Dies ist kein Krimi. Jedenfalls nicht nur. Dafür ist das Buch zu komplex, zu vielschichtig. Dafür lässt es sich zuviel Zeit für seine Personen. Aber ein einfacher Roman ist es auch nicht. Denn die Krimihandlung, das Verbrechen und dessen Auflösung stehen im Zentrum. Für mich ist es dennoch vor allem ein guter Roman. Der unsagbar spannend ist. Beeindruckend an diesem Buch ist, wie der Autor JEDE Perspektive, auch die der Randfiguren, aufgreift; wie er jede der auftretenden Figuren, oft nur kurz und mit geringen Mitteln, aber dennoch prägnant, ins Zentrum rückt und menschlich und nachvollziehbar (nicht immer sympathisch) in ihren Abgründen, Hoffnungen und (vor allem) Verzweiflungen auslotet. Vorsichtig, mit Bedacht, nähert er sich den Protagonisten und deren Innerstem. Auch den Beweggründen des Täters. Diese Vorsicht macht einen Teil der Spannung aus, da er den Leser nur langsam an das Eigentliche, das so essentiell und existentiell wie schrecklich ist, heranführt. Am Ende fügt sich jede der kleinen, detailliert beschriebenen Episoden, wie bei einem Mosaik, in die andere, um ein Bild zu ergeben, in dem keine zuvor erwähnte Kleinigkeit nebensächlich bleibt. Ich habe das Buch in einer Nacht gelesen. Ich konnte nicht aufhören. Die Dramaturgie ist hervorragend und hält einen fest. Das leider, für meine Begriffe, recht überstürzte Ende bedeutet auch das Ende der Plausibilität, die Ani bis dahin konsequent verfolgt hat. Eine leichte Enttäuschung daher meinerseits auf den letzten Seiten, die mir unglaubwürdig erschienen. Der Rest aber ist so exzellent, dass ich dieses Ende (das vielleicht nur etwas mehr Raum benötigt hätte, um wahr und wahrhaftig zu werden)nicht für den Abzug eines Sterns verantwortlichen machen möchte. Denn ansonsten ist das Buch mehr als ein Krimi - weil Ani über all jenes verfügt, was auch einen guten Romancier ausmacht: Über Menschenkenntnis und Erfahrung, über sprachliche Gewandtheit und die Kenntnis menschlicher Abgründe. Und vor allem: über eine Mischung aus Rationalität, Beseeltheit und Gefühl!