Audiobook-Rezensionen
In der Lesung von Franz Kutschera aus dem Jahr 1958 wird der erste Teil des Romans bis zu dem Zeitpunkt, als Schwejk und Oberleutnant Luká in den Weltkrieg ziehen, dargestellt. Wie der bekannte Bühnen- und Filmschauspieler (1909 bis 1991) die vermeintliche Einfältigkeit des Josef Schwejk spricht ist beiendruckend. Z.B. die Szene, in der Schwejk über seine Zeit im Irrenhaus berichtet. Es war die schönste Zeit in seinem Leben. Man konnte dort machen, was man wollte, niemals hieß es, das gehört sich nicht. Das Irrenhaus verherrlichen? Im ersten Moment klingt das etwas seltsam. Aber Schwejk ist ganz pragmatisch: Besser dort als wegen Hochverrats verurteilt zu werden. Franz Kutschera gelang es bravourös, die stets lächelnde, immer sich gehorsam meldende Figur mit seiner Sprachkomik und seinem Idiom mit der Betonung auf der ersten Silbe zu interpretieren. Andererseits liegen ihm auch die Parts des österreichischen Oberschicht. Den versoffenen Feldkuraten Otto Katz oder den Oberleutnant Luká, den viele Frauen besuchen und dessen Devise Seien wir Tschechen, aber es muss niemand wissen, macht Kutschera unnachahmlich lebendig. Und mit dem Oberst Kraus, dem ehemaligen Besitzer des Stallpinschers, dessen Ahnen ihren Besitz bei Salzburg bereits im 18. Jahrhundert verfressen haben, macht er die österreichischen Militärs vollends lächerlich. Der Herr, der an einer Erklärungsmanie litt Ein Buch, meine Herren, sind mehrere geschnittene Buchseiten von einem Format ... ist in Kutscheras Interpretation der avancierte Repräsentant von Idiotie und Borniertheit.
Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk ist der bekannteste Roman von Jaroslav Haek. Der Ur-Schwejk erschien bereits 1917, in tschechischer Sprache. Der Prager Schriftsteller schrieb in seiner Sprache, während die k.u.k-Monarchie seine Nation kulturell und politisch unterdrückte. Internationale Anerkennung fand der Roman erst durch die deutsche Übersetzung von 1926/27. Danach war sein Siegeszug nicht mehr zu stoppen. Der Stoff wurde unzählige Male verfilmt und auf die Bühne gebracht. Jaroslav Haek wurde 1883 geboren und starb 1923. Er hatte viele Gesichter, er war Bohemien, Anarchist, Landstreicher, Hundehändler und humoristischer Schriftsteller. Er schrieb seit 1901 zweitausend satirische Kurzgeschichten, von denen er viele beim Biertrinken diktierte.
Lesung, Spieldauer: ca. 95 Minuten, 2 CD. Mit Booklet. -- culture.text
Buch der 1000 Bücher
Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
OT Osudy dobrého vojáka Svejka za svetové válkyOA 192123 DE 1926 / 27 Form Roman Epoche Moderne
Jaroslav Haseks unvollendet gebliebener satirischer Roman um die Erlebnisse des Prager Hundehändlers Josef Schwejk im Ersten Weltkrieg gehört zu den unvergänglichen und zugleich amüsantesten Werken der Weltliteratur. Mit seinem Schwejk hat Hasek die Literatur um einen liebenswerten Schelm bereichert.
Entstehung: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk erschienen zunächst als Fortsetzungsroman in einer broschierten Heftausgabe. Das erste Heft kam im März 1921 heraus, in einem eigens für dieses Projekt gegründeten Verlag. Der Autor widmete seine beiden letzten Lebensjahre ganz der Arbeit an diesem Werk, dessen Kapitel er einem Schreiber unter enormer Hast diktierte. Fünf Schwejk-Geschichten aus dem Jahr 1912 wurden später gemeinsam mit anderen Texten von Hasek als »Urschwejk« separat veröffentlicht.
Inhalt: Josef Schwejk, Hundehändler und Stammbaumfälscher, kommentiert in einem Prager Wirtshaus das Attentat auf den österreichischen Thronfolger; er dokumentiert durch diesen Kommentar seine vollständige Unkenntnis der politischen Verhältnisse und wird dennoch wegen Hochverrats verhaftet. Justiz und Psychiatrie beschäftigen sich mit Schwejk, der um beste Zusammenarbeit mit den Behörden bemüht ist und schließlich gesteht, den Erzherzog Ferdinand erschlagen zu haben. Er kommt ins Irrenhaus, aus dem er aber hinausgeworfen wird, weil er zu dumm ist. Auf Schwejks Dienste meint das Kriegsministerium jedoch nicht verzichten zu können und so lässt sich der Rheuma-Geplagte, der einst den Militärdienst quittierte und dem schwarz auf weiß bestätigt wurde, ein »behördlicher Idiot« zu sein, von seiner Wirtschafterin im Rollstuhl zur Meldestelle fahren. Ob dieser beispiellosen Geste patriotischer Gesinnung wird er von Passanten und Zeitungen als Held gefeiert. Es beginnt eine Odyssee durch die Einheiten der k. u. k. Armee und die Narreteien des Kriegs, die Schwejk zunächst als Bursche zu einem trunksüchtigen Feldkuraten führt, der ihn aber beim Kartenspiel an den Oberleutnant Lukasch verliert. Auf dem Weg zur Front widerfährt ihm ein Missgeschick ums andere, doch er lässt sich die gute Laune nicht verderben, hat zu allem und für jeden ein Histörchen zur Hand und zerredet jede ausweglose Situation. Schwejk ist so autoritätsgläubig, dass er jede Autorität untergräbt, so loyal, dass Loyalität sinnlos wird, so ergeben, dass er für keinen Herrn zu ertragen ist. Der Kleinbürger wird durch unbedingten Gehorsam zum Anarchisten und gibt ungewollt eine praktische Anleitung zur Wehrkraftzersetzung. Sein Humor und seine einzigartige Lebensphilosophie lassen Schwejk auch die russische Kriegsgefangenschaft und die Gefahren der Russischen Revolution unversehrt überstehen, so dass der Leser ihn zum Schluss im festlich geschmückten Prag einziehen sieht.
Wirkung: Bereits die ersten beiden Kapitel des Romans in Heftform wurden ein durchschlagender Erfolg. Das Lesepublikum liebte die Geschichte des kleinen Mannes, der die Staatsmacht durch die buchstabengetreue Befolgung der Gesetze ad absurdum führte. Die tschechische Kritik hingegen lehnte das unkonventionelle Werk, das ästhetische und ideologische Prinzipien sprengte, lange Zeit ab. Tschechischen Intellektuellen war es peinlich, dass ihre Literatur im Ausland durch einen »unliterarischen« Roman repräsentiert wurde. Erst als der Schwejk vor allem dank der deutschen Übersetzung international anerkannt wurde, fand er auch in seiner Heimat offiziell Aufnahme. R. F.
