Christian Gailly hat einen wunderbaren zartfühlenden Roman geschrieben. Ein alternder Mann erhält seine letzte Chance, nach seinem Lebensglück zu greifen.
Jazz ist sein Leben. Simon Nardis ist ein begnadeter Jazzpianist, doch der Jazz hatte ihn fast umgebracht. Er ist vollgedröhnt mit Alkohol und Drogen, als Suzanne, seine Ehefrau, ihn aus den Sumpf zieht und ihn, nachdem er genesen war, ins bürgerliche Leben einführt. Er hört nur noch Klassik, verabschiedet sich vom Jazz und rührt kein Klavier mehr an. Das war ein Verrat, lesen wir schon zu Beginn des Romans. Er führt ein "vorgetäuschtes Leben", das ihn traurig macht. Zehn Jahre Ehe mit Suzanne und dann verbringt er "einen Abend im Club": Das Jazztrio macht eine Pause, das Klavier allein auf der Bühne. "Der Wodka zirkulierte in seinem Gehirn. Der Wodka setzte sein Gehirn in Gang...auch sein Herz schlug anders". Schließlich setzt er sich ans Klavier, fängt an zu spielen, Debbie, die Besitzerin des Klubs, fängt an zu singen, und sie verlieben sich. Beide sind vom Jazz infiziert.
Der Roman erzählt von großem Glück, "dass einem der Atem stockt und man Tränen lacht." Schöner auszudrücken als Christian Gailly es hier zelebriert - unvorstellbar. Erzählt wird das Glück der Liebenden mit einer engelsleichten Unbeschwertheit, obwohl immer wieder Züge in Richtung Paris fahren, wo Suzanne auf ihren Ehemann wartet. Nardis verpasst alle Züge. Er schafft zuerst unbewusst Hindernisse, die Züge zu verpassen, schließlich wird ihm sein Wunsch bewusst. Er will nicht nach Paris zurück, sein Glück will er nicht aufgeben. Man merkt, Gailly war Psychoanalytiker.
Jazz und Blues, Glück und Schmerz, athmosphärisch erzählt...engelsleicht