Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man. Dass einige der Wunden, die dieser Film bei seinen Machern gerissen hat, immer noch nicht gänzlich verheilt sind, klingt in den Extras, die dessen Entstehung Revue passieren lassen, immer wieder durch. Das "Making of" mit dem vielsagenden Titel "The Madness and Misadventures of Munchhausen" ist ein Dokument von bemerkenswerter Aufrichtigkeit in Zeiten, in denen zu Marketingzwecken selbst für die mittelmäßigsten Kinoproduktionen überschwengliche Produktionsberichte produziert werden. Dass trotz der offenbar weiterhin bestehenden Animositäten zwischen einigen der seinerzeit Beteiligten alle Seiten in dieser Dokumentation zu Wort kommen und auch an kritischen wie selbstkritischen Bemerkungen nicht gespart wird, hebt die zweite DVD dieser 20-Jahre-Jubiläums-Edition aus der Masse der Füllmaterialien merklich heraus. Auch die von Terry Gilliam und Charles McKeown "vertonten" Storyboard-Passagen, die ihren Weg nicht in den Film schafften (insbesondere die opulente Episode des Besuchs auf dem Mond) ist ebenfalls lohnenswert, gleichfalls der ebenfalls von den beiden gesprochene Audiokommentar.
Der episodische Charakter der ABENTEUER DES BARONS MÜNCHHAUSEN ist einem bereits bekannt aus
Time Bandits oder
Monty Python And The Holy Grail. Dennoch folgt die mit phantastischen Wendungen und Zeit- wie Logiksprüngen gespickte Geschichte um die Abenteuer des Barons Münchhausen einer deutlich sichtbaren Linie. Der Film ficht einen Kampf der Gegensätze aus, zwischen einer bereits aus
Brazil bekannten und gefürchteten "aufgeklärten" Bürokratie und der barock blühenden Phantasie des Barons Münchhausen, der sich selbst zunehmend als Anachronismus begreift und für seinen Kampf gegen die Windmühlen der neumodischen Vernunft immer wieder des Antriebs durch ein kleines Mädchen bedarf, das seinerseits wohl die erwachsenste Figur des gesamten Films abgibt. (Apropros Windmühlen: die Verfilmung seines
gescheiterten Projektes "The Man Who Killed Don Quixotte" hat Gilliam neuesten Gerüchten zufolge wieder aufgenommen.)
Wie gut es MÜNCHHAUSEN dabei tut, dass seine üppigen und wundervoll in Szene gesetzten Effekte vor dem Aufstieg der Computereffekte notgedrungen allesamt "handgemacht" sind, zeigt ein Blick auf Gilliams etwas enttäuschende und in ihrer digitalen Umsetzung oftmals zu glatte Rückkehr zum Thema in
Brothers Grimm. Gilliams Interpretation der Abenteuer des Lügenbarons Münchhausen ist eine große Schau, ein gewaltiger Spaß, und man merkt ihm die Querelen, die hinter den Kulissen stattfanden, den zwischenzeitlich erzwungenen Drehstopp, die chaotischen Produktionsverhältnisse in der römischen Cinecitta und die grenzwertig aufgeriebenen Nerven der beteiligten Schauspieler an keiner Stelle an. Letztere (mit leichten Abstrichen bei dem nicht recht als wirklicher Schauspieler taugenden Eric Idle) sind allesamt hervorragend gecastet und aufgestellt, Oliver Reed als Vulkan, der als Ray D. Tutto im Cast auftauchende Robin Williams als dualistischer König des Mondes, der mit einem furchtbaren Akzent sprechende, kalt-logisch aufgeklärte Jonathan Pryce und allen voran der als Baron Münchhausen brillierende John Neville spielen wie entfesselt. Selbst die damals neunjährige Sarah Polley, die Gilliam laut seinem Audio-Kommentar "because of her teeth" für die Rolle der Sally Salt auswählte, passt ausgezeichnet in ihre Rolle. Außerdem gibt es auch noch die 17jährige Uma Thurman als Venus zu bestaunen. Der Schauwert ist beträchtlich.
Zum derzeitigen Preis kann man beim Kauf dieser DVD nichts falsch machen. Er ist ein Film für die ganze Familie, fantastisch ausgestattet, verspielt, märchenhaft, unterhaltsam.