(bezieht sich auf die Übersetzung von Wolf Harranth)
Huckleberry Finn erzählt seine unglaublichen Abenteuer am und auf dem Mississippi selber -- da wird's wirklich schwer, den vielen begeisterten Kritiken der letzten anderthalb Jahrhunderte noch etwas Neues hinzuzufügen.
Huck Finn, der Sohn eines stadtbekannten Säufers, stellt anfangs zwar klar: "Das Buch hat Mr. Mark Twain gemacht", aber es ist s e i n e Geschichte, die er erzählt. Die Geschichte, wie er zusammen mit dem geflohenen Sklaven Jim auf einem Floß den Mississippi hinunterfährt. Wie den beiden die Gefahren von allen Seiten drohen, von der Natur und allgegenwärtigen bösen Geistern ebenso wie von mehr oder weniger wohlgesonnenen Mitmenschen, wie sie skurriler, kauziger und bedrohlicher kaum vorstellbar sind. Zusammen schlägt das ungewöhnliche Paar sich flussabwärts durch, und die beiden treffen auf biedere Farmer, gescheiterte Existenzen und gerissene Gauner, und sie lassen den Leser die Südstaaten der 1840er Jahre miterleben.
Am Ende tritt noch Tom Sawyer auf den Plan und sorgt für ein furioses Finale, und zwar verbunden mit einer abenteuerlichen Hommage an den Grafen von Monte Christo -- eine vollendete Kombination von Eleganz und Tolpatschigkeit.
Eine spannende Abenteuergeschichte also mit allem Zubehör, und gelacht werden darf auch, und zwar gründlich.
"Huckleberry Finn" gilt als eines der wichtigsten Werke der amerikanischen Literatur, beziehungsweise: der Weltliteratur. Ein Glücksfall für die Kinderliteratur ist es obendrein. Ich kann mich nur an wenige Bücher erinnern, die mich als Kind ähnlich gefesselt hätten -- aber nicht nur als Kind. Wer das Buch als Erwachsener (wieder)liest, wird es ebensowenig freiwillig aus der Hand legen. Vor allem dann nicht, wenn er eine gelungene deutsche Übersetzung in Händen hält, der es gelungen ist, all die stimmungsvollen Naturschilderungen, vor allem aber die Dialoge und all die verschiedenen Slangs und Dialekt-Varianten des Originals einigermaßen ins Deutsche herüberzuretten. Wolf Harranth ist das gelungen.
Schließlich hat Mark Twain gerade in "Huckleberry Finn" gezeigt, wie virtuos er die Idiome beherrschte, und viele Übersetzungen leiden darunter, dass die Übersetzer das Deutsche längst nicht so souverän im Griff haben wie Mark Twain das Englische.
Sucht jemand noch ein Buch für Baggersee, Balkon oder Sofa, dann hat die Suche ein Ende! "Huckleberry Finn" beamt seine Leser zuverlässig mitten hinein in den Mississippi-Süden der 1840er Jahre. Nur mit dem Zurückbeamen ins vergleichsweise triste Hier und Jetzt könnte es manchmal etwas holprig werden.