Zuviel gewollt, zuwenig gesagt
Anne Michaels' Débutroman: «Fluchtstücke»
Anne Michaels ist Dichterin. Sie hat als solche zu veröffentlichen begonnen und für ihre 1986 und 1991 erschienenen Gedichtbände «The Weight of Oranges» und «Miner's Pond» Auszeichnungen erhalten. Auch ihr erster Roman mit dem deutschen Titel «Fluchtstücke» enthält Sätze von atemberaubender lyrischer Dichte: Knappheit und Härte der Anfangsseiten ihres Romans üben beim Lesen einen Sog aus, dem man sich nicht entziehen kann: So grauenerregend die Geschichte einsetzt, man will weiterlesen, mehr über das Schicksal des Protagonisten erfahren.
Der siebenjährige Jakob Beer wird Zeuge, wie im Zweiten Weltkrieg Deutsche seine Eltern, polnische Juden, erschlagen und seine ältere Schwester verschleppen. Er flieht und versteckt sich auf dem Gelände einer archäologischen Grabungsstätte. Dort wird er nach Tagen von einem griechischen Forscher gefunden und gerettet. In der Obhut dieses Mannes verbringt er seine Kindheit und Jugend auf einer griechischen Insel, später wandert er mit ihm nach Toronto aus. Jakob wird Autor, wird Dichter und versucht seine Erfahrungen auf diesem Wege zu verarbeiten. Die schrecklichen Bilder seiner Kindheit lassen ihn lange nicht los. Eine erste Ehe scheitert daran, und erst als reifer Mann findet er in der Beziehung zu einer jungen Frau zu einer Art innerer Ruhe.
Fakten bis zum Überdruss
Anne Michaels hat keine Mühe gescheut, historische und naturwissenschaftliche Details zu recherchieren. Und sie nennt das Grauen schonungslos beim Namen. Das ist gut so und verfehlt anfangs auch nicht seine Wirkung. Doch schon bald läuft ihr der Roman aus dem Ruder. Vor lauter Bemühen, authentisch zu sein, überschüttet sie die Leser mit Fakten, deren schiere Fülle einem schnell die Lust an der Lektüre verleidet. Natürlich steckt dahinter auch eine gewisse inhaltliche Logik: Jakob Beer will durch das Aneignen von Wissen mit der eigenen Biographie besser fertig werden; das Interesse, das er den Studiengebieten seines Mentors Athos, der Archäologie und der Geologie, entgegenbringt, soll ihm das Handeln der Menschen verständlich machen; das Leben soll durch die unbelebte Natur erklärbar werden.
Man kann sich jedoch nicht des Eindrucks erwehren, hier werde naiv das Wunder der Schöpfung in seinen vielen naturwissenschaftlichen Details bestaunt; angelesene und zusammengetragene Fakten werden, oft kommentarlos, wiedergegeben und bis zum Überdruss aneinandergereiht. Die Art und Weise, wie auf die klassische Musik und ihre Komponisten verwiesen wird, könnte platitüdenhafter nicht sein. Das Schlimmste jedoch: Die Sprache büsst ihre poetische Wucht ein, die Metaphern verflachen. Wenn es heisst, ein Klavier übender Junge spiele aus Angst, Fehler zu machen, «langsam wie die Kontinentaldrift», so ist dies kein einmaliger Ausrutscher, sondern ein durchschnittliches Beispiel für die Fehlgriffe der Autorin.
Mit den Liebesgeschichten des Buches werden Handlung und Sprache vollends schal. «Ich weiss noch weniger als der Schein einer Lampe in einem Fenster, der es immerhin versteht, sich in die Strasse zu ergiessen und das Verlangen eines Wartenden zu wecken.» Ein solcher Satz ist pathetisch hohl und sprachlich unbeholfen obendrein (was nicht an der Übersetzerin Beatrice Howeg liegt, die die starken, poetischen Sätze der Autorin adäquat trifft, für deren Schwächen aber nichts kann).
Verschenktes Thema
Dies alles gilt für die Geschichte Jakob Beers, die im ersten Teil des Romans rekapituliert wird, wie auch für die Geschichte Bens, der im zweiten Teil Jakobs Spuren folgt. Denn wer sich durch den ersten Teil gekämpft hat, dessen Interesse wird zu Anfang des zweiten neu erwachen und noch schneller erlahmen. Als Sohn von Eltern, die im KZ ihre beiden ersten Kinder verloren und selbst wie durch ein Wunder überlebt haben, ist Ben vom Leiden an seinen Eltern und ihrem Missverstehen geprägt ein Thema, das einen eigenen Roman verdient hätte. Wie bei Jakob naht die Rettung durch eine unkomplizierte junge Frau, anders als bei jenem scheint die Ehe jedoch an Bens Unvermögen, sich auf seine Partnerin einzulassen, zu scheitern. Die Affäre, die er auf Jakobs griechischer Insel mit einer deutschen Touristin hat, ist so kitschig dargestellt, dass sie den grandiosen Eindruck, den der Anfang von «Fluchtstücke» hinterlässt, gänzlich zunichte macht.
So hat Anne Michaels einen dreifachen Verrat begangen: am Leser, dessen hohe Erwartungen enttäuscht werden; an ihrem Thema, das sie letztlich verschenkt, und an sich selbst, weil sie von der Dichterin zur Romanautorin avancieren wollte. Sie wäre gut beraten gewesen, bei der Lyrik zu bleiben. Dort liegt ihre unbestrittene Stärke, dort hat sie viel zu sagen. Zu dumm, dass der Kundenkreis für Romane grösser ist als der für Lyrik. In diesem Falle möchte man allerdings wetten, dass die Zahl derer, die dieses Buch tatsächlich bis zur letzten Seite gelesen haben und dies womöglich mit Gewinn oder Genuss , geringer ist als die kleine Schar, die regelmässig zu Gedichten greift.
Michael Hofmann
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.