"Jeder Sensualismus macht den Begriff der Wahrheit so einfach, dass sich die
ganze Schwierigkeit darauf verlagert zu begreifen, was dann noch Irrtum ist."
(Hans Blumenberg)
Empirie, Theologie und Philosophie vereinen sich im 17. und 18. Jahrhundert unter anderen in der Person George Berkeley (1685-1752). Mit ihm erwächst eine Position des Idealismus, die über Hume an Kant geht und in der Prolegomena einer zukünftigen Metaphysik folgendes Diktum erhält: Idealismus ist die reine Behauptung, dass es keine anderen als nur denkende Wesen gibt, alle anderen Dinge, die wir in der Anschauung wahrzunehmen glauben, sind nur Vorstellungen in den denkenden Wesen. Mithin verzichtet der Idealismus auf Materie und Berkeley als Vertreter und Verfechter macht sich so zum Gespött der denkenden Gemeinde. Von Diderot bis Voltaire erhält er nur närrische Aussagen über sein schimärisches Ideensystem, seine wunderlichen Lehrsätze und doch ist der 25jährige reif für ein hohes theologisches Amt als Bischof.
"Esse est percipi (aut percipere)" ist sein Hauptsatz, der nicht mehr meint, dass das Sein im Wahrgenommen-Werden oder im Wahrnehmen besteht. Damit steht er wie Robinson einst in der Natur allein gegenüber dem common sense, der sich der Ontologie verschreibt und in Summe, weil dort die Dinge existieren, reicher ist. Reicher auch deshalb, weil hier Unmerklichkeiten und ihre marginalen Veränderungen eher wahrgenommen werden. Das minimum sensibile ist gem. Blumenberg auch der Grenzfall der Realität, jenseits davon beginnt das Reich der bloßen Worte. Und aus diesem allein will nach Berkeley offensichtlich derjenige raus, dem es an Wahrgenommen-Werden-Wollen liegt. Nur dann gilt sein Sein.
"Auf Grund meiner Prinzipien gibt es eine Realität", sagt Berkeley und nun bleibt die Frage, ob all der Formulierung, nicht zu wissen, was eine Existenz ist, überhaupt dem Mann etwas abgenommen werden kann. Mit Berkeley gibt es weitere Überraschungen. Behauptet er noch, dass wir viele Dinge kennen, bei denen uns Worte fehlen, um sie auszudrücken, hält er es für nicht weniger sicher, dass wir viele Worte haben, zu denen uns die Dinge fehlen. Zwischen Unbegrifflichkeit und Metapher ist nur eines sicher, kein Wort ohne Vorstellung. Und eine dieser Vorstellungen ist eine Sicherheit, nämlich dass sie (die Sicherheit) nur dort existiert, wo sie Täuschung ist, so zumindest die Aussage der Cartesianer und es lässt sich auch vermuten, dass dieses gilt bei der Ent-Täuschung. Daraus folgt, keine Lüge, wo die Worte, die Schrift fehlt. Dort, wo es keine Behauptung gibt. Für Berkeley gilt damit auch: "Ein nicht wahrgenommenes Ding ist ein Widerspruch". Damit begibt sich Berkeley deutlich in die Perspektive auf die Welt vor aller Wissenschaft.
Auch geht es Berkeley darum, Erfahrung bedeuten zu lassen, was sie ist und was in ihr liegt. Nicht mehr. Ihm liegt es fern, daraus ein System von Indikatoren auf anderes zu machen. Eine Überprägnanz einer Mitteilung liegt ihm fern, weil er sie für die Wurzel der Irrungen hält, in jeder Welt. Denn der Mensch irrt nicht dort, wo er sich immer am meisten misstraut hatte: in der Sinnlichkeit, sondern im Darüber-hinaus-wollen. Nicht als Leser, sondern als Exeget des Textes versagt er: als Richter, nicht als Zeuge. In der Verbindung mit den Vorstellungen liegt allemal ein Überschuss, ein Zuviel an Behauptung, so Blumenberg.
In §109 lesen wir Berkeley: "Wie dem klugen Mann bei der Lektüre anderer Bücher geziemt, den Sinn zu erfassen und aus ihm Nutzen zu ziehen, statt sich in grammatischen Betrachtungen über die Sprache zu ergehen, so scheint es beim Lesen im Buch der Natur unter der Würde des Geistes zu sein, in der Zurückführung jeder einzelnen Erscheinung auf allgemeine Regeln oder im Nachweis, wie sie aus ihnen folgen, allzu sehr nach Exaktheit zu streben."
Mit Berkeley werden wir an der Berührung jeder Sache gehindert, aber wenn Voltaire später vom ästhetischen Wirkungszusammenhang zwischen Autor und seinen Lesern spricht, dann spürt man die Auszeichnung, die Berkeley (mit Blumenberg) den Dingen gibt als der Betrachtung würdige Exponate.
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