«Die Liebe ist jenes Band, / Das Gott wie Mensch berührt». Mit diesen Gedichtzeilen beginnt Ibn Arabis Abhandlung über die Liebe, eines der umfangreichsten Kapitel in seinem Opus Magnum, den «Futuhat al-Makkiyah», das hier erstmals ungekürzt in deutscher Übersetzung (basierend auf der französischen Übertragung von Maurice Gloton) vorliegt.
Jene beiden Verszeilen könnten durchaus als Motto für das gesamte Werk dienen. Die Liebe gilt als eine der grundlegenden existenziellen Befindlichkeiten des Menschen, doch ist sie gleichermaßen ein fundamentaler Aspekt des Göttlichen Wesens! Ein universeller Geist wie Ibn Arabi sieht die Liebe daher mit Notwendigkeit aus dem Blickwinkel der Einheit: «Die Liebe ist die Quelle des universellen Daseins». All ihre Erscheinungsformen ' als grobe Kategorien werden die natürliche Liebe, die spirituelle Liebe und die Liebe zu Gott unterschieden ' sind Aspekte der EINEN Liebe. Und letztlich gibt es nur EINEN Liebenden und EINEN Geliebten. Folglich wird keine Form der Liebe zugunsten einer anderen «abgewertet», sie alle haben ihren Platz im Kosmos und werden dementsprechend gewürdigt. Für unser westliches Verständnis ergeben sich daraus einigermaßen ungewohnte Folgerungen, etwa die, dass das geliebte Wesen als ein vom Liebenden getrenntes Objekt nicht existiert, sondern ein Produkt seiner schöpferischen Imagination ist!
Ibn Arabi nähert sich dem unerschöpflichen Thema der Liebe ' als leidenschaftlich Liebender: «Gott hat uns mit dieser [machtvollen] Liebe überhäuft, doch hat Er uns zugleich die Kraft verliehen, sie zu bändigen. Bei Gott! Könnte ich mir vorstellen, dass die Liebe, die ich empfinde, sich dem Himmel zeigte, er würde zerbersten.» Seine Leidenschaft bestimmt auch die literarische Form der Abhandlung: Besonders zu Beginn ist sie übersät von bezaubernden Gedichten, er lässt viele anschauliche (und auch drastische) Anekdoten einfließen, von denen die meisten auf den ägyptischen Mystiker Dhu-n-Nun zurückgehen. Gelegentlich teilt der Größte Meister auch sehr persönliche Erfahrungen mit. Demgegenüber tritt der systematische Aspekt zurück und manche zunächst logisch erscheinende Ableitung lässt Ibn Arabi absichtlich in Paradoxien münden. «Denn die Liebe ist köstlich / Ihr Wesen jedoch unverstanden».
Und doch bleibt sein Ehrgeiz, das gesamte in der islamischen Mystik angesammelte Wissen über die Liebe zusammenzufassen: «Wir haben unsere Untersuchung bis an die äußerste Grenze der Zergliederung und Nachforschung geführt.» Der Gefahr, sich in der Größe und Weite seines Gegenstandes zu verlieren, begegnet er mit intensiver Bezugnahme auf die Hadithe und den Koran, den er nach seinem inneren Verständnis ' und das heißt gelegentlich in schroffem Gegensatz zur orthodoxen Lesart ' deutet. Gerade im Hinblick auf die Liebe offenbart die esoterische Schicht des Koran ganz erstaunliche Erkenntnisse, die von den gängigen Übersetzungen weitgehend verschleiert bzw. zugeschüttet wurden, und sogar den korankundigen Leser verblüffen werden.
Die «Abhandlung über die Liebe» ist keine scharf abgegrenzte Monographie innerhalb der «Futuhat», sondern bleibt ' auch hier zeigt sich Ibn Arabis Universalität ' eingebunden in die integrale Bewegung seines Geistes, der nie den Zusammenhang mit dem großen Ganzen aus dem Auge verliert, sondern im Gegenteil jede Gelegenheit nutzt, die großen Themen wie die Heiligen Namen Gottes, Vorherbestimmung und Willensfreiheit, Diesseits und Jenseits, die Aufgabe des Vollkommenen Menschen im Kosmos usw. ins Spiel zu bringen. Insoweit spiegelt diese Abhandlung auch die ganze Breite und Tiefe von Ibn Arabis Lehre wider. Beim Lesen gewinnt man den paradoxen Eindruck, sich auf jeder Seite des Textes gleich nah am Zentrum seines Denkens zu befinden, denn alles ist mit innerer Bedeutung durchtränkt.
Im umfangreichen letzten Kapitel, das den schlichten Titel «Bezeichnungen, die dem Liebenden zustehen» trägt, geht es um die Göttliche Liebe, deren Phänomenologie in vierundvierzig zum Teil äußerst dichten Szenarien entfaltet wird. Ibn Arabi betont hier die Gegenseitigkeit dieser Liebe, er lässt wechselweise Gott und Mensch die Rolle des Liebenden übernehmen. Sie sind gewissermaßen allein mit ihrer Liebe zueinander und begegnen sich auf «Augenhöhe». Mit beispielloser Kühnheit tritt hier die Würde des Menschen als Ebenbild und Stellvertreter Gottes zutage. Ibn Arabi war sich durchaus bewusst, wie weit er sich hier vorgewagt hatte. So mahnt er in seinem Epilog ausdrücklich: «Hüte dich indes davor, [Gott den Geschöpfen] ähnlich zu machen.»
Fast vierhundert Anmerkungen (mehr als die Hälfte davon stammen vom deutschen Übersetzer) geben wichtige Zusatzinformationen zum Text und scheuen sich auch nicht, bei schwierigen Stellen Verständnishilfe zu geben. Alle im Text vorkommenden arabischen Begriffe sind exakt transkribiert und mit ihren deutschen Bedeutungen im umfangreichen Register aufgeführt, das nicht lediglich ein Fundstellenverzeichnis, sondern auch ein kleines Wörterbuch ist.