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Nicht anders als die allermeisten, auch führenden Diplomaten des Dritten Reichs, hat sich die ganz überwiegende Mehrheit der Wehrmachtgeneralität nach dem Zweiten Weltkrieg der kritischen Analyse ihrer womöglichen Mittäterschaft konsequent verschlossen. Was die deutschen Generäle vom Holocaust und den Verbrechen an der Front, aber auch über die tatsächliche Kriegslage wirklich wussten, wie sich vor diesem Hintergrund der interne Meinungsbildungsprozess vollzog etc., ließ sich aus den vereinzelt publizierten Memoiren, den Berichten, die sich die historische Kommission der US-Armee von den hohen Offizieren über ihre Frontbeobachtungen hat anfertigen lassen oder den zur Verfügung stehenden Militärakten, nicht valide bilanzieren. "Interne Diskussionen über Anordnungen von 'oben', über politische Überzeugungen oder vermeintlich militärische Notwendigkeiten bleiben dem Historiker bei der Betrachtung amtlicher Quellen fast immer verborgen." Andere, persönliche Quellen aber, die ein umfassenderes Bild über die interne Kommunikation erlaubt hätten, waren bislang nicht in hinreichendem Maß verfügbar.
Diese Lücke können die hier publizierten Abhörprotokolle zu einem guten Teil schließen. Eine über weite Strecken außerordentlich spannende Lektüre, die es dem Leser erlaubt, sich zahlreiche bis heute ungeklärte Fragen über die Ehrenhaftigkeit der deutschen Generalität im Zweiten Weltkrieg ohne Rückgriff auf Spekulationen aus den Quellen selbst zu beantworten. -- Andreas Vierecke -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Die Dokumentenedition umfasst 189 Abhörprotokolle aus dem britischen Sonderlager Trent Park. Dort wurden während des Zweiten Weltkriegs hochrangige deutsche Kriegsgefangene, vor allem Generäle und Stabsoffiziere, interniert, um ihre Gespräche systematisch abzuhören und auf diese Weise nachrichtendienstlich verwertbare Informationen zu gewinnen. Die edierten Gesprächsprotokolle waren das Ergebnis dieser Abhöraktion. Die Edition selbst ist eine Auswahl aus dem noch wesentlich umfangreicheren Aktenbestand, der im britischen Nationalarchiv lagert. Die Edition ist in vier Abschnitte gegliedert, die Abhörprotokolle zu den folgenden Themenkomplexen enthalten: allgemeine Reflexionen über den NS-Staat, die Strategie und den Kriegsverlauf, Gespräche über die deutschen Kriegsverbrechen und den Holocaust, Stellungnahmen zum Widerstand gegen Hitler und zum 20. Juli 1944 sowie die Diskussionen über die Kollaboration mit dem Feind. Der Edition ist eine ausführliche, ausgewogene Einleitung vorangestellt. Biographische Skizzen zu den in den Protokollen zu Worte kommenden deutschen Gefangenen sowie ein umfangreicher, profunder Anmerkungsapparat runden die Edition ab.
Wie Neitzel in seiner Einleitung überzeugend nachweisen kann, war den deutschen Gefangenen in Trent Park nicht bewusst, dass ihre Gespräche belauscht wurden. Dies geht nicht nur aus dem Gesprächsverhalten der Gefangenen hervor, die sich etwa in den Gesprächen über Kriegsverbrechen nicht selten selbst belasteten. Auch die Selbstzeugnisse einzelner Gefangener, so z. B. das zeitgenössische Tagebuch des Generals Crüwell, belegen, dass die meisten Gefangenen keinen Verdacht schöpften. Die Gespräche unter den Gefangenen waren daher vielfach von einer schonungslosen Offenheit geprägt. Hierin besteht der große Wert dieser einmaligen Quellen. Der unbegründete Verdacht, dass es sich bei den britischen Abhörprotokollen um Fälschungen handelt, wird nur von politisch interessierter Seite gehegt und zeugt von schlichter Unkenntnis der Quellen und ihrer Entstehungsgeschichte. In der seriösen Geschichtswissenschaft bestehen keinerlei Zweifel an der Authentizität dieser Quellen.
Die Abhörprotokolle enthalten keine faktographischen Sensationsnachrichten, die es notwendig machen, die Geschichte umzuschreiben. Ihr hoher Quellenwert besteht vielmehr darin, dass sie den Kenntnisstand über das Denken der höheren Wehrmachtsgeneralität erweitern. Die Protokolle spiegeln zum einen die Haltungen der Einzelpersonen wider: etwa ihr Verhältnis zum NS-Staat, ihre Position zu seiner Kriegspolitik, zu den Kriegsverbrechen und dem Judenmord, ihre eigenen Erfahrungen, Motive und Sichtweisen. Zweitens zeugen die Protokolle auch von der Heterogenität der gesamten Gruppe und der Differenziertheit der Haltungen innerhalb der Generalität. Neben der synchronen Momentaufnahme aus der Kriegsgefangenschaft belegen viele Protokolle auch den Wandel dieser Haltungen. Besonders zu erwähnen ist hierbei die Gruppenbildung und die „unterschiedliche Perzeption“ des Krieges innerhalb des Gefangenenlagers, der Neitzel schon in seiner Einleitung zu Recht breiten Raum widmet: Während sich manche Generäle bis zum Kriegsende ihre Loyalität gegenüber dem NS-Staat und ihren Glauben an den „Endsieg“ erhielten, sagten sich andere Truppenführer schon frühzeitig von Hitler und seinem Regime los, nachdem sie den verbrecherischen Charakter seiner Herrschaft erkannt zu haben glaubten.
Dass Neitzel diese wertvollen Quellen für die Wissenschaft erschlossen hat, ist ein Verdienst. Seine Quellenedition ist durch die kritische Einleitung und den akribischen Anmerkungsapparat erschöpfend aufbereitet, die edierten Quellen werden die militärgeschichtliche Forschung über die Wehrmacht im NS-Staat bereichern. Darüber hinaus stellen die Protokolle aus Trent Park, die die mitunter erhitzten Debatten im Wortlaut wiedergeben, nicht nur für Geschichtswissenschaftler eine überaus interessante und faszinierende Lektüre dar.
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