Akkordfolgen lassen eher an die Band Portishead denken, als die A-Capella-Künstlerin am Bösendorfer Imperial Grand. Insgesamt 17 Songs befinden sich auf dem nach einem Zitat aus dem Musical „Guys and Dolls“ benannten Album, das auch in einer “Deluxe-Edition“ mit Bonus-DVD erhältlich ist. Darauf zusätzlich vertreten sind die jeweils passenden Musikvideos sämtlicher Stücke. Auf ihrem neuen Album schlägt Tori Amos insgesamt rockigere Töne an, etwa in den Songs “Welcome To England“ oder “Fire To Your Plane“, die mit klaren knackigen Arrangements bestechen und verstärkt in Richtung Mainstream tendieren. Doch das ist noch längst nicht alles. Während “Police Me“ mit vertracktem Rhythmus und Orgelklängen daherkommt, wie die frühen Experimente aus den 70ern, von Bands wie Genesis oder King Crimson, umschmeichelt das balladeske “Maybe California“ den Zuhörer mit luftigen Streichern und pointierten Klavierakkorden. Selbst die “alte“ Tori Amos lässt sich noch zuweilen auf
Abnormally Attracted To Sin wieder finden, zum Beispiel in Stücken wie “Ophelia“ -Kate Bush lässt grüßen- und “Mary Jane“, einer Ballade, zu der sich Tori Amos auf bewährt gekonnte Weise am Klavier begleitet. -
Andreas Schultz
Tori Amos beweist erneut ihre Liebe zu langen Alben und vereint -für ihre 90er Jahre Karriere typische- Klavier-Songwriter-Stücke mit reich instrumentalisierten Liedern zu einem etwas überladenen Pottpourie.
Auch wenn die Diskografie der Songwriterin durch einen gewissen Hang zu großen Konzepten gezeichnet ist, spürt man davon bei Amos' neuem Werk nicht viel. Eher zusammenhangslos wirken die Wechsel zwischen großen Songwriter-Balladen und verruchten Stücken auf „Abnormally Attracted To Sin“. In der Tat bietet das Album mit seinen 17 Tracks genug Platz, sämtliche Ideen einzubetten und lässt einen klaren Fokus vermissen. Thematisch beschäftigt sich die Songwriter-Ikone mit Sünde, der Rolle der Frau in der postmodernen Gesellschaft und greift passend zum Albumtitel auch immer wieder religiöse Motive auf.
Der Opener „Give“ klingt durch Schlagzeug und Synthies dunkel aber vielversprechend. Amos' Stimme bewegt sich von Höhen in raue Tiefen, wirkt sinnlich und scheint damit schon zu Beginn dem Begriff „Sin“ gerecht zu werden. Ähnlich anrüchig tönen Zeilen wie “Shut Your Mouth, I´m Spinnin' It Tight Down South, I´m On Raid, Tie You Down Cause Boy I Can“ („Strong Black Vine“) oder der Song „Police Me“, in dem Frau Amos von E-Gitarren begleitet eine erotische Stimmlage einsetzt.
Andere Facetten präsentiert sie in tragenden Liedern mit Cello- und Geigen-Arrangements, bei denen sie nur zu gut im Ballkleid auf einer Theaterbühne stehen könnte („That Guy“) oder dem Titeltrack mit übereinandergelegten Vocals. Lebendig und fast countryhaft, aber auch mächtig kitschig, klingen Stücke wie „Not Dyin’ Today“ und „Fire To Your Plain“. Während die erste Single „Welcome To England“ durch ihr Ohrwurm-Potential leider in die Schublade „Durchschnitt“ sinkt, beweist Tori Amos in „Mary Jane“ mit wuchtigem Geklimper auf dem Bösendorfer, worin ihre wirkliche Stärke liegt. Auch emotionale Klaiverballaden wie „Ophelia“ und „Maybe California“ unterstreichen das.
Das Album ist mit seinen siebzehn Tracks einfach zu beladen. Allen Songs gemein ist aber gelungenes Songwriting sowie eine Frau, die ihre Stimme beherrscht und sie in all ihren Facetten prägnant unterzubringen weiß. Neun erfolgreiche Alben und zwanzig Jahre, in denen ihre Lyrik schon die Musiklandschaft prägt, bestätigen wohl ihren richtigen Instinkt. Auch wenn „Abnormally Attracted To Sin“ sehr ausschweifend ist, beweist es Tori Amos' Talent allemal.
Jasmin Hollatz