Ich hatte die beiden Teile des "Werner Holt" schon zu DDR-Zeiten verschlungen und empfand damals unter pubertierenden Umständen als 16-jähriger sein Leben durchaus als Abenteuer, da ich gerade die lebensphilosophischen Anspielungen von Dieter Noll noch gar nicht recht verstehen konnte. 25 Jahre später mit einiger Lebenserfahrung ausgestattet würde ich das Buch eher mit "Die Leiden des Werner Holt" in Anspielung an einen berühmten Text des Dichters Goethe betiteln. Vielleicht stand Dieter Noll ja derartiges im Sinn, getraute sich dann aber doch nicht in so plagiater Art und Weise an den großen Dichterfürsten heran. In seiner Aussage und seinem Gehalt reicht es aber an die "Leiden des jungen Werther" heran. Es ist große Literatur.
Wenn beide Teile gelesen sind, wird einem meines Erachtens bewußt, dass es um den grossen Menschheitsstraum einer besseren und gerechteren Welt geht und dass wir als Menschen, gerade weil wir als Menschen mit einer bestimmten conditio humana ausgestattet sind, in unserem Streben immer fehlen werden.
Mir ist dieses endgültig beim Ausbruch des Irak-Krieges bewußt geworden. Ich bin mir sicher, dass George Bush von seiner welthistorischen Mission überzeugt ist. Dafür werden junge Soldaten im Irak verheizt, sie werden dabei sogar zu menschenverachtenden und zynischen Folterern. Sie werden wie unser Held Werner Holt in eine Gesellschaft zurückkehren, die nicht versteht, was diesen jungen Menschen dort wiederfahren ist. Sie werden wie unser Held Werner Holt unüberwindliche Schwierigkeiten haben, sich in der normalen bürgerlichen Welt zurecht zu finden. Sie werden feststellen, dass sie mißbraucht worden sind von den Menschen, die die Macht haben, sie zu mißbrauchen. Unser Held ahnt, dass die Beschädigungen, die aus dem Kreislauf immer wiederkehrender Gewalt enststammen, untilgbar und jenseits jeder Ideologie eingebrannt sind. Letztendlich bleibt es in einer Welt, die eher auf Abgrenzung als auf Gemeinschaft ausgelegt ist, jedem selbst überlassen, wie er mit diesen Beschädigungen fertig wird. Der moralische Zeigefinger kann uns dabei erspart bleiben. Klingt im zweiten Band die Hoffnung an, dass sich mit einer sozialistischen Ideologie etwas zum besseren wenden könnte, so wissen wir heute, dass uns auch diese Hoffnung getrogen hat. Wie Holt im zweiten Teil sinngemäß sagt, dass er zum Töten abgerichtet wurde und diese Beschädigung überwinden möchte, so wäre er doch wieder bereit, die Waffe in die Hand zu nehmen, denn dieses Handwerk ist wenigstens eines, das er beherrscht. Der Normalbürger, der sich in seinem Wohlstand eingerichtet hat und seinen Wohlstand nur dieser Gewalt zu verdanken hat, wird naserümpfend auf derartig deklassierte Elemente herabschauen. Wir entkommen diesem Kreislauf nicht.