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Und so entwirft der damals in Chicago lehrende Universitätsdozent Saul Bellow, 1915 in Kanada als Abkömmling jüdischer Einwanderer aus St. Petersburg zur Welt gekommen, die Figur des Professors für Philosophie und Geschichte, Moses Elkanah Herzog, 47, geboren in Kanada als Sohn jüdischer Einwanderer aus Osteuropa. Doch während sich Bellow »immer als Sieger gefühlt« hat, ist seine Schöpfung Herzog ein ramponierter Held, ein Mann auf dem Höhepunkt seiner Lebenskrise, gescheitert beruflich wie privat, leidend an sich und der Gesellschaft, der mehr reflektierend als agierend versucht, mit sich und seiner Umgebung wieder ins Reine zu kommen.
Wie sein Schöpfer ist auch Herzog mehrfach geschieden Bellow bringt es bis zu seinem Tod im April 2005 auf fünf Ehen und vier Kinder von vier Partnerinnen. Und wie Herzog leidet auch Bellow an der eigenen Familiengeschichte, suchte wie seine Hauptfigur Hilfe bei Therapeuten. Die Szene am Grab von Herzogs Vater soll sich genau so in Bellows Leben abgespielt haben. »Reiß dich zusammen. Verhalte dich nicht wie ein Emigrant«, fuhr einer der Brüder den weinenden Autor an. Auf solche und andere Parallelen angesprochen, zog sich Bellow stets mit leiser Ironie aus der Affäre. Fiktion sei nun mal »die höhere Form der Autobiografie«, spottete er dann oder zitierte seinen Kollegen Alberto Moravia: »Romane sind immer ein Stück des eigenen Lebens.«
Wie viel Bellow in dem überklugen Galgenhumoristen Herzog auch immer stecken mag unumstritten ist der kommerzielle Erfolg seiner Zettelmanie. Kaum in den USA auf dem Markt, stand Bellows Werk 29 Wochen auf Platz eins der Bestsellerliste und geriet so zum erfolgreichsten seiner insgesamt neunzehn Bücher. Als »literarisches Ereignis ersten Ranges« lobte ihn das Nachrichtenmagazin »Newsweek«. Die »New York Times Book Review« sah in »Herzog« ein Buch, das Amerika wieder hoffen lasse. Nicht nur literarisch, auch moralisch.
Denn Bellow setzt sich vielschichtig mit der amerikanischen Gesellschaft auseinander. Mit feiner Feder skizziert er »ein subtiles Psychogramm der amerikanischen Mittelklasse in all ihrer Ver¬unsicherung durch Bürgerrechtsbewegung, Feminismus und Studentenproteste Anfang der sechziger Jahre«, so der Tübinger Amerikanist und Bellow-Kenner Horst Tonn. Und Bellow zeigt auf, welchen seelischen Preis das Land der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten von seinen Bewohnern fordert. Aber das Einwandererkind Bellow ist längst viel zu sehr Amerikaner, um den American Dream völlig aufzugeben und sollte 1986 auf dem PEN-Kongress in New York für seine Verteidigung des amerikanischen Gesellschaftssystems von einem überaus kritischen Günter Grass schwer getadelt werden.
Dabei wird schon in »Herzog« deutlich, dass Bellow ein feines Gespür für die Bruchstellen der amerikanischen Gesellschaft hat und an diesen Schwächen seines Amerika leidet. »Das Leben eines jeden Staatsbürgers wird zum Geschäftsbetrieb«, wettert Herzog in einem Brief an den US-Präsidenten gegen den American Way of Life und verlangt eine Umbesinnung: »Das menschliche Leben ist kein Geschäft.« Und an einen Universitätskollegen schreibt er: »Denken Sie, was Amerika für die Welt bedeuten könnte« und »was für ein Geschlecht es hätte hervorbringen können« wäre doch nur der Glaube an den Wert des »Herzens« stärker. Dass Herzogs Briefpartner Nietzsche gerade den verachtet, trägt dem Über-Philosophen entsprechend kritische Zeilen ein.
So schildert Bellow am Beispiel seines tragikomischen Stadt-Neurotikers die Zivilisationskrankheiten Vereinsamung und Entfremdung, lange bevor sie Woody Allen durchs Kino ins breite Bewusstsein hebt in dessen Film »Zelig« der Schriftsteller übrigens in einer Nebenrolle sich selbst spielt, was er später als »Dummheit« abtut. Ähnlich wie bei Allen bedurfte es wohl auch bei Bellow jener eigentlich spezifisch jüdischen Migranten-Erfahrungen, um sie als typisch amerikanische Gesellschaftssymptome erkennen und aufzeigen zu können. Daher seien für Bellow jüdische Themen zwar steter Teil seines Werkes, so dessen Biograf Leslie Fiedler, seine Thematik aber nicht spezifisch jüdisch.
Bellow hat den Einfluss seiner jüdischen Wurzeln, seiner Zerrissenheit zwischen dem alten Osteuropa seiner Eltern vor der Oktoberrevolution und der Neuen Welt mit ihrer urbanen, hoch industrialisierten Gesellschaft immer betont. »Die Koffer, mit denen meine Eltern reisten«, erinnerte er sich später, »waren exotisch die Taftunterröcke, die Straußenfedern, die langen Handschuhe, die Knopfstiefel und der Rest all dieser Familienschätze gaben mir das Gefühl, aus einer anderen Welt gekommen zu sein.« Die Ausgrenzung mögen frühe Beschwerden an den Atemwegen noch verstärkt haben. Der Bellow-Biograf James Atlas jedenfalls zeichnet das Bild eines kränkelnden Kindes, das von seiner Mutter behandelt wird wie ein Hinfälliger. Bei einem längeren Krankenhausaufenthalt soll Bellow, gerade acht Jahre alt, nach der Lektüre von »Onkel Toms Hütte« beschlossen haben, ein berühmter Schriftsteller zu werden. Bis zu ihrem frühen Tod bestärkt ihn seine Mutter in dem Wunsch, auch wenn sie ihn lieber als geachteten Rabbiner oder gefeierten Konzertgeiger gesehen hätte. Schon als Schüler verfasste er erste Texte.
Wie Bellows jüdische Herkunft, so hinterlässt auch sein Lebensmittelpunkt Chicago, wohin die Familie 1924 übergesiedelt war, deutliche Spuren in seinem Werk. Obwohl er einige Zeit in New York gelebt hatte und Manhattan auch in »Herzog« ein Schauplatz ist, musste selbst die »New York Times« einräumen, dass die Konkurrenzstadt am Lake Michigan für Bellows Werk ist, was London für Charles Dickens oder Dublin für James Joyce war eine Art »eigenständiger Charakter«. Hier lehrte er auch an der Universität fast drei Jahrzehnte Soziologie.
Dennoch geht es Bellow nicht vorrangig um die so genannten gesellschaftlichen Verhältnisse. »Diesen Kram mit Kritiker der Gesellschaft«, giftete er einmal, »das lehne ich strikt ab.« Und vom politischen Geschäft sollten sich Schriftsteller erst recht fernhalten, weil sie da »nicht viel bewirken« könnten. Für ihn sei »nur der Mensch interessant, romanfähig sozusagen. Und wenn wir von der Dehumanisierung unserer Welt sprechen, dann meinen wir in Wahrheit das Verschwinden der Menschen«, beklagte er die gesellschaftliche und die für ihn damit eng verbundene literarische Entwicklung: »Der Verfall des Romans ist der Verfall des Humanums, der Persönlichkeit.« Die rückt Bellow über Herzogs Brief-Tick meisterlich ins Zentrum.
Die zumeist nicht abgeschickten Notizen an seine Frauen und Kinder, an Freunde und Feinde, an Lebende wie Tote, an Geistesgrößen wie Nietzsche und Heidegger oder Mächtige wie den amerikanischen Präsidenten erfüllen dabei gleich eine zweifache Funktion. Für den verstörten Herzog sind sie stumme Hilferufe seines verunsicherten Ichs, Mittel der Gewissenserforschung wie Selbstfindung und wichtige Schritte auf dem Weg zur seelischen Genesung. Wie kein anderes Buch dürfte »Herzog« denn auch Sinnsuchende, in der Adoleszenz wie in der Midlifecrisis, animiert haben, selbst zum Stift zu greifen, und sei es auch bloß in der Phantasie.
Dem Autor dienen die spontanen Notizen von Gedanken und Gefühlen über die Charakterzeichnung Herzogs hinaus als elegante Scharniere zwischen den Handlungssträngen. Sie erlauben ihm immer wieder kontemplative Momente und Rückblenden, um danach durch geschmeidigen Wechsel von Zeit und Ort die Geschichte voranzutreiben. Es gilt als eines der großen Verdienste Bellows, diese Art stiller Post wie kein anderer Erzähler als literarisches Stilmittel perfektioniert und popularisiert zu haben. So grenzte sich der große Stilist Bellow ganz bewusst ab von ur-amerikanischen Autoren wie William Faulkner, Ernest Hemingway oder John Steinbeck, die aus seiner Sicht mit eher hemdsärmeliger Prosa ihr Publikum begeistert hatten trotzdem (oder gerade deshalb!) eroberte »Herzog« den US-Markt und später die halbe Welt.
So subtil und scharf zugleich, wie es wohl nur ein Bellow kann, ging er mit seinen berühmten Vorgängern ins Gericht. Auf die Frage »Was ist der Mensch?«, antwortete er in seinen 1963 veröffentlichten Anmerkungen zur neueren amerikanischen Erzählprosa, »haben die Autoren der jüngeren Vergangenheit keine befriedigende Antwort gefunden«. Eleganter konnte man nicht an einem Denkmal wie Hemingway kratzen, dessen Berühmtheit Bellow nie erreichte.
Seine Antwort gibt Bellow in »Herzog« mit der Beschreibung von fünf entscheidenden, aber eher handlungsarmen Tagen im Leben Herzogs, der sich an den Vordenkern aus Europa abarbeitet (»Hegel setzte ihm heftig zu.«). Dabei serviert der Autor schwere Gedanken-Kost so leicht, lässt den Leser so unterhaltsam teilhaben an den getrübten Freuden und den erheiternden Trübnissen seines Hamlets aus dem Zettel-Reich, dass er auch jene nicht verschreckt, die Spinoza für ein Pasta-Gericht halten. »Auf einen Intellektuellen«, mokierte sich Bellow gerne über die so genannte Bildungsgesellschaft, »kommen tausend Wichtigtuer« Thomas Mann inklusive. Dessen »intellektuelles Gehabe, dieses Sich-Wichtig-Machen« lehnte er ab. Den »Zauberberg« etwa sah er gar in Manns Ansprüchlichkeit »ertränkt«.
Aber Bellow musste auch einstecken, etwa von Norman Mailer, der ihm den »Verstand eines eher dummen College-Lehrers« bescheinigte, »der zu viele Bücher gelesen und keines davon verstanden hat«. Da mag dem literarischen Konkurrenten der blanke Neid die Zunge gelöst haben, nachdem Bellow zum zweiten Mal den renommierten National Book Award erhalten hatte diesmal für »Herzog«.
In hochmütiger Bescheidenheit betonte Bellow, er beschäftige sich doch nur mit dem »porösen Material, das die Lücke zwischen dem Zufall unserer Geburt und der Krankheit des Sterbens« füllt in anderen Worten: mit den ebenso schlichten wie letztlich unbeantwortbaren Sinnfragen nach dem Woher, Wohin, Wozu. Saul Bellow »glaubt an die Seele« erklärte sein amerikanischer Kollege John Updike dessen Erfolgsgeheimnis. Deshalb, befand der Schriftsteller Martin Amis, müsse er eigentlich »Soul« Bellow heißen.
»Das menschliche Verständnis und die subtile Kulturanalyse, die sich in seinem Werk vereinen« beeindruckten auch die Schwedische Akademie. 1976 verlieh sie Bellow, der zuvor schon den Pulitzerpreis und zum dritten Mal den National Book Award erhalten hatte, den Literaturnobelpreis. Die zentralen Sätze seiner Dankesrede könnten auch vom späten, genesenen Herzog stammen. Eindringlich plädiert Bellow für den Respekt vor dem »Einfachen und Wahren«. Dabei sei es die vornehmste Aufgabe des Schriftstellers, an »unser Mitleid und unseren Schmerz, an das latente Gefühl der Verbundenheit mit allen Geschöpfen« zu appellieren. Und er fordert mit den Worten Joseph Conrads »eine Solidarität, welche die Einsamkeit unzähliger Herzen verknüpft«. Eben dies zu leisten galt Bellow als die höchste Aufgabe der Literatur. Von »heiligen Seelenzuständen« soll er geschwärmt haben, die Romane in ihren besten Momenten auslösen könnten.
Und so überrascht es nicht, dass Bellow auch den Erinnerungsfetischisten Moses Herzog schließlich aus seiner Einsamkeit zurückholt ins Hier und Jetzt. Er lässt ihn nicht glücklich werden, das wäre Bellow zu billig. Aber Herzog hat auch nicht »den Verstand verloren«, wie er es in seinem allerersten Satz befürchtet hatte. Er hat vielmehr seine Seele gefunden, kann sich einlassen aufs Ich und damit auch auf andere zum Beispiel auf Ramona, die scheinbar erste nicht neurotische Frau in seinem Leben. Er ist »durchaus zufrieden, zu sein, zu sein, wie es gewollt ist, und für so lange, wie ich Wohnrecht habe«. Es hat sich ausgezettelt. Vorerst.
Nachwort von Dieter Bednarz zu Herzog. SPIEGEL-Edition Band 13 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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