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Abby Lynn - Verraten und verfolgt
 
 
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Abby Lynn - Verraten und verfolgt [Taschenbuch]

Rainer M. Schröder
4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (16 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

Der Autor zeigt einmal mehr, wie fundiert er geschichtliche Hintergründe recherchiert. (Bücherbär )

Kurzbeschreibung

Australien, 1808: Abbys und Andrews Glück ist perfekt, als Abby ein Kind erwartet. Da überfallen Militärs ihre Farm auf der Suche nach Andrews Bruder Melvin. Während Andrew nach Melvin forscht, hält Abby sich versteckt. Doch sie wird verraten und in den Kerker von Sydney verschleppt. Die Militärs wollen Abby als Lockvogel benutzen, um Andrew und Melvin eine Falle zu stellen.


Klappentext

Der Autor zeigt einmal mehr, wie fundiert er geschichtliche Hintergründe recherchiert.
Bücherbär

Über den Autor

Rainer M. Schröder, 1951 in Rostock geboren, ist einer der profiliertesten deutschsprachigen Jugendbuchautoren. Mit seinen bis ins kleinste Detail exakt recherchierten und spannend erzählten historischen Jugendromanen begeistert er seit mehr als zehn Jahren seine Leserschaft. Nachdem er viele Jahre ein wahres Nomadenleben mit zahlreichen Abenteuerreisen in alle Erdteile führte, lebt er heute mit seiner Frau in den USA.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.


Rückkehr zum Hawkesbury River
November 1808
Erstes Kapitel

Die Kent erzitterte unter den Schlägen der stürmischen See, die sich kurz nach Einbruch der Nacht zu einem Orkan erhoben hatte und nun mit aller Gewalt über das Sträflingsschiff herfiel. Das Spantenwerk des einstigen Ostindienfahrers ächzte gequält, während sich der Sturmwind wie ein Chor höhnischer Geister in die Takelage krallte und das zerstörerische Werk der See mit seinem infernalisch heulenden Gesang begleitete.
Abby lag wie gelähmt in ihrer harten Bretterkoje. Mit jedem Brecher, der die Kent wie die Faust eines tobsüchtigen Riesen traf, wuchs ihre Angst. Die nasskalte Finsternis unter Deck lastete wie eine Schieferplatte auf ihrer Brust und schien mit jedem Moment schwerer zu werden. Sie bekam kaum noch Luft.
Ein vielstimmiges Klagen erfüllte die salzige Dunkelheit des Zwischendecks, in das man die nach Australien verbannten Sträflinge gepfercht hatte. In das Wimmern, Weinen und Beten mischten sich lästerliche Flüche, wildes Kreischen, gellende Schreie sowie hysterisches Gelächter. Und auf dieses entsetzliche Stimmengewirr der unter Deck eingeschlossenen, verzweifelten und vor Angst fast wahnsinnigen Sträflinge antwortete der Orkan mit seinem höhnischen Sturmgeheule.
Ein plötzliches ohrenbetäubendes Bersten, das einige Sekunden lang sogar das Toben des Orkans übertönte, begleitete das Brechen und Umstürzen des Großmastes. Er fiel nach Backbord ins Meer, wurde jedoch von dem Teil der Wanten und des Riggs, der nicht gerissen war, daran gehindert, die Kent freizugeben. Augenblicklich bekam das Schiff Schlagseite und legte sich nach Backbord in die See.
»Jetzt ist das Schiff verloren!«, schrie eine Stimme, die sich vor Todesangst überschlug. »Und wir mit ihm! Der Herr erbarme sich unserer Seelen!«
Abby kämpfte mit der Versuchung, vor der Angst zu kapitulieren und sich damit aufzugeben. Ihr Lebenswille behielt die Oberhand und es gelang ihr, den Bann der Lähmung zu sprengen. Sie musste irgendwie zu Andrew an Deck gelangen! Andrew – er hatte zusammen mit Baralong, dem eingeborenen Spurenleser, die als unbezwingbar geltende Kette der Blue Mountains überquert und sie, seine Abby, jenseits der Berge gefunden. Er würde auch jetzt wissen, was zu tun war, um sie aus dieser Todesgefahr zu retten!
Sie kroch aus ihrer Koje und tastete nach einem der Stützbalken, als ein Fausthieb sie vor die Brust traf. Dieser wuchtige Schlag aus der Dunkelheit warf sie zurück auf ihre Pritsche.
»Jetzt rechnen wir ab, Herzchen!«
Cleo!
Noch bevor Abby sich von dem brutalen Hieb ihrer Todfeindin erholen oder auch nur den Schreck verdauen konnte, warf Cleo sich schon auf sie und drückte sie mit ihrem massigen Körper nieder.
»Bist du verrückt geworden?«, stieß Abby mit mühsam unterdrückter Angst hervor, wusste sie doch, zu welchen Verbrechen diese durch und durch verdorbene Frau fähig war. »Wir müssen sehen, dass wir nach oben an Deck kommen, wenn wir nicht ersaufen wollen!«
»Ersaufen werden wir alle, Herzchen, aber du wirst dabei nicht Salzwasser, sondern dein eigenes Blut schmecken!«, drohte ihr Cleo hasserfüllt. »Ich habe lange genug auf diesen Moment gewartet und diese Scherbe auch all die Monate immer schön scharf gehalten.«
Im nächsten Augenblick spürte Abby die messerscharf geschliffene und zugespitzte Glasscherbe an ihrer Kehle. Sie roch den fauligen Atem, der Cleos Mund mit den verrotteten Zähnen entströmte. Und sie meinte sogar, trotz der Dunkelheit, die hässliche Hautflechte sehen zu können, die Cleos linke Gesichtshälfte entstellte. »Tu es nicht, um Megans willen!«, entfuhr es ihr.
Cleo lachte bösartig. »Megan wird dich diesmal nicht vor mir retten können, du Dreckstück! Und deine andere Busenfreundin, diese ausgezehrte Rachel, wird dir auch nicht zu Hilfe kommen. Es gibt jetzt bloß noch dich und mich. Oder hast du vergessen, dass die beiden sich in der Factory bei dem elenden Heiratsmarkt dem nächstbesten Hurensohn an den Hals gehängt haben?«
»Das stimmt nicht!«, begehrte Abby auf. »Rachel hat mit dem Fassbinder John Simon einen aufrechten Mann gefunden, der nur deshalb nach Australien verbannt worden ist, weil er aus Hunger im Fluss seiner Lordschaft gewildert hat. Für vier Forellen hat man ihn zum Sträfling gemacht und nach Australien verbannt. Und Megan hat mit dem Iren Tim O’Flathery einen nicht weniger rechtschaffenen Mann gefunden, dessen einziges Verbrechen es gewesen ist, Ire zu sein, und der daher sofort in den Verdacht geriet, mit den Aufständischen gemeinsame Sache gemacht zu haben!«
»Und wenn schon! Keiner von ihnen wird dir jetzt beistehen, Herzchen!«
»Andrew wird mich finden!«, widersprach Abby mit erstickter Stimme, während der Druck auf ihre Kehle immer stärker wurde. »Andrew wird mich immer rechtzeitig finden!«
Cleo lachte verächtlich. »Bilde dir bloß nichts darauf ein, dass du es geschafft hast, den Sohn eines freien Siedlers um deinen Finger zu wickeln und ihn dazu zu bringen, ein Flittchen wie dich zu heiraten.«
Abby rang verzweifelt nach Atem. Sie versuchte sich aufzubäumen. »Ich habe mir nie etwas zu Schulden kommen lassen. Man hat mich für den Taschendiebstahl eines anderen verurteilt! Ich bin unschuldig … und ich liebe Andrew!«
»Pah!« Cleo spuckte ihr ins Gesicht. »Ich hab jetzt genug von deinem einfältigen Geschwätz. Also dann, fahr zur Hölle, Abby Lynn!«
Im selben Augenblick splitterten hinter ihnen die Planken der Bordwand, zerfressen von Holzwürmern und zermürbt von unzähligen Sturzbrechern und Kreuzseen. Die eisigen Fluten schossen durch immer breiter werdende Lecks in das Sträflingsdeck. Das Wasser flutete unter tosendem Rauschen in die Dunkelheit und spritzte in alle Richtungen. Ein Schwall strömte Abby über das Gesicht.
In Todesangst und unter Aufbietung all ihrer Kräfte warf sie Cleo von sich, schlug wild um sich und schrie voller Verzweiflung: »Andrew! … Andrew!«

Zweites Kapitel

Ganz ruhig, ich bin ja hier, mein Liebling!« Kräftige Arme hoben sie auf, umschlossen sie behutsam und dann berührte eine Hand zärtlich ihr Gesicht.
Abby schlug die Augen auf. Verstört und noch ganz unter dem Bann des Albtraumes, blickte sie in das Gesicht ihres Mannes Andrew Chandler, der sie in seine Arme genommen hatte. Das Entsetzen gab sie frei und erlöst atmete sie auf.
»Gott sei Dank, du bist da!«, flüsterte sie mit zitternder Stimme. »Ich wusste, dass du kommen würdest.«
Andrew strich ihr das nasse Haar aus der Stirn. »Das muss ja ein böser Albtraum gewesen sein, so wie du geschrien und um dich geschlagen hast«, sagte er voller Mitgefühl. »Hast du wieder vom Überfall geträumt?«
Abby schüttelte schwach den Kopf. »Nein, ich habe nach langer Zeit wieder einmal von der schrecklichen Überfahrt auf der Kent geträumt … und von Cleo, die sich an mir rächen wollte.«
Erstaunen zeigte sich auf seinem Gesicht, hatte er doch geglaubt, dass diese schrecklichen Erinnerungen sie nicht länger verfolgten. Immerhin lag die Passage von England in die noch junge und überwiegend von Sträflingen besiedelte Kolonie New South Wales in Australien mittlerweile gute vier Jahre zurück. Aber seelische Wunden brauchten nun mal unvergleichlich viel mehr Zeit als physische, um vollständig zu heilen. Und wenn er bedachte, was Abby durchgemacht hatte, musste er sich eigentlich schämen, geglaubt zu haben, sie wäre schon darüber hinweg. Er selbst hatte die monatelange Seereise um die halbe Welt zusammen mit seinem Vater und seinen Geschwistern Melvin und Sarah als freie Siedler achtern in einer recht bequemen Kabine zurückgelegt und die Überfahrt dennoch als eine gehörige Strapaze empfunden. Was Abby dagegen im überfüllten Zwischendeck der Sträflinge in dieser Zeit hatte erdulden müssen, konnte er bloß vage erahnen, doch wohl niemals wirklich nachempfinden.
»Ich habe geträumt, die Kent würde in einem Sturm...

Auszug aus Abby Lynn - Verraten und verfolgt von Rainer M. Schröder, Ashley Carrington. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Rückkehr zum Hawkesbury River
November 1808
Erstes Kapitel

Die Kent erzitterte unter den Schlägen der stürmischen See, die sich kurz nach Einbruch der Nacht zu einem Orkan erhoben hatte und nun mit aller Gewalt über das Sträflingsschiff herfiel. Das Spantenwerk des einstigen Ostindienfahrers ächzte gequält, während sich der Sturmwind wie ein Chor höhnischer Geister in die Takelage krallte und das zerstörerische Werk der See mit seinem infernalisch heulenden Gesang begleitete.
Abby lag wie gelähmt in ihrer harten Bretterkoje. Mit jedem Brecher, der die Kent wie die Faust eines tobsüchtigen Riesen traf, wuchs ihre Angst. Die nasskalte Finsternis unter Deck lastete wie eine Schieferplatte auf ihrer Brust und schien mit jedem Moment schwerer zu werden. Sie bekam kaum noch Luft.
Ein vielstimmiges Klagen erfüllte die salzige Dunkelheit des Zwischendecks, in das man die nach Australien verbannten Sträflinge gepfercht hatte. In das Wimmern, Weinen und Beten mischten sich lästerliche Flüche, wildes Kreischen, gellende Schreie sowie hysterisches Gelächter. Und auf dieses entsetzliche Stimmengewirr der unter Deck eingeschlossenen, verzweifelten und vor Angst fast wahnsinnigen Sträflinge antwortete der Orkan mit seinem höhnischen Sturmgeheule.
Ein plötzliches ohrenbetäubendes Bersten, das einige Sekunden lang sogar das Toben des Orkans übertönte, begleitete das Brechen und Umstürzen des Großmastes. Er fiel nach Backbord ins Meer, wurde jedoch von dem Teil der Wanten und des Riggs, der nicht gerissen war, daran gehindert, die Kent freizugeben. Augenblicklich bekam das Schiff Schlagseite und legte sich nach Backbord in die See.
»Jetzt ist das Schiff verloren!«, schrie eine Stimme, die sich vor Todesangst überschlug. »Und wir mit ihm! Der Herr erbarme sich unserer Seelen!«
Abby kämpfte mit der Versuchung, vor der Angst zu kapitulieren und sich damit aufzugeben. Ihr Lebenswille behielt die Oberhand und es gelang ihr, den Bann der Lähmung zu sprengen. Sie musste irgendwie zu Andrew an Deck gelangen! Andrew – er hatte zusammen mit Baralong, dem eingeborenen Spurenleser, die als unbezwingbar geltende Kette der Blue Mountains überquert und sie, seine Abby, jenseits der Berge gefunden. Er würde auch jetzt wissen, was zu tun war, um sie aus dieser Todesgefahr zu retten!
Sie kroch aus ihrer Koje und tastete nach einem der Stützbalken, als ein Fausthieb sie vor die Brust traf. Dieser wuchtige Schlag aus der Dunkelheit warf sie zurück auf ihre Pritsche.
»Jetzt rechnen wir ab, Herzchen!«
Cleo!
Noch bevor Abby sich von dem brutalen Hieb ihrer Todfeindin erholen oder auch nur den Schreck verdauen konnte, warf Cleo sich schon auf sie und drückte sie mit ihrem massigen Körper nieder.
»Bist du verrückt geworden?«, stieß Abby mit mühsam unterdrückter Angst hervor, wusste sie doch, zu welchen Verbrechen diese durch und durch verdorbene Frau fähig war. »Wir müssen sehen, dass wir nach oben an Deck kommen, wenn wir nicht ersaufen wollen!«
»Ersaufen werden wir alle, Herzchen, aber du wirst dabei nicht Salzwasser, sondern dein eigenes Blut schmecken!«, drohte ihr Cleo hasserfüllt. »Ich habe lange genug auf diesen Moment gewartet und diese Scherbe auch all die Monate immer schön scharf gehalten.«
Im nächsten Augenblick spürte Abby die messerscharf geschliffene und zugespitzte Glasscherbe an ihrer Kehle. Sie roch den fauligen Atem, der Cleos Mund mit den verrotteten Zähnen entströmte. Und sie meinte sogar, trotz der Dunkelheit, die hässliche Hautflechte sehen zu können, die Cleos linke Gesichtshälfte entstellte. »Tu es nicht, um Megans willen!«, entfuhr es ihr.
Cleo lachte bösartig. »Megan wird dich diesmal nicht vor mir retten können, du Dreckstück! Und deine andere Busenfreundin, diese ausgezehrte Rachel, wird dir auch nicht zu Hilfe kommen. Es gibt jetzt bloß noch dich und mich. Oder hast du vergessen, dass die beiden sich in der Factory bei dem elenden Heiratsmarkt dem nächstbesten Hurensohn an den Hals gehängt haben?«
»Das stimmt nicht!«, begehrte Abby auf. »Rachel hat mit dem Fassbinder John Simon einen aufrechten Mann gefunden, der nur deshalb nach Australien verbannt worden ist, weil er aus Hunger im Fluss seiner Lordschaft gewildert hat. Für vier Forellen hat man ihn zum Sträfling gemacht und nach Australien verbannt. Und Megan hat mit dem Iren Tim O’Flathery einen nicht weniger rechtschaffenen Mann gefunden, dessen einziges Verbrechen es gewesen ist, Ire zu sein, und der daher sofort in den Verdacht geriet, mit den Aufständischen gemeinsame Sache gemacht zu haben!«
»Und wenn schon! Keiner von ihnen wird dir jetzt beistehen, Herzchen!«
»Andrew wird mich finden!«, widersprach Abby mit erstickter Stimme, während der Druck auf ihre Kehle immer stärker wurde. »Andrew wird mich immer rechtzeitig finden!«
Cleo lachte verächtlich. »Bilde dir bloß nichts darauf ein, dass du es geschafft hast, den Sohn eines freien Siedlers um deinen Finger zu wickeln und ihn dazu zu bringen, ein Flittchen wie dich zu heiraten.«
Abby rang verzweifelt nach Atem. Sie versuchte sich aufzubäumen. »Ich habe mir nie etwas zu Schulden kommen lassen. Man hat mich für den Taschendiebstahl eines anderen verurteilt! Ich bin unschuldig … und ich liebe Andrew!«
»Pah!« Cleo spuckte ihr ins Gesicht. »Ich hab jetzt genug von deinem einfältigen Geschwätz. Also dann, fahr zur Hölle, Abby Lynn!«
Im selben Augenblick splitterten hinter ihnen die Planken der Bordwand, zerfressen von Holzwürmern und zermürbt von unzähligen Sturzbrechern und Kreuzseen. Die eisigen Fluten schossen durch immer breiter werdende Lecks in das Sträflingsdeck. Das Wasser flutete unter tosendem Rauschen in die Dunkelheit und spritzte in alle Richtungen. Ein Schwall strömte Abby über das Gesicht.
In Todesangst und unter Aufbietung all ihrer Kräfte warf sie Cleo von sich, schlug wild um sich und schrie voller Verzweiflung: »Andrew! … Andrew!«
Zweites Kapitel

Ganz ruhig, ich bin ja hier, mein Liebling!« Kräftige Arme hoben sie auf, umschlossen sie behutsam und dann berührte eine Hand zärtlich ihr Gesicht.
Abby schlug die Augen auf. Verstört und noch ganz unter dem Bann des Albtraumes, blickte sie in das Gesicht ihres Mannes Andrew Chandler, der sie in seine Arme genommen hatte. Das Entsetzen gab sie frei und erlöst atmete sie auf.
»Gott sei Dank, du bist da!«, flüsterte sie mit zitternder Stimme. »Ich wusste, dass du kommen würdest.«
Andrew strich ihr das nasse Haar aus der Stirn. »Das muss ja ein böser Albtraum gewesen sein, so wie du geschrien und um dich geschlagen hast«, sagte er voller Mitgefühl. »Hast du wieder vom Überfall geträumt?«
Abby schüttelte schwach den Kopf. »Nein, ich habe nach langer Zeit wieder einmal von der schrecklichen Überfahrt auf der Kent geträumt … und von Cleo, die sich an mir rächen wollte.«
Erstaunen zeigte sich auf seinem Gesicht, hatte er doch geglaubt, dass diese schrecklichen Erinnerungen sie nicht länger verfolgten. Immerhin lag die Passage von England in die noch junge und überwiegend von Sträflingen besiedelte Kolonie New South Wales in Australien mittlerweile gute vier Jahre zurück. Aber seelische Wunden brauchten nun mal unvergleichlich viel mehr Zeit als physische, um vollständig zu heilen. Und wenn er bedachte, was Abby durchgemacht hatte, musste er sich eigentlich schämen, geglaubt zu haben, sie wäre schon darüber hinweg. Er selbst hatte die monatelange Seereise um die halbe Welt zusammen mit seinem Vater und seinen Geschwistern Melvin und Sarah als freie Siedler achtern in einer recht bequemen Kabine zurückgelegt und die Überfahrt dennoch als eine gehörige Strapaze empfunden. Was Abby dagegen im überfüllten Zwischendeck der Sträflinge in dieser Zeit hatte erdulden müssen, konnte er bloß vage erahnen, doch wohl niemals wirklich nachempfinden.
»Ich habe geträumt, die Kent würde in einem Sturm untergehen und ich wäre da unten im Sträflingsdeck eingeschlossen«, sagte Abby. »Der Traum war entsetzlich lebendig. Ich habe das Wasser gespürt und wirklich das Gefühl gehabt, keine Luft mehr zu bekommen.«
»Kein Wunder, denn das hast du ja auch nicht geträumt«, erwiderte Andrew mit dem Anflug eines Lächelns. »Du hast dich nämlich im Schlaf unter diesen tief hängenden Zweig des Busches hier gewälzt, sodass er dir auf die Kehle gedrückt hat. Und das Wasser, das du auf dem Gesicht gespürt hast, ist der Regen, der vor wenigen Minuten eingesetzt hat.«
Abby richtete sich auf. »Tatsächlich, es regnet! Und es ist ja auch schon fast heller Tag!«, rief sie überrascht. Der letzte Rest schläfriger Benommenheit wich nun von ihr, und als sie den Kopf wandte, erblickte sie Baralong, den eingeborenen Tracker. Der graubärtige Aborigine, der Andrew über die Blue Mountains und zu den Katajunga geführt hatte, hockte auf einem niedrigen Felsbrocken und blickte nach Osten, wo der Himmel zu leuchten begann. Mit dem löchrigen schwarzen Dreispitz auf dem Kopf und dem alten, zerschlissenen Soldatenrock am Leib machte er den Eindruck eines zerlumpten Eingeborenen, der sich selbst aufgegeben hatte und für nichts Rechtes mehr zu gebrauchen war. Wie sehr man sich doch täuschen konnte, wenn man einen Menschen allein nach seinem Äußeren beurteilte! Dass sie den Überfall der beiden entlaufenen Sträflinge im Busch überlebt und dass Andrew zu ihr gefunden hatte, verdankte sie solchen »Wilden« wie Baralong, Nangala und den Männern und Frauen vom Stamm der Katajuri und der Katajunga, die sich ihrer angenommen hatten. Ohne deren barmherzige Hilfe wäre ihr Schicksal im wilden Buschland am Saunder’s Creek besiegelt gewesen und sie wäre dort elendig verblutet.
Mehr als sechs Wochen lag das nun schon zurück! Sechs schrecklich lange Wochen, die sie in der Wildnis und zumeist unter Aborigines verbracht hatte. Wie sehr sie sich danach sehnte, wieder auf Yulara am Hawkesbury River zu sein, in einem richtigen Bett zu schlafen und all die vertrauten Gesichter der Männer und Frauen wieder zu sehen, die auf der Chandler-Farm lebten!
»Was meinst du, wie lange werden wir wohl noch unterwegs sein, nachdem wir die Blue Mountains jetzt endlich hinter uns gebracht haben?«, fragte sie.
Andrews Blick glitt über das kleine Tal, das zu den östlichen Ausläufern der Blue Mountains gehörte und in dem sie im Schutz einer buschbestandenen Senke ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten. »Das Schlimmste haben wir schon überstanden. Die Vorberge lassen wir heute hinter uns und ich schätze, dass wir die Upper Nelson Plains noch zu sehen bekommen, bevor es Abend wird.«
»Dann haben wir also noch gute drei Tage Fußmarsch bis Yulara vor uns?«, vergewisserte sich Abby.
Er nickte. »Ja, mehr dürften es nicht sein.«
Sie seufzte. »Das ist auch mehr als genug.«
Andrew nahm ihre Hand und drückte sie. »Ich weiß, wie müde du nach diesem wochenlangen Marsch durch den Busch und über die Berge bist. Auch ich wünschte, wir wären endlich wieder zu Hause.«
Er dachte daran, um wie viel einfacher es doch gewesen wäre, wenn er vor drei Wochen auf Baralong gehört und vor dem steilen Anstieg in die zerklüfteten Berge der Blue Mountains seine beiden Pferde Dellie und Nestor in jenem Tal zurückgelassen hätte. Dann hätte er sie bei ihrer Rückkehr sicherlich wieder einfangen und Abby ein Gutteil der Strapazen ersparen können. So hatten die beiden Pferde bei einem Erdrutsch den Tod gefunden und er konnte von Glück reden, dass er nicht mit ihnen in die Tiefe gerissen worden war.
»Aber diese letzten paar Tage werden wir jetzt auch noch schaffen«, sagte er. »Vielleicht haben wir ja Glück und stoßen auf ein Fuhrwerk, das in Richtung Hawkesbury River unterwegs ist und uns mitnehmen kann.«
Abby warf ihm einen skeptischen Blick zu. Jenseits von Sydney und der Siedlung Parramatta, die nur wenige Meilen weiter landeinwärts lag und als zweitgrößte Ortschaft der gerade mal zwanzig Jahre jungen Kolonie es schon zu einer recht ansehnlichen Ausdehnung gebracht hatte, begann die große Leere und Einsamkeit des australischen Buschlandes. Zwar hatten sich mittlerweile schon viele Emanzipisten – so wurden einstige Sträflinge genannt, die entweder begnadigt worden waren oder ihre Strafe verbüßt hatten – sowie eine langsam wachsende Zahl von freien Siedlern im Hinterland niedergelassen, Land gerodet und dem sonnendurchglühten Busch Farmen abgetrotzt. Aber die wenigen großen Gehöfte und die vielen kleinen, armseligen Siedlerhütten lagen doch weit auseinander. Es war daher auch nichts Ungewöhnliches, ein oder gar zwei Stunden zu Pferd oder mit dem Wagen unterwegs zu sein, um zum nächsten Nachbarn zu kommen. Bei der Weite des Landes und der noch immer spärlichen Besiedlung der Kolonie begegnete man daher auf den staubigen Landstraßen, die zumeist nur aus den Spurrillen schwerer Ochsengespanne bestanden, recht selten Reitern und Fuhrwerken.
»Ich fürchte, wir werden uns auf unsere eigenen Kräfte verlassen müssen«, sagte Abby, die sich erst gar keine falschen Hoffnungen machen wollte. Und natürlich würden sie die letzte Wegstrecke auch noch schaffen. Was waren denn drei Tage Fußmarsch durch den Busch? Sie hatte schon ganz anderes überstanden. Außerdem war Andrew bei ihr. Und solange sie zusammen waren, fürchtete sie keine Macht der Welt!

Drittes Kapitel

Baralong erhob sich von seinem felsigen Sitzplatz und kam zu ihnen. Er zog aus seinem Beutel aus Opossumfell eine Schale aus Baumborke hervor, die den letzten Rest ihres Proviantes enthielt.
»Ah, das vertraute Tracker-Frühstück! Das köstliche Gemisch aus Wurzelbrei, Beeren und Würmern! Da läuft mir ja wieder das Wasser im Mund zusammen!«, sagte Andrew spöttisch. »Du hast dich mal wieder selbst übertroffen, Baralong.«
Der eingeborene Spurenleser verzog keine Miene. »Busch-Tucker hält Gubba Andrew und Gubba Abby bei Kräften«, antwortete er gelassen. Gubba, was in der Sprache der Aborigines »Geist der Toten« bedeutete, war seit Ankunft der ersten Europäer das gebräuchliche Wort für jeden Weißen. Baralong teilte das Essen in drei gleich große Portionen auf. Zu Beginn ihres Marsches zu dritt, der vor zwei Wochen auf der anderen Seite der Blue Mountains begonnen hatte, hatte er Abby noch eine größere Portion zuteilen wollen. Sie hatte jedoch darauf bestanden, dass Wasser und Proviant zu gleichen Teilen unter ihnen aufgeteilt wurden.
Der Regen ließ nach und hörte schließlich ganz auf, während sie die breiige Masse aßen, die nach Nuss schmeckte. Anschließend gönnten sie sich jeder einen guten Schluck aus dem Wasserschlauch aus Ziegenleder, den Andrew über der Schulter trug. Er füllte ihn sofort wieder auf, denn ganz in ihrer Nähe befand sich eine kleine, frische Quelle.
Abby sprang plötzlich auf und lief hinter ein Gebüsch.
»Was ist?«, rief Andrew erschrocken und folgte ihr rasch.
Sie wandte ihm den Rücken zu und beugte sich nach vorn, während sie mit einer Hand abwinkte und ihm bedeutete, nicht näher zu kommen. »Es ist nichts Schlimmes, mir ist nur auf einmal so übel«, antwortete sie gepresst und musste sich im nächsten Moment schon übergeben.
»Kein Wunder, dass dir schlecht ist«, murmelte Andrew bedrückt. »Ich will ja wirklich nichts auf Baralong kommen lassen, aber manchmal muss auch ich ordentlich würgen, damit mir dieser Fraß nicht wieder hochkommt.«
Nachdem Abby alles erbrochen, sich an der Quelle den Mund ausgespült und das Gesicht gewaschen hatte, verflüchtigte sich das Übelkeitsgefühl wieder.
Baralong bedachte sie mit einem langen, prüfenden Blick, sagte jedoch nichts, sondern ergriff seinen langen Speer, was das Zeichen zum Aufbruch war.
So zermürbt und ausgelaugt Abby und Andrew sich nach den Wochen in der Wildnis auch fühlten, so fanden sie doch bald wieder in den gewohnten Marschrhythmus hinein. Der Himmel wurde hell und mit dem Aufstieg der Sonne verwandelte sich das fahle Grau der Morgendämmerung rasch in das klare und grenzenlos tiefe Blau, das den australischen Himmel die meiste Zeit des Jahres kennzeichnete. Und mit dem strahlenden Blau würde bald auch die Hitze kommen, wie eine Springflut über das Land hinwegfluten und die Luft schon am frühen Vormittag flirren lassen. Es war inzwischen Mitte November geworden und das bedeutete unter dem Kreuz des Südens, dass der Sommer mit seiner Hitzeglut die Herrschaft angetreten hatte.
Sie redeten nicht viel, sondern sparten ihre Kraft, um die letzten Vorberge der Blue Mountains in den ersten, noch vergleichsweise kühlen Morgenstunden hinter sich zu bringen.
Jeder hing seinen Gedanken nach, während sie Baralong folgten, der ein untrügliches Auge für den besten Weg hatte. Andrew grübelte wieder einmal darüber nach, in welche Richtung sich die verfahrene politische Lage in der Kolonie wohl entwickeln mochte.
Das korrupte New South Wales Corps, von den Kolonisten und Sträflingen bezeichnenderweise auch verächtlich Rum Corps genannt, hatte am 26. Januar, dem zwanzigsten Jahrestag der Gründung der Kolonie, gegen die straffe Hand von Gouverneur Bligh gemeutert. Die Offiziere der Rotröcke, die schon seit vielen Jahren die Kolonie mit ihren profitablen Rumgeschäften ausbeuteten und sich bisher von keinem Gouverneur in ihre Schranken hatten weisen lassen, hatten Bligh in einem Akt von offener Rebellion verhaftet und unter Hausarrest gestellt.
Die Drahtzieher, von denen einige beachtlichen Einfluss in London besaßen, rechneten wohl damit, dass sie für ihre Meuterei nicht bestraft würden. Und das war für Andrew ein überaus beunruhigender Gedanke. Denn seine Familie, die Chandlers von Yulara, war mit diesen mächtigen Offizieren mehr als einmal heftig aneinander geraten. Da hatte es sehr viel böses Blut zwischen den korrupten Offizieren und seinem Vater und vor allem seinem drei Jahre älteren Bruder Melvin gegeben, da die beiden schon vor dem Umsturz die Partei von Gouverneur Bligh ergriffen und aus ihrer Unterstützung auch keinen Hehl gemacht hatten.
Bligh war mit der erklärten Absicht nach New South Wales gekommen, die Macht des Rum Corps endlich zu brechen und wieder für Recht und Ordnung in der Kolonie zu sorgen. Damit war er gescheitert, denn er hatte nicht damit gerechnet, dass das Rum Corps sogar vor offener Meuterei nicht zurückschrecken würde. Seitdem litten auch sie, die Chandlers von Yulara, unter der Willkür und der Rachsucht der goldbetressten Rotröcke, die ihre Macht nun mehr denn je auskosteten und sie insbesondere ihre Widersacher spüren ließen. Und bis im fernen London, das schon bei günstigen Winden eine Seereise von fast einem halben Jahr entfernt lag, sich die widerstreitenden Parteien auf eine Reaktion geeinigt und einen neuen Gouverneur oder gar Truppen geschickt hatten, die das Rum Corps entmachteten, bis dahin konnten noch viele Monate vergehen. Vielleicht hielt sich die mächtige und finanzstarke Offiziersclique, die ihre Karten in London bestimmt geschickt auszuspielen wusste, sogar noch ein Jahr und länger. Ein mehr als bedrückender Gedanke!
Auch Abby beschäftigte sich mit dieser Sorge, zumal sie nun nicht mehr hoffen konnte, dass die jetzigen Machthaber dem Begnadigungsgesuch, das ihr Schwiegervater für sie eingereicht hatte, stattgeben würden. Obwohl mit einem freien Siedler verheiratet, würde sie also weiterhin als Sträfling gelten und damit ohne jede Rechte sein. Ihre Strafe, sieben Jahre Verbannung, würde sie erst im Sommer des Jahres 1811 verbüßt haben. Bis dahin konnten die Machthaber der Strafkolonie zu jeder Zeit in ihr Leben eingreifen und sie fast nach Gutdünken schikanieren.

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