Altersgenossen der Fotografin werden Aspekte Frankfurts in Buch oder Ausstellung entdecken, die ihnen seinerzeit nicht begegnet sind oder die sie verdrängt haben; später Geborene finden eine Fülle außergewöhnlicher zeitgeschichtlicher Dokumente. Manche, doch beileibe nicht alle sprechen für sich selbst. Die differenzierten und informativen Essays geben hierzu wichtige Informationen und ermöglichen es dem Leser und Betrachter, Entwicklung und Persönlichkeit der Abisag Tüllmann kennen zu lernen.
Tüllmann verstand sich auf die alltäglichen Szenen: Schlafende im Wartesaal des Hauptbahnhofs, Obdachlose, Fließbandarbeiterinnen, arbeitende und ruhende Menschen in Deutschland wie auch in Ländern wie Israel. Ebenso hielt sie den historischen Augenblick fest, unter anderem zahlreiche Demonstrationen, etwa solche, die sich gegen den Abriss von Gebäuden im Frankfurter Westend richteten. Sie portraitierte Prominente, lieferte Bilder für Filme, hielt Theaterszenen fest, nicht zuletzt sehr umstrittene, fasste zeitgenössische Kunst ins Auge, zum Beispiel auf der "documenta". Architektur gehörte ebenso zu ihrer Motivwelt wie manches "Street".
Tüllmann fotografierte auch in Farbe, zog aber offensichtlich wie so viele ihrer Kollegen Schwarzweiß vor, auch bevorzugte sie das vorhandene Licht gegenüber dem Blitz. So wirken viele ihrer Aufnahmen stark körnig, was die grundsätzliche Stimmung unterstützt. Die Bilder sind stets spannend und geschickt aufgebaut, die Aussage wirkt klar, technisch stimmt alles, gemessen an den Standards der jeweiligen Zeit. Und dann ist da noch die erwähnte persönliche Komponente: Die zentralen Aussagen der Fotos erschließen sich dem Leser unmittelbar.
Buch wie Ausstellung eröffnen dem Betrachter eine neue Welt, teils untergegangen, aber in vielen Gedanken noch präsent, teils unmittelbar modern. Empfehlenswert!