"Abendland" ist die Lebensgeschichte und auch Lebensbeichte des Mathematikers, Wissenschaftlers, Universitätsprofessors, Weltenbummlers, Dandys und Jazz-Liebhabers Carl Jacob Candoris, der 1906 geboren und 2001 gestorben ist. Eng verwoben mit dieser Biographie ist jene des Ich-Erzählers, Sebastian Lukasser. Candoris ist aber nicht nur ein überdurchschnittlicher Wissenschaftler, sondern auch begeisterter Jazz-Kenner. Als solcher lernt er Sebastians Vater, Georg Lukasser, in einem Wiener Jazz-Club kennen. Georg Lukasser ist ein hochbegabter Gittarist und findet in Carl Jacob Candoris seinen Förderer und Mäzen, nicht nur im Musischen, sondern auch im Privaten. Candoris verkuppelt Agnes, eine Servierkraft des Hotel Imperial, mit Georg und wird zum Patenonkel für deren gemeinsames Kind, besagten Sebastian Lukasser.
Im Zuge von mehreren Interviews, die Sebastian Lukasser mit Candoris in seiner Villa in Lans, nahe Innsbruck, kurz vor seinem Ableben führt, hält Sebastian in Stichworten und auf Tonbändern das bewegte und ereignisreiche Leben von Candoris fest. Der Roman ist die Bearbeitung der Lebensgeschichte durch den Schriftsteller Sebastian Lukasser. Der Leser erfährt über Candoris' Leben hauptsächlich aus der gefilterten Perspektive des Sebastian Lukasser. Über Sebastian Lukasser erfährt der Leser auf diese Weise ebenso viel wie über den Carl Jacob Candoris. Sebastian ist Schriftsteller, gerade an der Prostata operiert worden und zur Rekonvaleszenz auf Besuch bei Candoris. Im Sinne der Doppelbiographien, mit denen der Schriftsteller Sebastian Lukasser berühmt geworden ist, entsteht in "Abendland" selbst eine solche Doppelbiographie. Immer wieder pendelt der Leser zwischen den Familiengeschichten von Candoris' und jener der Lukassers. Er erfährt über Candoris' portugisische Frau Margarida, über deren Alltag zunächst in Wien, später in Innsbruck, aber auch über das Alltagsleben der Lukassers im Allgemeinen und über das Leben von Sebastian in Wien, Nofels (Vbg.), Frankfurt, New York, North Dakota im Besonderen.
Candoris Leben füllt dabei das gesamte 20. Jahrhundert aus. Das Spannende an dem Roman ist auch, dass Alltäglichkeiten, Alltagssorgen und Biographisches eng mit geschichtlichen Ereignissen verwoben sind. Sie sind dabei aber nicht dominant oder übermächtig, bilden aber die Folie, auf der sich das Geschehen abspielt. Dabei beschränkt sich der Roman nicht nur auf Europa (ein Europa vor dem Ersten Weltkrieg, ein Europa der Zwischenkriegszeit, ein Europa der Nachkriegszeit, ein Europa des Jahres 1968 oder ein Europa bzw. Deutschland der RAF), sondern greift aus auf Nordamerika (insbesondere New York), auf die Sowjetunion der Ära Stalin, auf Japan am Ende des Zweiten Weltkriegs und auf Afrika am Beginn des 20 Jahrhunderts, als der Kolonialismus noch in vollster Blüte stand, aus.
Der Bogen wird weit gespannt und wird durch die Figur des Carl Jacob Candoris zusammengehalten, er ist die Klammer des gesamten Romans. Anders als bei Sebastian Lukassers Doppelbiographien reicht bei Candoris aber eine Gegenfigur nicht aus, um ein Gleichgewicht, eine Balance zu schaffen, er benötigt eine ganze Familie (neben Georg Lukasser und Sebastian Lukasser auch noch Sebastians Sohn David). Für alle drei ist er eine Art Patenonkel bzw. Schutzengel, der in brenzligen Situationen, bei Ausweglosigkeiten und Unbill aller Art gerufen wird. Er ist der Angelpunkt, auf den sich alles im Roman bezieht, der den Roman in seinem Innersten zusammenhält.
"Abendland" ist in jederlei Hinsicht ein Panoptikum, der Roman ist ein historisches Panoptikum genauso wie er ein biographisches Panoptikum ist. Der Roman ist aber auch ein Puzzle mit unendlich vielen Teilen. Auch wenn wir Leser noch so viele Details und Begebenheiten aus dem Leben von Candoris' und aus dem Leben des Sebastian Lukasser wüssten, den ganzen Menschen könnten wir dennoch nie erfassen. Das ist vermutlich auch die Crux eines jeden Biographen. Dass es Michael Köhlmeier aber dennoch gelungen ist, einen sehr verdichteten und fesselnden Roman zu konzipieren, der sich dabei weder an eine äußere Chronologie noch an eine innere Logik hält (so wie es uns selbst beim Erinnern ja auch geht), ist das Bemerkenswerte an diesem auch sprachlich äußerst gelungenen Werk.