Der Film hat mir 110 hochinteressante und anregende Minuten beschert. Das Thema Rudolf Steiner und seine Wirkung ist von R. Sünner filmisch m. E. hervorragend umgesetzt worden. Die Kontroverse um den Rassismusvorwurf in Steiners Werk wird aufgenommen, die sachliche Zwiespältigkeit in Steiners Denken an dieser Stelle nicht unterschlagen. Es werden filmische Mittel dergestalt hochgradig effizient und ästhetisch wirkungsvoll eingesetzt, dass, nach einigen biographischen Stationen auf Steines Weg selbst, im weiteren Verlauf objektive Leistungen in der Wirkung von Steiners Anthroposophie auf den Feldern Landwirtschaft, Medizin und Bildung, auch mithilfe engagierter und inspirierender Interviewpartner, sichtbar werden. Die Auseinandersetzung um Steiner und seine Wirkungen werden u. a. durch die Darstellung von Widersprüchen in vielfältiger Weise auf ein neues, die notwendige Debatte weiterführendes Niveau gehoben.
Kurz möchte ich noch auf die erste Rezension in dieser Rubrik eingehen.
Der Film ist m. E. mit den dort verwendeten, abwertenden Worten nicht angemessen charakterisiert. Das Wort "Gleichmachermaschine" bezieht sich vielleicht auf Erfahrungen des Rezensenten. Es ist für mich so, nach zweimaliger Sicht des Filmes, nicht nachvollziehbar. Für viele könnte der Film ein motivierender Anlass sein, sich überhaupt der Frage "Wer war Rudolf Steiner?" zu nähern. Jemandem einen "Froschhorizont" zu unterstellen, - wozu soll das weiterhelfen? In dem m. E. sehr gelungenen Film werden einerseits komplexe, schwierige Fragen bearbeitet. Aber das geschieht so freilassend und wird durch eine "hollywoodübersteigende" Ästhetik so überzeugend und bewegend in Szene gesetzt, dass jemand, der Interesse für das Thema hat, einen Zugang finden kann.
Niemals langweilig, bietet der Film viele Gesprächsangebote. Seine "Kinokraft" finde ich einfach sehr stark!