Als ich vor mehr als 10 Jahren im Bücherregal einer Freundin eher zufällig einige Comic-Alben mit dem Titel "Abenteuer in der Elfenwelt" (damals noch vom Bastei-Verlag) entdeckte und durchblätterte, war ich fasziniert - von den wunderschönen Zeichnungen, den lebendigen, perfekt auf die jeweilige Atmosphäre abgestimmten Farben und von der mitreißenden Geschichte, die mich sofort packte und auf die Welt der zwei Monde versetzte. Leider besaß meine Freundin nur einige aus dem Zusammenhang gerissene Einzelbände und der Rest der Serie war nirgendwo mehr zu bekommen, so dass mein erstes Zusammentreffen mit dem Elfenstamm der Wolfsreiter frustrierend kurz ausfiel. Entsprechend groß war meine Freude, als der Carlsen-Verlag "Elfquest" (so der Originaltitel der in den USA Ende der 70er erstmals erschienen Serie) neu veröffentlichte. So hatte ich viele Jahre später endlich die Möglichkeit, die ganze Geschichte von Anfang an mitzuerleben - und ich habe es nicht bereut!
Einen großen Teil des Zaubers der "Abenteuer in der Elfenwelt" machen Wendy Pinis Zeichnungen aus. Ihre Elfen sind mit ihren großen glänzenden Augen, spitzen Ohren und schlanken Körpern wunderschön anzusehen, gleichzeitig aber keineswegs ätherische Feenwesen. Ihre ausdrucksstarke Mimik und Gestik und das offensichtliche Können der Zeichnerin im Umgang mit Perspektive, Anatomie und Bewegung, lassen sie sehr lebendig und dynamisch erscheinen, so dass man Pini selbst die gelegentlich doch etwas allzu schmolllippige und rehäugige Darstellung gewisser weiblicher Elfen gerne verzeiht. Sehr beeindruckend ist auch immer wieder die nuancierte Kolorierung mit ihren warmen Farben und die Aufmerksamkeit, die selbst kleinsten Details im Hintergrund gewidmet wird.
Zu diesen wunderbaren Zeichnungen gesellt sich eine durchdachte und fesselnde Geschichte, in der es keine stereotypen Guten oder Bösen gibt. Die Bewohner der Elfenwelt sind vielschichtige Charaktere, die sich im Laufe der Geschichte verändern und weiterentwickeln.
Alles beginnt mit dem Stamm der Wolfsreiter, einer Gruppe von Elfen, die seit Jahrhunderten mit ihren Verbündeten, den Wölfen, im Großen Wald leben und im ständigen Kampf mit den primitiven menschlichen Ureinwohnern liegen. Als sie schließlich aus ihrer Heimat flüchten müssen, entdecken sie nach einer gefahrvollen Wanderung einen anderen Elfenstamm - die friedliebenden Sonnendörfler, die verborgen in der Wüste leben und die Wolfsreiter nach einigen anfänglichen Missverständnissen bei sich aufnehmen. Was wie das Ende der Geschichte klingt, ist jedoch erst ihr Anfang. Schnitter, den noch jungen Anführer der Wolfsreiter, bringen diese Erlebnisse nämlich dazu, sich auf die Suche zu machen. Auf die Suche nicht nur nach weiteren Elfenstämmen, sondern auch nach den sagenumwobenen Vorfahren der Elfen selbst, den Hohen. So beginnt eine Reise voller Abenteuer und Entdeckungen, in deren Zuge die Elfen unerwartete Freunde und gefährliche Feinde treffen werden, um schließlich nicht nur das Geheimnis um ihre Herkunft zu enträtseln, sondern auch den Grundstein für eine neue Gemeinschaft der Elfen zu legen.
So weit, so gut. Nun muss ich allerdings zu einer Sache kommen, die ich den Schöpfern der Elfenwelt übelnehme - und zwar, dass sie sich vom kommerziellen Erfolg dazu haben verleiten lassen, die Serie über ihr eigentliches Ende hinaus fortzusetzen. In dem Jubiläumssonderband "Die ersten 20 Jahre" stellen die Pinis im Interview selbst fest, dass die ursprünglich von ihnen erdachte Geschichte mit dem erfolgreichen Ende von Schnitters Suche schloss (Band 11 der Carlsen-Ausgabe). Erst zwei Jahre danach hätten sie beschlossen, "Elfquest" doch fortzusetzen, um nicht ihr Publikum zu verlieren. Meiner Ansicht nach eine Fehler, denn die beiden Fortsetzungszyklen, "Die Belagerung des Blauen Berges" (Carlsen-Bände 12-15) und "Die Könige des zerbrochenen Rades" (Carlsen-Bände 16-20), fallen deutlich ab - sowohl was das Erscheinungsbild als auch die Handlung betrifft. Stumpfe und flächige Farben (wahrscheinlich aus dem Computer) ersetzen die Kolorierung von Wendy Pinis eigener Hand, was den Zeichnungen auf einen Schlag mindestens die Hälfte ihrer Schönheit nimmt, während die Geschichte zu zerfasern beginnt und stellenweise einen beinahe planlosen Eindruck macht. Die meisten der Elfencharaktere entwickeln sich nicht mehr weiter und einige verflachen sogar. So verwandelt sich Winowill, die von fehlgeleiteten Motiven getriebene Elfe aus dem Blauen Berg, in einen klischeehaften Bösewicht, der mehr oder minder grundlos die Wolfsreiter verfolgt, während der Sonnendörfler Rayek durch die ständige Weiterentwicklung seiner magischen Fähigkeiten zu einer Art Elfen-Superman mutiert, der ständig irgendwo herumfliegt.
Über die Elfenwelt-Heftreihe, die nach dem Abschluss der drei oben genannten Zyklen von anderen Zeichnern weitergeführt wird, möchte ich lieber vollends den Mantel des Schweigens decken. Sie ist selbst in ihren besten Momenten nur noch ein schwacher Abglanz der künstlerischen und erzählerischen Herrlichkeit der ersten Originalbände.
Wie soll ich also die Serie "Abenteuer in der Elfenwelt" zusammenfassend bewerten? Dem ersten Erzählzyklus, sprich den Bänden 1-11, würde ich fünf Sterne geben, den anschließenden Bänden jedoch selbst mit einigem guten Willen nur noch drei, so dass ich mich für insgesamt vier Sterne und die Empfehlung entschieden habe, am besten nur den ersten Zyklus zu lesen. Der aber sollte für jeden Fantasy- und Elfen-Fan ein Muss sein!