Abi Wallenstein ist vielen als Ikone des europäischen Blues sicher bekannt. Sein gelassenes Charisma und seine bemerkenswerte Gabe, die Herzen der Zuhörer innerhalb kürzester Zeit erobern zu können ist zu seinem Markenzeichen geworden, das den Blick auf seine Verdienste als Gitarrist manchmal überschattet.
Seit 1990 spiele ich mit Abi um die 80 Konzerte im Jahr, am Anfang im Duo und in letzter Zeit mit Martin Röttger zu dritt als BluesCulture. Während dieser Zeit konnte ich sein Gitarrenspiel natürlich aus nächster Nähe beobachten und, da ich auch selber gern zur Gitarre greife, zum gewissen Teil auch nachvollziehen.
Das erste was man wissen muss, um sich Abis ungewöhnlicher Spielweise nähern zu können ist, dass er alles in einer offenen Stimmung spielt. Als ich ihn kennenlernte war dies ein offenes A (E A E A C# E) und er blieb lange Zeit dabei. Die Stücke von der CD 'Blues Avenue', die in diesem Buch vorkommen, wurden so eingespielt. Vor einigen Jahren aber wollte er manches Stück in einer tieferen Tonart singen und stimmte deshalb alles um einen Ganzton nach unten zum offenen G (D G D G B D). Alle Stücke von der CD 'Step In Time', die hier vorkommen, benutzen diese Stimmung. Heute stimmt er alles noch einen Ganzton tiefer auf offenes F (C F C F A C) und einige Titel der CD 'Blues Culture' wurden auch so eingespielt. Dabei bleibt das Verhältnis der einzelnen Saiten zueinander immer gleich, das Ganze wurde mit der Zeit einfach insgesamt tiefer. Deshalb ergibt die gleiche Platzierung des Kapodasters manchmal unterschiedliche Tonarten und viele Titel werden heute in einer tieferen Tonart gespielt, als die in der sie ursprünglich aufgenommen wurden. Außerdem haben sich die Arrangements der Stücke mit der Zeit weiterentwickelt und mancher Titel wird heute anders als auf der CD gespielt. Abi spielt grundsätzlich eine 8-saitige Gitarre, d.h. die oberen beiden Saiten sind gedoppelt wie bei einer 12-saitigen, ein nützlicher Trick um den Sound auszupolstern, den er von Big Joe Williams abguckte.
Das Wesen von Abis Spielweise beruht in dem Wechselbass, gespielt in Kombination mit oft raffinierten Picking Patterns auf den oberen Saiten, mit einem unnachahmlichen Groove, der seinem Spiel eine seltene mitreißende Qualität verleiht. Als einer der ganz wenigen Gitarristen (die einzigen, die mir sonst hier einfallen sind David Lindley und Ry Cooder) benutzt er die offene G (oder F oder A) Stimmung, um in anderen Tonarten als ausschließlich der Grund- oder Tonikatonart zu spielen und manche Stücke werden deshalb in der Dominantentonart (D-Dur bei offenem G) oder auch in der Doppeldominantentonart (A-Moll bei offenem G) gespielt. Das erfordert einiges an Erfindungsreichtum und Abi hat dafür sehr schöne und zutiefst individuelle Fingerings ausgetüftelt, die hier zum ersten Mal in der Gitarrenliteratur dokumentiert werden. Er ist aber auch ohne Zweifel ein Kind des Rock'n'Rolls und mehr als ein Hauch von Keith Richards ist in seinen rockigen Stücken zu spüren. Schließlich macht es die Mischung, und Abi hat eine sehr persönliche und eigene Mischung für sich gefunden, die ihn in meinen Augen zu einem der interessantesten Bluesgitarristen unserer Zeit macht. Es ist mir deshalb eine große Freude, diese Edition vorstellen zu dürfen und ich hoffe, sie wird anderen Spielern helfen, einen Einblick in die Geheimnisse von Abis Spiel sowie in die der offenenen Stimmung zu finden,
Steve Baker, Februar 2009