Ihr Aufstieg galt als Beginn der europäischen Kolonialisation Ostasiens und Vorbote der Globalisierung, ein entscheidender Abschnitt der imperialen Geschichte Europas. Doch gegründet wurden sie zuallererst zum Zweck eine realistische Alternative zur Nutzung der Seidenstraße zu erlangen und sich so unabhängiger von historischen Umbrüchen auf der politischen Landkarte oder schlicht Räuberbanden zu verschaffen. Sie kamen als Teilnehmer der bestehenden ostasiatische Märkte und blieben, bis sie schließlich ihr Ende als Kolonialagenturen finden sollten.
Der Geschichte der Ostindienkompanien hat der Historiker Jürgen G. Nagel das vorliegende Buch gewidmet, einen wirtschaftshistorischen Stilbruch mit Romantisierung und Verklärung der Kompanien. In Nagels von einer stark wirtschaftswissenschaftlich Diktion geprägten (und daher sicher nicht jedem Leser leicht zugänglichen) Darstellung wird das von den Ostindienkompanien gewagte Abenteuer Fernhandel weder zu einer chauvinistischen Verklärung europäischer "Zivilisationsbemühungen" noch einem romantisch angehauchten Abenteuer. Nagel selbst skizziert schon im Vorwort dass er sich um eine Abkehr von einem eurozentrischen Geschichtsbild bemüht hat und versucht die einstigen Handelsparteien auf Augenhöhe zueinanderzuführen, immerhin beruhte auch der Handel der Ostindienkompanien auf Gegenseitigkeit und einer Teilnahme an einem Markt mit einheimischen Anbietern. So ist "Abenteuer Fernhandel" ein gelungener Ansatz geworden die erste Phase der Globalisierung möglichst neutral darzustellen.
Mit der Integration der bis dahin unabhängig agierenden Ostindienfahrer in nationale Kompanien erhielt der zuvor jahrhundertelang nur auf dem Landweg stattfindende Fernisthandel wurde zunächst nur eine neue Dynamik in die euroasiatischen Handelsbeziehungen gebracht. Denn, wie Nagel schon im Kapitel nach dem Vorwort anmerkt, schon lange bevor die Europäer sich auf dem Schiffsweg nach Ostasien begaben existierte dort ein florierender Binnenhandel. Und dieser nahm auch unerwartet relativ spät "koloniale" Formen an, wie den Anbau von dezidierten cash crops. Die Kompanien selbst verstanden sich (als Zusammenschluss europäischer Ostasienhändler) daher auch zunächst lediglich als Teilnehmer an den asiatischen Märkten. Dazu kam eine zu jedem Zeitpunkt ihrer Existenz bestehende Abhängigkeit von lokalen Partnern, welche den Mythos von der scheinbaren "Macht" der Kompanien wiederlegt.
Neben einer allgemeinen Beschreibung des Fernosthandels zu Zeiten der Ostindienkompanien widmet Nagel vor allem den beiden prominentesten Proponenten dieser Geschichte, der holländischen VOC (Vereenigde Oostindische Compagnie) und der britischen EIC (East India Company) je ein eigenes Kapitel zu deren Entstehungsgeschichte und ihren Gegensätzen. Aber auch den "Exoten" wie der kurzlebigen schwedischen Kompanie, die nie über eine Niederlassung hinweg kam, wird entsprechender bemessener Raum gewidmet. Gerade bei EIC und VOC beschäftigt sich Nagel auch mit dem Übergang von einer primär merkantilen Vereinigung zur Kolonialagentur. Aber Nagel fühlt auch der kuriosen Kombination der Freihandelsidee mit evidenten Privilegien, Monopolbestrebungen und vor allem der Bestrafung "illegaler" Handelstätigkeiten, welche den Handel der Ostindienkompanien kennzeichneten auf den Zahn.
Die Zahl der dargestellten kleineren Kompanien ist außerdem beeindruckend. Neben der französischen, die einen eigenen Abschnitt erhalten, wie auch der dänischen und schwedischen, die in einem gemeinsamen Abschnitt zu finden sind geht Nagel auch auf Organisationen wie die Estado da India der Portugiesen oder die Philippinische Kompanie der Spanier ein. Selbst zu Genuas oder Kurlands Bestrebungen Ostindienkompanien zu errichten werden aufgegriffen. Und natürlich finden auch Preußens kurz tätige Bengalen Kompanie oder der im Dienste Österreichs tätige Abenteurer Wilhelm Bolt angemessen Erwähnung.
Den Abschluss des Buchs bildet eine Darstellung der expliziten Sicht Ostindiens auf den Handel mit Europa. Zunächst aus der Perspektive der lokalen Herrscher, aber schließlich auch aus Sicht deren Untertanen.
- Resümee -
Eine hervorragende wirtschaftshistorische Aufarbeitung der Tätigkeit der Ostindienkompanien, die zugleich einen gelungenen Überblick zur Thematik vermittelt. In gebotenem Umfang untersucht Jürgen G. Nagel neben den beiden großen Inbegriffen des Ostindienhandels, der britischen East India Company und der niederländischen Vereenigde Oostindische Compagnie ebenso wie ihre asiatischen Handelspartner samt der dynamischen Entwicklung des ostasiatischen Marktes, aber auch das Schicksal kleinerer europäischer