Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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28 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Jahrhundertpanorma oder Bildungsschmöker - das ist hier die Frage, 19. Oktober 2009
Manche Titel sind wie Heiratsanzeigen, sie kommen imposant und aufregend daher - nur was steckt dahinter? Das mag mancher fragen, der das fast achthundert Seiten starke Werk mit dem ambitionierten Titel "Abendland" in die Hand nimmt. Donnerwetter, denkt man, das hat Gewicht. Das muss was dran sein.
Nur - was steht drin?
Das Buch beschreibt das Leben des Mathematikprofessors und Jazzliebhabers Carl Jakob Candoris, der 1906 in der Spätphase der k.u.k. Monarchie in gehobenen Verhältnissen geboren wurde und der über 95jährig pünktlich zum Anbruch des neuen Jahrtausends stirbt. Entfaltet wird dieses Lebensportrait als eine Art Autobiographie von Leben und Jahrhundert, die der alte Candoris seinem Patensohn Sebastian Lukasser in die Aufnahmegeräte diktiert. Soweit der formale Plot, wie er sich den meisten Rezensenten (auch in unseren maßgeblichen Feuilletons) auf den ersten Blick erschloss. Auf den zweiten Blick aber zeigt sich, dass es sich bei dem vorliegenden Buch keineswegs nur ein EIN Jahrhundertpanorama sondern gleich um ZWEI handelt. Denn so wie der alte Carl Jakob Candoris seinem Patensohn Sebastian Lukasser sein Leben erzählt, so berichtet auch Sebastian Lukasser seinem leiblichen Sohn David von seinem eigenen Leben, so dass der Leser das Jahrhundert gleichsam verdoppelt erlebt: es gibt zwei Kindheiten, zwei Väterdramen, zwei Weltkriege, zwei Liebesgeschichten, zwei Totalitarismen, (mindestens ) zwei Deutschlands und vieles andere mehr. Das Jahrhundert wird also nicht nur linear-literarisch aufbereitet sondern mit zwei unterschiedlichen Biographien so zum Reden gebracht, dass bald klar wird, dass die verschiedenen Jahrzehnte des Zwanzigsten Jahrhunderts unterschiedlichen Mutterböden gleichen, auf denen die Blumen Kindheit, Liebe, Sehnsucht und Erwartung immer ganz anders blühten.
Diese raffiniert eingefädelte formale Struktur ist in meinen Augen die Stärke des Buches. Konsequent durchgeführt, könnte das Buch mit dieser doppelten Perspektive das Jahrhundert auf eine ganz neuartige Weise literarisch zum Leben erwecken.
Nur - ist das auch gelungen?
Ich meine: leider nur eingeschränkt. Denn so brillant der formale Plot daherkommt, er wird durch die Stoffmassen, mit denen das Buch aufwartet, geradezu erschlagen. Es ist fast leichter aufzuzählen, welche Aspekte des 20. Jahrhunderts nicht in dem Buch erwähnt werden, als die Vielfalt der Schauplätze und Themen zu nennen, die das Buch zur Sprache bringt. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass der Roman einer Art Zentrifuge gleicht, in der ein Großteil der Themen und Obsessionen des "Abendlandes" so durchgeschleudert werden, dass der Leser am Ende ganz ramdösig ist und nichts weiter als die Einsicht mitnimmt, dass im "Abendland" alles mit allem irgendwie zusammenhängt. Die Geschichte des Jazz, die Erscheinungsformen des Kommunismus, die Nürnberger Prozesse, die Mathematik und ihre Rätsel, das Leben der Edith Stein, der RAF-Terror, die Planung der Atombombe, die Holocaustreligion, Deutsch-Südwestafrika, Moskau in den Zwanziger Jahren, die Reichspogromnacht, Wien vor dem ersten Weltkrieg, das Leben eines auswanderten Deutschen mit einer schwarzen Frau (Lukasser) respektive einer Portugiesin (Candoris) flattern vorüber wie Zugvögel in der Ferne - selbst zur schwarzblauen Schüssel-Hader Koalition in Österreich wird pflichtgemäß und politisch oberkorrekt ein wenig Abscheu abgesondert. Manche Passagen sind dabei thematisch derart weit von anderen Erzählsträngen entfernt, dass den Leser das Gefühl beschleicht, hier würden gleich mehre Buchentwürfe in einem Endlosroman verwurstet.
Dagegen wäre je nichts einzuwenden, wenn nur irgendwann im Verlauf der Lektüre eine Struktur sichtbar würde, die die zerfasernde Geschichtensammlung zu einer literarischen Einheit bündeln würde. Ich konnte einfach nicht glauben, dass der Autor die Traute hätte, seine Leser in seinem Megaroman an allen möglichen Themen auf eine sprachlich elegante und unterhaltsame, aber letztlich oberflächliche Art schnüffeln zu lassen ohne ihnen am Ende eine Art literarischer Einsicht oder Summe anzubieten.
Und so las ich und las und las und las - bis mir klar wurde: es gibt keine andere Struktur als die zeitliche Erstreckung der Candorschen Biographie, die zufällig mit der des zwanzigsten Jahrhunderts identisch ist. Das ist alles - und gemessen an der unverhüllten Ambition des Romans, der immerhin auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, zu wenig. Gestartet als eine Art literarischer Gigantenwurf verwandelt sich das Buch mit dem Fortgang immer mehr zu einem hochgebildeten Schmöker, an dessen Ende die Erkenntnis steht, dass das Abendland im 20. Jahrhundert auf keinen bündigen Nenner zu bringen ist. Das habe ich aber auch schon vorher gewusst.
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65 von 74 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Der lange Schatten des Schutzengels, 6. Oktober 2007
"Abendland" ist die Lebensgeschichte und auch Lebensbeichte des Mathematikers, Wissenschaftlers, Universitätsprofessors, Weltenbummlers, Dandys und Jazz-Liebhabers Carl Jacob Candoris, der 1906 geboren und 2001 gestorben ist. Eng verwoben mit dieser Biographie ist jene des Ich-Erzählers, Sebastian Lukasser. Candoris ist aber nicht nur ein überdurchschnittlicher Wissenschaftler, sondern auch begeisterter Jazz-Kenner. Als solcher lernt er Sebastians Vater, Georg Lukasser, in einem Wiener Jazz-Club kennen. Georg Lukasser ist ein hochbegabter Gittarist und findet in Carl Jacob Candoris seinen Förderer und Mäzen, nicht nur im Musischen, sondern auch im Privaten. Candoris verkuppelt Agnes, eine Servierkraft des Hotel Imperial, mit Georg und wird zum Patenonkel für deren gemeinsames Kind, besagten Sebastian Lukasser.
Im Zuge von mehreren Interviews, die Sebastian Lukasser mit Candoris in seiner Villa in Lans, nahe Innsbruck, kurz vor seinem Ableben führt, hält Sebastian in Stichworten und auf Tonbändern das bewegte und ereignisreiche Leben von Candoris fest. Der Roman ist die Bearbeitung der Lebensgeschichte durch den Schriftsteller Sebastian Lukasser. Der Leser erfährt über Candoris' Leben hauptsächlich aus der gefilterten Perspektive des Sebastian Lukasser. Über Sebastian Lukasser erfährt der Leser auf diese Weise ebenso viel wie über den Carl Jacob Candoris. Sebastian ist Schriftsteller, gerade an der Prostata operiert worden und zur Rekonvaleszenz auf Besuch bei Candoris. Im Sinne der Doppelbiographien, mit denen der Schriftsteller Sebastian Lukasser berühmt geworden ist, entsteht in "Abendland" selbst eine solche Doppelbiographie. Immer wieder pendelt der Leser zwischen den Familiengeschichten von Candoris' und jener der Lukassers. Er erfährt über Candoris' portugisische Frau Margarida, über deren Alltag zunächst in Wien, später in Innsbruck, aber auch über das Alltagsleben der Lukassers im Allgemeinen und über das Leben von Sebastian in Wien, Nofels (Vbg.), Frankfurt, New York, North Dakota im Besonderen.
Candoris Leben füllt dabei das gesamte 20. Jahrhundert aus. Das Spannende an dem Roman ist auch, dass Alltäglichkeiten, Alltagssorgen und Biographisches eng mit geschichtlichen Ereignissen verwoben sind. Sie sind dabei aber nicht dominant oder übermächtig, bilden aber die Folie, auf der sich das Geschehen abspielt. Dabei beschränkt sich der Roman nicht nur auf Europa (ein Europa vor dem Ersten Weltkrieg, ein Europa der Zwischenkriegszeit, ein Europa der Nachkriegszeit, ein Europa des Jahres 1968 oder ein Europa bzw. Deutschland der RAF), sondern greift aus auf Nordamerika (insbesondere New York), auf die Sowjetunion der Ära Stalin, auf Japan am Ende des Zweiten Weltkriegs und auf Afrika am Beginn des 20 Jahrhunderts, als der Kolonialismus noch in vollster Blüte stand, aus.
Der Bogen wird weit gespannt und wird durch die Figur des Carl Jacob Candoris zusammengehalten, er ist die Klammer des gesamten Romans. Anders als bei Sebastian Lukassers Doppelbiographien reicht bei Candoris aber eine Gegenfigur nicht aus, um ein Gleichgewicht, eine Balance zu schaffen, er benötigt eine ganze Familie (neben Georg Lukasser und Sebastian Lukasser auch noch Sebastians Sohn David). Für alle drei ist er eine Art Patenonkel bzw. Schutzengel, der in brenzligen Situationen, bei Ausweglosigkeiten und Unbill aller Art gerufen wird. Er ist der Angelpunkt, auf den sich alles im Roman bezieht, der den Roman in seinem Innersten zusammenhält.
"Abendland" ist in jederlei Hinsicht ein Panoptikum, der Roman ist ein historisches Panoptikum genauso wie er ein biographisches Panoptikum ist. Der Roman ist aber auch ein Puzzle mit unendlich vielen Teilen. Auch wenn wir Leser noch so viele Details und Begebenheiten aus dem Leben von Candoris' und aus dem Leben des Sebastian Lukasser wüssten, den ganzen Menschen könnten wir dennoch nie erfassen. Das ist vermutlich auch die Crux eines jeden Biographen. Dass es Michael Köhlmeier aber dennoch gelungen ist, einen sehr verdichteten und fesselnden Roman zu konzipieren, der sich dabei weder an eine äußere Chronologie noch an eine innere Logik hält (so wie es uns selbst beim Erinnern ja auch geht), ist das Bemerkenswerte an diesem auch sprachlich äußerst gelungenen Werk.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Im großen Bogen, 8. Dezember 2008
Weit ist die Geschichte gespannt, die Michael Köhlmeier in seinem Roman erzählt. Auch wenn man sich zwischendurch wünscht, er hätte den einen oder anderen Schlenker ausgelassen, um nicht jedes Feld seit der K.u.K-Monarchie zu besetzen und mit seiner Familiengeschichte zu verknüpfen, ist ihm doch ein unterhaltsamer Roman gelungen, der mit glänzenden Passagen aufwartet. Nicht zuletzt wenn ein Nachbarn den Hund des Helden tötet, obwohl er nur auf ihn aufpassen soll, der Besitzer ausrastet, sich rächen will und seinerseits in einen Gewehrlauf stiert, um als Nazi beschimpft zu werden und erniedrigt davonzuschleichen. Köhlmeiers ausgeprägter Hang zur Beschreibung einer glänzenden, von Selbstzweifeln geprägten Musikerexistenz, die detailliert Abgründe wie Triumphe eines solchen Lebens nachzeichnet, fasziniert in ihrer gnadenlosen Spiegelung. Der Begnadete Vater des Helden ist ein Genie und doch zerbricht sein Leben und das seiner Familie fast mit. So tauchen in dem Roman Figuren auf, die allesamt irrlichtern, sich begegnen, kreuzen, verlieren. Mit dem Etikett Künstlerroman ist der Geschichte schwer beizukommen. Eher hastet hier ein Sohn der Vergangenheit hinterher und versucht den Menschen gerecht zu werden, denen er darin begegnet, indem er sie aus der Zeit, den Träumen, dem Scheitern zu verstehen versucht. Nicht zuletzt, um zumindest dem Vater zu verzeihen. Bemerkenswert wie Köhlmeier dabei Fiktion und Fakten verbindet und eine Familie vor uns entsteht. Vom Sterbebett aus - und was sind Erinnerung anders als in ein Sterbebett eingebunden - lässt sich vermutlich leichter, versöhnlicher erzählen.
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