"Mit fünfzig Grafen regiert man besser, als mit fünf Herzögen...."
(König Otto I.; S. 312)
"Abgründe der Macht" ist seit 1992 bereits der 19. Roman des Dramaturgen Robert Gordian. Bei der Ausgestaltung seiner Romanhandlung hält sich der Journalist und Historiker einmal mehr an die historischen Fakten, wenn er die ersten Regierungsjahre, des aus dem sächsischen Adelsgeschlecht der Liudolfinger stammenden König und späteren Kaiser Otto I. aufleben lässt....
Der erste von von insgesamt vier (in 50 Kapitel untergliederten) Teilen beginnt unmittelbar nach der Krönung Ottos in der Kaiserpfalz von Aachen am späten Abend des 7. August 936. Schon bald wird deutlich, dass sich ihm weder seine Brüder Thankmar und Heinrich, noch die anderen Stammesherzöge seinem "regnum francorum orientalium" unterordnen wollen. Während der ältere Halbbruder Thankmar, der "unter dem Purpur geborene" Heinrich und der Frankenherzog Eberhard selbst nach der Krone streben, fühlen sich die Herzöge von Schwaben, Lothringen und Bayern nicht an eine übergeordnete Königsmacht gebunden. Zu den diesen Rebellen gesellen sich bei der Neuverteilung der Ämter Übergangene und Unzufriedene wie Graf Wichmann der Ältere aus dem Geschlecht der Billunger oder Friedrich, der Erzbischof von Mainz. Weitere Unterstützung finden die Empörer in der Schwureinung (S. 190), einem Zusammenschluss von Adligen....
Bis zum Ende des Romans, der in der Schlacht von Andernach am 2. Oktober 939 seinen Showdown findet wird kaum eines der überlieferten historischen Ereignisse ausgespart! So ist Gordian auch die Ermordung des Premysliden Wenzel durch seinen Bruder Boleslav dem Grausamen im September 935 eine Erwähnung wert. (S. 25) Leser erfährt außerdem, dass die Redewendung "auf den Hund gekommen" (S. 80) auf ein Ereignis im September 937 zurückgeht. Mit Mauritius, Candidus, Excuperius, Innocentius und Vitalis, erfährt der Leser was es mit den Märtyrern der legendären "Legio Thebaica" auf sich hatte und warum und wie sich Otto um deren Reliquien bemühte (S. 65). Darüber hinaus werden Ereignisse, die noch in die Regierungszeit von Ottos Vater, Heinrich I. fallen zumindest als Randnotiz erwähnt. Das gilt auch vor Personen, die in der zeit vor Otto lebten. Hierzu zählen unter anderem: Die Belagerung der Heveller-Festung im Winter 928/29, bei der Otto als 16jähriger bereits dabei war (S. 48) oder die Schlacht bei Riade gegen die Magyaren am 15. März 933 (S. 24).
Selbst beim Anlegen strenger Maßstäbe lässt sich augenscheinlich weder ein sprachlicher, noch sonstiger Anachronismus feststellen. Während die "Annales Iuvavenses Maximi" zum Jahr 920 den Bayernherzog Arnulf I. "den Bösen" tatsächlich als "....Arnolfo duci et regnare ei fecerunt in regno teutonicorum" bezeichnen, wie es ihm auf Seite 319 in den Mund gelegt wird, entlarvt der Autor den Beinamen "der Deutsche" für den ostfränkischen König Ludwig II. als einen, aus dem 19. Jahrhundert stammenden, Anachronismus (S. 338). Ein weiterer Beweis für die Geschichtstreue des Romans ist eine mehr als zweiseitige Auflistung von insgesamt 64 historischen Personen, die im Roman mitwirken oder zumindest erwähnt werden (S. 332) und die Erdichtung weiterer, fiktiver Gestalten beinahe erübrigen. Ein weiterer Pluspunkt ist das abschließende Glossar. Der Epilog (S. 327) lässt auf eine der mehrere Fortsetzungen über die fast noch 34 Jahre währenden Regierungszeit Ottos des Großen, besonders die Schlacht auf dem Lechfeld am 10. August 955, hoffen.
Die Ausstattung mit einem stabilen und wasserfesten Softcover in Verbindung mit allen Vorteilen eines gebundenen Buches, inklusive Lesezeichen (!) verleiht dem Buch einen besonderen Wert. Einzig das Motiv des Buchcovers mit Giampietrinos "Saviour of the world" aus dem frühen 16. Jahrhundert wirkt unangebracht und irritierend, was man jedoch nicht Robert Gordian anlasten darf.
Da gibt es für timediver® nicht das Geringste zu bekritteln, "Abgründe der Macht" ist ein schnörkel- und tadelloser Roman, der auch das vom Verlag Philipp von Zabern vorenthaltene Prädikat "historisch" vollauf verdient hat.
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