"Nur wer von einer besseren Welt wenigstens träumen kann, gewinnt die Kraft für ihre Verwirklichung."
Michael Ende gehört für mich schon lange zu den innovativsten, schönsten und auch größten Schriftstellern Deutschlands. Jetzt, nach der Lektüre dieses Lesebuches, bin ich auch davon überzeugt den Beweis für meine Vermutung in der Hand zu halten.
Ende wäre heute 82 Jahre alt, er starb jedoch bereits 1995. Zumindest mich quälte nach der Lektüre von Momo, Jim Knopf und der unendlichen Geschichte die Frage, was für wunderbare Bücher dieser Mann noch hätte schreiben können. Nach und nach stieß ich jedoch auf weitere Bücher, die zwar eine etwas andere, aber nicht minder faszinierende Seite von Endes Kunst zeigten. Im Prinzip finden sich hier größtenteils Texte aus diesen Büchern versammelt. So auch die 44 Fragen an den Leser, die Ende anstatt eines Vorworts an den Anfang dieser Sammlung stellte und die einen mit ihrer Wirkung sofort für diese gewinnen.
"Liegt die Kraft, die eine Kompassnadel dazu veranlasst, immer nach Norden zu zeigen, in der Nadel oder im Erdball?"
Denn in diesen Fragen ist auch direkt das angedeutet, was Endes Werk durchzieht: Ein Ablassen von abstrakter Philosophie und genauso von ebenem Realismus, um zwischen den beiden zu wirklich phantastischen und trotzdem authentischen Fiktionen zu gelangen. So leicht sein Werk in jeder Faser ist, so unterhaltsam und genial einem die Geschichten ihre Facetten und Problematiken darlegen, umso schwerer muss es gewesen sein, dies ohne Ballast oder Bodenlosigkeit zu tun. Oft denkt man, dass solche Geschichten gut für Kinder sind, weil sie die Phantasie und Freude beflügeln, ohne das eine andere Reflektion als das Erkennen der Geschichte innewohnenden Idee vollzogen werden muss - aber genau darum sind solche Erzählungen (Märchen, phantastische Geschichten und dergleichen) auch bei Erwachsenen sehr beliebt.
"Wenn Wirklichkeit etwas mit Wirken zu tun hat, welche Wirklichkeit hat dann ein Traum?"
In diesem Buch kann man Ende ganz neu kennen lernen, man wird aber auch einige bekannte Texte wieder lesen. Viel stammt aus dem Band
Der Spiegel im Spiegel: Ein Labyrinth und viele kleine Sachen aus
Zettelkasten: Skizzen und Notizen. Wirklich exklusive Sachen gibt es nicht, aber es wurden noch sehr viele andere Werke hinzugezogen; es finden sich stellen aus Momo, der Unendlichen Geschichte, dem
Gauklermärchen, immer noch eines der wunderbarsten Stücke in Endes Werk, Jim Knopf, des weiteren auch Auszüge aus dem Buch mit Gesprächen über seinen Vater, den Maler Edgar Ende (
Die Archäologie der Dunkelheit) und aus dem schlichten, aber nichtsdestotrotz sehr guten Gedichtband
Trödelmarkt der Träume. Im Buch selbst befindet sich hinten eine ganze Auflistung von Werken, die man von Ende kennen sollte, auch mit 1-2 Geheimtipps.
"Was treibt wohl einen Nihilisten dazu, andere Menschen von seiner Absicht, dass alles sinnlos sei, zu überzeugen?"
Einen erwarten phantastische Erzählungen (von denen eine Jorge Luis Borges gewidmet ist), kleine Aphorismen, interessante Essays über die Kindlichkeit, ein Brief an eine besorgte Leserin, Entwürfe für Romane und Erzählungen, ein unveröffentlichtes, fragmentarisches Kapitel aus der Unendlichen Geschichte und noch vieles mehr. Das ganze ergibt eine Art von Leseabenteuerreise durch ein fiktives Land, mit all seinen Legenden und Weisheiten
Michael Ende war, um es klar zu sagen, ein unheimlich bedeutender und genialer Autor; und gerade weil er sich nie intellektuell oder gar liebreizend gegeben hat, sind seine Bücher und Texte so wahr und einzigartig. Jeder ist eine Geschichte für sich, wie Ende es ja wünschte und jeder ist ein Symbol dafür, das nie alle Geschichten geschrieben sein werden, weil jedem Menschen unzählige Bilder innewohnen.
In dem Fragment des Kapitels der Unendlichen Geschichte, gibt es einen Satz, der sehr gut beschreibt, wieso wir die Phantasie brauchen, wieso sie kein Trugschluss oder gar eine Illusion ist. Dort sagt die Zauberin zu Bastian: "vielleicht möchtest du manchmal anders sein, aber du möchtest dich nicht ändern".
Ich denke es geht vielen so. Aber erreichen kann man so etwas nur in seinen ganz eigenen Träumen und Vorstellungen - die Ende steht's für das Wichtigste hielt.
"Ist der Mond den Goethe duzte und der Klumpen aus Schlacke und Staub, auf dem die beiden Astronauten herumtaumelten, ein und derselbe Himmelskörper?"