Die Rettung der Ehebrecherin vor der Steinigung durch einen wütenden Mob gehört zu den bekanntesten Episoden des Neuen Testaments. Die Worte Jesu` "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein" ist mehr als eine populäre Spruchweisheit; sie ist tragender Eckpfeiler christlicher Ethik. Doch was ist, wenn diese Szene niemals Teil des ursprünglichen Manuskripts des Johannes-Evangeliums war, worin sie heute hinterlegt ist, und sie damit jeden Anspruch auf Authentizität verliert?
Diesen wie auch andere Teile des Neuen Testaments untersucht der amerikanische Religionswissenschaftler Bart D. Ehrman in seinem Buch "Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden" im Lichte der modernen Textkritik und schildert ein ganz anderes Bild von der Geschichte "wie die Bibel wurde, was sie ist". Die landläufige Vorstellung der heutigen Bibel als originalgetreue Wiedergabe antiker Vorlagen ist falsch, sie ist vielmehr das Ergebnis eines vielschichtigen Prozesses.
Ausgehend von der Feststellung, dass uns heute keine Originalmanuskripte des Neuen Testaments zu Verfügung stehen, führt Ehrman den Leser durch die Entstehungsgeschichte des Bibelkanons, dessen Bestandteile von der Antike bis ins Mittelalter hinein in ungeordneter Weise mühsam per Hand vervielfältigt wurden. Dabei kam es zu zahlreichen Kopierfehlern und Änderungen, von denen Ehrmann betont, dass die meisten davon nichts mit Theologie und Ideologie zu tun haben. Doch auch theologische Auseinandersetzungen aus der Anfangszeit des Christentums wie die über die Dreieinigkeit und die Natur Christi` schlugen sich in den Abschriften nieder, um die jeweilige Sichtweise zu unterstützen, von denen sich wiederum die der orthodoxen Fraktion durchsetzte. Auch das veränderte Verhältnis zum Judentum, den Heiden und zur Rolle der Frau in der christlichen Gemeinde führte zu kleinen Änderungen, die aber vollkommen neue Tendenzen in der Interpretation ergaben.
Es ist eine herausragende und einzigartige Leistung, die Ehrman in seinem Buch vollzieht: auf anschauliche und nachvollziehbare Weise wird den wissenschaftlichen Laien die aufwendige und komplizierte Methodik der modernen Textkritik von den Anfängen der frühen Neuzeit bis heute nahe gebracht, wie die Theologen mit detektivischen Spürsinn durch mühsame Vergleiche der noch vorhandenen Manuskripte aus alter Zeit Abschreibfehler von bewussten Änderungen unterscheiden und so die ursprüngliche Form zu rekonstruieren versuchen.
So erfährt man nicht nur, dass die Geschichte von der Ehebrecherin niemals im Original enthalten war, sondern eben so wenig der berühmte Prolog des Johannesevangeliums, "Im Anfang war das Wort". Den Leser erwartet eine Fülle von Überraschungen und verblüffenden Erkenntnissen, die nicht nur begründete Zweifel an der Verlässlichkeit der modernen Bibelübersetzungen wecken, sondern zwangsläufig auch den traditionellen Glauben und das Neue Testament als überzeugende Grundlage des Christentums in Frage stellen.
Für Ehrman, dessen Glaube zu Beginn seiner Forschungen noch fest in der Bibel verankert war, steht mittlerweile fest, dass die Bibel nicht das unfehlbare, mythisch inspirierte Wort Gottes sein kann, sondern ein literarisches Produkt aus Menschenhand. Über die weiteren Implikationen aus dieser Erkenntnis schweigt sich der Autor aus. Die daraus abzuleitenden Schlussfolgerungen daraus muss jeder Leser für sich und seinen religiösen Glauben selber treffen.