J. G. Herder (1744-1803) war ein deutscher Dichter, Übersetzer, Theologe und Philosoph der Weimarer Klassik.
Nach dem Lesen dieser philosophischen Überlegungen über die Sprache im Allgemeinen drängte sich bei mir unweigerlich die Frage auf, ob diese nicht zu den menschlichen Sinnesorganen gezählt werden kann?! Herder beschäftigt sich hauptsächlich mit den Gefühlen und Gedanken die ein Wort oder ein Satz im Menschen hervorrufen. Er geht der Frage nach, welche Besonderheiten Interjektionen - d.h. Ausrufe - haben, warum es in manchen Sprachen mehr Ausrufe gibt, in anderen weniger. Sehr viele Gedanken sind in diesem Büchlein enthalten, die die modernen Sprachwissenschaftsfragen vorwegnehmen. Herder ist ein scharfer, kritischer Beobachter vom Menschen und besonders in diesem Buch von Sprache. Er beschäftigt sich mit der Frage nach deren Entstehung bzw. Erfindung. Die meisten Überlegungen sind sehr allgemein gehalten, so dass man nicht behaupten kann, sein Buch wäre wissenschaftlich fundiert. Andererseits merkt man, dass Herder sich hier wirklich mit den philosophischen Aspekten der Sprache auseinandersetzt und versucht sich eigene Erklärungen hierüber zu geben, so dass er meiner Meinung nach als Vorreiter der Sprachwissenschaft im heutigen Sinne gezählt werden kann. Er behauptet z.B. dass "jede Familie von Wörtern ein verwachsenes Gebüsche um eine sinnliche Hauptidee ist". Hier fällt mir das Hebräische ein: im Hebräischen bildet man nämlich durch drei Stammkonsonanten Wörter die ähnlich in ihrer Bedeutung sind und die nur durch Änderung eines Vokals oder einer Endung zu unterscheiden sind. Die Bedeutungsbreite ähnlicher Wörter wird enorm. Man kann das mit der Methode Aristoteles vergleichen, Tiere zu klassifizieren und in verschiedenen Gattungen einzuteilen. Auch im Hebräischen gibt es diese Tendenz, was ähnliche Bedeutung hat weist auch im Phonetischen Ähnlichkeiten auf. Herder geht in seinen Überlegungen oft von den morgenländischen Sprachen aus um zu gewissen Wortbedeutungen zu gelangen. Warum heißt Geist z.B. im Hebräischen "Wind" oder "Hauch"?; Herder meint, dass alle Abstrakta vorher Sinnlichkeiten gewesen sein müssen. Für Herder besteht wie für Chomsky heute eine universelle Grammatik, d.h. eine einzelner Sprachen übergeordnete Grammatik. Die Grammatik ist für ihn dem Menschen angeboren, egal welche Sprache er spricht. Noch heute beschäftigen sich Sprachwissenschaftler mit genau der Frage ob man die Grammatik nur im Nachhinein aufgrund von Beobachtung beschreiben und untersuchen kann oder ob sie im Vornhinein schon besteht, so dass sie sozusagen a priori angenommen werden muss bzw. beschrieben werden kann.
Insgesamt haben mir die Überlegungen Herder zur Sprache sehr gut gefallen weil er es verstanden hat, die Sprache nicht getrennt vom Menschen zu beobachten, sondern als etwas dem Menschen inhärentes wie das Gehen oder das Sehen.
Textpassagen zum Nachdenken:
Das matte Ach ist sowohl Laut der zerschmelzenden Liebe als der sinkenden Verzweiflung; das feurige O sowohl Ausbruch der plötzlichen Freude als der auffahrenden Wut ... Die Träne, die in diesem trüben, erloschnen, nach Trost schmachtenden Auge schwimmt - wie rührend ist sie im ganzen Gemälde des Antlitzes der Wehmut; nehmet sie allein, und sie ist ein kalter Wassertropfe, bringet sie unters Mikroskop und - ich will nicht wissen, was sie da sein mag. (8)
... mit Reflexion zu tun, was sie vorher bloß durch Instinkt taten (Kinder) ... Geschrei der Empfindungen wars also, was die Seelenkräfte entwickelt hat, Geschrei der Empfindungen, das ihnen die Gewohnheit gegeben, Ideen mit willkürlichen Zeichen zu verbinden ... Kurz, es entstanden Worte weil Worte da waren, ehe sie da waren ... Geschrei der natur'aus dem die menschliche Sprache werde ... (18-19)
Man hat sich die Vernunft des Menschen als eine neue, ganz abgetrennte Kraft in die Seele hinein gedacht, die dem Menschen als eine Zugabe vor allem Tieren zu eigen geworden und die also auch, wie die vierte Stufe einer Leiter nach den drei untersten, allein betrachtet werden müsse; und das ist freilich ... philosophischer Unsinn. Alle Kräfte unserer und der Tierseelen sind nichts als metaphysische Abstraktionen, Wirkungen! Sie werden abgeteilt, weil sie von unserm schwachen Geiste nicht auf einmal betrachtet werden konnten ... überall wirkt die ganze unabgeteilte Seele. (27)
... Poesie älter gewesen als Prosa ... Die Natursprache aller Geschöpfe vom Verstande in Laute gedichtet ... Die Tradition des Altertums sagt, die erste Sprache des menschlichen Geschlechts sei Gesang gewesen. (50-51)
Woher dem Menschen die Kunst, was nicht Schall ist, in Schall zu verwandeln? Wer kanns begreifen ... warum grün, grün und nicht blau heißt? ... jedes Wort ... etwas Willkürliches! (53)
In Siam gibt es achterlei Manieren, "Ich" und "Wir" zu sagen, nachdem der Herr mit dem Knechte oder der Knecht mit dem Herrn redet. Die Sprache der wilden Kariben ist beinahe in zwei Sprachen der Weiber und Männer verteilt, und die gemeinsten Sachen: Bette, Mond, Sonne, Bogen benennen beide anders; welch ein Überfluss von Synonymen! Und doch haben eben diese Kariben nur vier Wörter für die Farben, auf die sie alle andre beziehen müssen - welche Armut! ... so hat auch keine Sprache ein Abstraktum, zu dem sie nicht durch Ton und Gefühl gelangt wäre. Und je ursprünglicher die Sprache, desto weniger Abstraktionen, desto mehr Gefühle (69)