Dezsö Kosztolanyi (1885 - 1936) ist nach Sandor Marai und Antal Szerb der dritte Ungar, der hierzulande seiner Entdeckung harrt. Auch wenn er verkaufswirksam als Marais großes Vorbild gepriesen wird wäre es meiner Meinung nach falsch, starke Parallelen zwischen beiden zu vermuten oder gar zu suchen. Wo Marai Zwischenmenschliches oder Atmosphärisches liebevoll und detailgetreu beschreibt, ficht Kosztolanyi mit feiner Ironie, stellt lieb gewonnene Denkmuster infrage und verleiht seinem Helden anarchistische Züge, wie sie sich bei Marai kaum finden. In Peter Esterhazys amüsantem Nachwort preist er Kosztolanyi als Erneuerer der ungarischen Literatur, der den ungarischen Satz verändert" hat, und lobt sein Eleganz. Aufgrund meiner fehlenden Sprachkenntnisse möchte ich das nicht weiter kommentieren, kann aber anfügen, dass er in Ungarn selbst einen höheren Stellenwert genießt als die beiden oben Genannten.
Zum Buch selbst: Mit dem Untertitel Die Bekenntnisse des Kornel Esti" wurde für den deutschen Buchmarkt bewusst eine Anspielung auf den Mann'schen Felix Krull installiert. Diese wird dem Werk insofern teilweise gerecht, als es sich bei Esti in der Tat um einen Filou mit anarchistischen Ideen handelt, der einen Hang zu Oberflächlichkeit und Hochstapelei entwickelt. Seine diversen Lustreisen sowie seine Abstecher, die er mit der Budapester Bohème wöchentlich ins Nachtleben unternimmt, entbehren nicht der Frivolität und der Leichtlebigkeit, die sich Kosztolanyi nur zu gerne selbst gestattet hätte. In 17 Episoden, die nur durch eine lockere Rahmenhandlung zusammengehalten werden - Esti trifft einen gleichaltrigen Jugendfreund, der als Ich-Erzähler ein Jahr lang Estis Leben aufzeichnet - schildert Kosztolanyi das elegante Budapest der KuK Epoche als ein untergegangenes Idyll voll von Charakter und Esprit. Darüber hinaus lässt er seinen Helden bei dessen zahlreichen Reisen Eigenheiten der europäischen Nachbarn unter die Lupe nehmen.
Bei allen Parallelen ist Kosztolanyi aber subtiler und zynischer als Mann in seinem ,Felix Krull`. Wenn Esti etwa den vorbildlichen Ordnungssinn der Deutschen lobt, stellt sich doppelbödige Ironie ein, die Mann weitgehen fremd war: «Zuerst stieg ich an einem kleinen Badeort aus, um mir den Staub abzuwaschen. Ich brauchte niemanden zu fragen, wo das Meer sei. Auf den saubergewischten Sträßchen stand alle zehn Meter eine hübsche Säule, daran ein Emailschild mit einer richtungsweisenden Hand, darunter der Text: Zum Meer. Besser hätte man den Fremden nicht leiten können. Ich kam zum Meer (. . .) Am Ufer, einen Meter vom Wasser entfernt, stand eine höhere, aber sonst den anderen völlig gleiche Säule und daran ein größeres, aber sonst den anderen völlig gleiches Emailleschild mit folgendem Text: Das Meer.» In einer anderen Episode wird über die Stadt der bedingungslosen Wahrheit phantasiert, in der Bettler Schilder wie «Ich bin nicht blind. Die schwarze Brille trage ich nur sommers.» verwenden. Solch Betrachtungen hätte es bei Mann nicht gegeben.
Insgesamt machte dieser Roman, der keiner sein will, auf mich einen sehr persönlichen Eindruck. Kosztolanyi bilanziert, er prangert ironisch an, bleibt aber immer warm und humorvoll. Marais Glut" hat mir recht gut gefallen, allen anderen seiner Werke würde ich aber dieses originelle Buch vorziehen.