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Abbitte
 
 
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Abbitte [Taschenbuch]

Ian McEwan , Bernhard Robben
4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (77 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Träumt sie, oder steigt ihre ältere Schwester Cecilia, nur mit dem Unterrock bekleidet, vor Robbie Turners Augen in den Brunnen? Welch geheimer Zauber spielt sich zwischen den beiden ab? Was Briony Tallis an diesem glühenden Nachmittag des Jahres 1935 zu sehen bekommt, macht ihre kindliche Märchenwelt auf einen Schlag zunichte. Vergessen, die "Heimsuchungen Arabellas", ihr gerade angefertigtes Theaterstück, das zu Ehren des heimkehrenden Bruders Leon beim abendlichen Dinner zur Aufführung kommen sollte. Von nun an würde das Leben selbst ihr die Stücke in die Feder diktieren. Das Leben jedoch hat weitaus finsterere Pläne.

Sagen und Heldenepen: Stoff, an dem sich die Fantasie der 13-Jährigen stets auf's Neue entzündete. Grafen, Ritter und entführte Jungfrauen waren das ewig gleich bleibende Personal der naiven Dramolette, mit denen die feinnervige Briony ihren Weltschmerz in klapprigen Versen inszenierte. Vorbei! Soll die Besetzung des Premierenabends, Brionys Vettern aus dem Norden, die neunjährigen quengelnden Zwillinge Jackson und Pierrot und ihre kokette Kusine Lola, ruhig jammern. Briony Tallis ist bereit, nichts Geringeres als den literarischen Olymp zu erklimmen!

Mit seinem neunten Buch hat Ian McEwan sich endgültig in den Rang eines Somerset Maugham katapultiert. Tückisch harmlos beginnend, frisst sich das Unheil langsam wie ein Schwelbrand in den Leser hinein. Die sommerlich flirrende Hitze auf dem englischen Landsitz. Eine irrlichternd umherschnüffelnde Briony. Die an Migräne leidende, ans Bett gefesselte Mutter. Der abendliche Gast, ein schnöseliger Schokoladenbaron. Cecilia und Lola, ahnungslos in ihrem sexuellen Erwachen. Schließlich der erotisch aufgeladene Sohn der Haushälterin, Robbie Turner, zweite Hauptfigur dieses erhitzten Tableaus. Das Dinner rückt näher. Und mit ihm die sich ankündigende Katastrophe. Am späten Abend jenes Junitages im Jahre 1935 wird das Leben dreier Anwesender gründlich zerstört sein.

Am Beispiel der überbordenden Vorstellungskraft eines schriftstellerisch begabten Mädchens, das eine lebenslange Schuld auf sich lädt, hinterfragt McEwan raffiniert auch die eigene literarische Verantwortlichkeit. Seine gewaltige Bilderflut, ein vor Sprachgewalt berstender Lebensbogen lassen uns staunend und immens bereichert zurück: welch großartiges Buch! --Ravi Unger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Amazon.de Hörbuch-Rezension

Die 13-jährige Briony Tallis hat sicher viele Talente. Eins davon ist ihre rege Fantasie. Ein Theaterstück will das junge Mädchen inszenieren im Landhaus der Familie, in jenem heißen Sommer 1935, der die Gemüter und Gefühle aller so sehr erhitzt. Warum sonst sollte sich Brionys Schwester Cecilia am Brunnen mit Robbie treffen und derart merkwürdige Dinge tun? Warum benutzt Robbie ein derart unflätiges Wort? Und was ist da am Abend Schreckliches im Garten geschehen? So schreibt das Schicksal ein ganz anderes Drama in Ian McEwans Abbitte, in dem Briony mit ihrer großen Fantasie eine eher tragische Rolle spielt. Denn sie deutet die Situation völlig falsch und zerstört durch eine Anklage gleich mehrere Menschenleben. Als Briony bereits eine erfolgreiche Schriftstellerin geworden ist und begreift, wie falsch ihre Anschuldigungen gewesen sind, ist es bereits zu spät.

In teils unerträglich gedehnter Langsamkeit erzählte McEwan in seinem Bestseller von der Reue seiner Protagonisten, und ließ so die flirrende Atmosphäre der Zeit und des Geschehens vor den Augen seiner Leser auferstehen. Das Tempo hat Regisseur Andreas Horchler in seiner gekürzten Hörbuchfassung zum Glück etwas erhöht, von der bedrohlichen Schwüle des Plots aber -- ebenfalls zum Glück! -- nichts genommen. Vor allem der Stimme Barbara Auers ist es zu verdanken, dass Abbitte auch als Hörbuch ein unvergleichliches Vergnügen geworden ist. --Stefan Kellerer

Gekürzte Hörfassung, 6 CDs, Laufzeit ca. 420 Minuten. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Der Spiegel

Wie ein Kübel Eiswasser
Bevor Ian McEwan „Abbitte“ veröffentlichte, galt er in der zeitgenössischen englischen Literatur als Meister für Verworfenheit und menschliche Abgründe. Erstaunlich, dass ihm da noch ein Roman gelingen konnte, der die Schrecken seiner vorangegangenen Bücher in den Schatten stellt.

„Abbitte“ erwischt seine Leser mit einer kalten Wucht. Obwohl die erste Hälfte des Buches an einem phantastisch heißen Sommertag spielt, an dem eine Hitze herrscht, wie man sie eigentlich nur noch aus Kindheitstagen erinnert oder wie sie eben in Romanen beschworen wird, ist hier ¬alles von Kälte und Grausamkeit grundiert. Nur kommen sie auf den ersten Blick ganz anmutig daher, in Gestalt eines dreizehnjährigen Mädchens.

Durch seine ersten Kurzgeschichtenbände und durch den Roman „Der Zementgarten“ (1978) war McEwan berühmt für Teenagerfiguren, die sich auf der Grenze bewegen zwischen Naivität und der manchmal brutalen Unschuld eines Kindes einerseits und der explodierenden Sehnsucht nach Sex andererseits.

Da gibt es die vier Geschwister im „Zementgarten“, von denen der eine Bruder just in jenem Moment seinen ersten Samenerguss erlebt, in dem sein Vater an einem Herzinfarkt stirbt. Die krebskranke Mutter wird nach ihrem Tod von den Kindern im Keller einzementiert. Aus den Doktorspielen der auf sich gestellten Geschwister entwickelt sich bald eine hemmungslos inzestuöse Liebe.

Es ist faszinierend, wie gut es McEwan schon in seinen frühen Werken gelingt, Alltägliches mit Abnormem, Liebe¬volles mit Grausamem zu verweben. Dabei seziert er die Seelen und Charaktere seiner Figuren, ohne sie jemals preiszugeben, im Gegenteil, McEwans Bücher galten vor allem deshalb als skandalös, weil sie ohne jegliche moralische Wer¬tung in den Keller menschlicher Gefühle führten.

In seinen Kurzgeschichtenbänden „Erste Liebe, letzte Riten“ (1975) und „Zwischen den Laken“ (1978) erzählt er beispielsweise von einem Siebzehnjährigen, der von seiner Mutter noch wie ein Kleinkind umsorgt wird und in einem Schrank lebt, weil er sich nur in engen, dunklen Räumen geborgen fühlt; von zwei jungen Krankenschwestern, die aus Rache ihren gemeinsamen Liebhaber kastrieren wollen; von einem Schimpansen, der vom Haustier zum Geliebten aufsteigt – Sodomie, Inzest, Fetischismus, Sadismus, Masochismus, es gibt Weniges aus dem Arsenal der Psychoanalyse, das bei McEwan nicht auftaucht.

In seinen nächsten Büchern, und er hat bis heute neben den Erzählungen insgesamt neun Romane veröffentlicht, ¬ka¬men Politik und Gesellschaftsanalyse hinzu, aber in „Abbitte“ mit seiner jungen Heldin Briony kehrt er noch einmal zu dem wichtigsten Motiv seiner früheren Bücher zurück, zum Monster Pubertät. Hier liegt die Wurzel für alle Zerstörungen, die sich in diesem Roman ereignen.

Der erste Teil von „Abbitte“ erinnert an englische Romane aus dem späten 18. Jahrhundert. Die Familie Tallis hat sich an einem Sommertag auf dem Landgut der Familie versammelt. Da sind die migränegeplagte Mutter; die fast erwachsene Tochter Cecilia, die in Cambridge Literatur studiert hat, und ihr etwas fader Bruder; da ist Robbie, der Sohn einer Bediensteten, der aber in einem engen Verhältnis zur Familie steht, und ein reicher, aber stilloser Freund und Fabrikant aus London. Es gibt noch einige Personen mehr und eben Briony, die jüngste Tochter der Familie, eine überspannte Dreizehnjährige, die sich nichts sehnlicher wünscht, als eine große Schriftstellerin zu sein.

Aber nicht nur das Personal, auch Ton und Stil dieser Ge¬schichte aus den späten dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts erinnern an berühmte Vorbilder aus der englischen Literaturgeschichte:
„Endlich hatte sie ihr Werk vollendet und trat einen Schritt zurück. Der Freund ihres Bruders würde jetzt bestimmt glauben, dass man die Blumen mit der gleichen Unbekümmertheit, mit der sie gepflückt worden waren, auch in die Vase gestellt hatte. Sie wußte, es brachte nichts, Blumen zu ordnen, wenn noch kein Wasser in der Vase war, aber was machte das schon? Sie konnte einfach nicht anders, und nicht alles, was Menschen taten, war logisch und korrekt, vor allem dann nicht, wenn sie allein waren.“

Dieser Absatz aus dem zweiten Kapitel hätte auch bei Jane Austen stehen können, und nicht zufällig hat McEwan dem Roman ein Zitat dieser Autorin vorangestellt. „Abbitte“ ist auch ein postmodernes literarisches Meisterwerk, das Versatzstücke der englischen Literaturgeschichte mit der Frage verwebt: Wie entsteht Literatur?

Im ersten Teil gibt es präzis gesetzte Querverweise auf den Briefroman „Clarissa“ von Samuel Richardson und auf dessen Zeitgenossen Henry Fielding. Diese Bezüge bilden den Auftakt zur ersten großen Schlüsselszene dieses Teils, in der sich Cecilia und Robbie am Brunnen treffen. Sie will dort eine Vase mit Wasser füllen, er sucht ihre Gesellschaft. Beide spüren bei dieser Begegnung, dass sich an ihrer Kindheitsfreundschaft etwas verändert hat. Ohne noch zu wissen, was es ist, fragt er sie: „Und wie ist ‚Clarissa’?“ „Langweilig.“ „So was sagt man doch nicht.“ „Wenn sie bloß endlich einen Zahn zulegen würde“ „Tut sie schon noch. Und dann wird’s besser.“

Schon dieser kleine Ausschnitt belegt, mit welcher schriftstellerischen Perfektion „Abbitte“ konstruiert ist, denn an dieser Stelle der Erzählung legt auch McEwan einen Zahn zu. Einen entscheidenden.

Cecilia hält die Vase über den Brunnenrand, Robbie will ihr helfen, die Vase zerbricht. Daraufhin bekommt Cecilia einen Wutanfall, bei dem sie Rock und Bluse auszieht, in Unterwäsche in den Brunnen steigt, um die Scherben herauszufischen. Ein Wutanfall, der alles entblößt: ihren Körper, ihr Gefühl für Robbie, ihre Ahnungslosigkeit über ihr eigenes Verliebtsein.

Hier tritt Briony auf den Plan, die schon alle mit ihrem ehrgeizigen, eitlen Theaterstück gequält hat. Die Dreizehnjährige steht am Fenster, nah genug, um die Szene verfolgen zu können, aber zu weit entfernt, um etwas Genaues zu erkennen. Und so zündeln ihre pubertierende Mädchenphantasie und ihr Literatinnenehrgeiz. In diesem Moment scheint die in der Lethargie des heißen Tages angestaute Gereiztheit förmlich zu explodieren.

Die nächste Szene, die McEwan wie einen Kübel Eiswasser in die überhitzte Atmosphäre seiner Erzählung kippt, ist ein einzelner Satz: „In meinen Träumen küsse ich Deine Möse, Deine süße, feuchte Möse.“ Um seiner Sehnsucht Erleichterung zu verschaffen, hat Robbie diese Worte auf ein Papier getippt, als er versuchte, einen formvollendeten Entschuldigungsbrief wegen der zerbrochenen Vase an Cecilia zu schreiben.

Er wird die Briefe verwechseln, und die neugierige Bri¬ony liest beim Überbringen des Briefs das Wort Möse, gleich zweimal. Briefroman trifft auf ein pornografisches Slangwort; großartig gemacht.

Die zweite große Schlüsselszene ist die Begegnung zwischen Robbie und Cecilia in der Bibliothek, und es ist eine der schönsten, tiefsten Liebesszenen, die geschrieben wurden. Auf wenigen Seiten erzählt McEwan, wie sich die Kindheitsfreundschaft der beiden in ein Gefühl verwandelt, das ein Leben lang halten wird, wie sie sich fremd werden müssen, um sich begehren und sich als Mann und Frau begegnen zu können.

„Abbitte“ ist auch eine große Liebesgeschichte. McEwan spielt mit der Sehnsucht seiner Leser nach einem romanti¬schen Happyend, wie nur ein großer Schriftsteller das kann, denn das ungetrübte Glück, von dem man träumt, wenn man von einem Happyend träumt, gibt es so eben nur in der Literatur (oder im Kino). Deshalb hat Literatur Macht, sie kann Wünsche erfüllen, für die das Leben zu kompliziert ist.

Um diese Macht geht es im Kern von „Abbitte“. Denn als Briony ihre Phantasie, die an diesem Tag mit Bildern gefüttert wurde, auf die sie im Traum nicht gekommen wäre – die fast nackte Cecilia im Brunnen, Robbie und Cecilia, ans Bücherregal in der Bibliothek gestützt, fickend –, als sie diese Phantasie zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich spielen lässt und eine Geschichte erfindet, die Leben zerstören wird, da wird aus der kindlichen Autorin die Schriftstellerin.

Die Katastrophe, die sie anrichtet, als sie Robbie fälschlicherweise als Vergewaltiger beschuldigt, und der Taumel, die Macht über eine Geschichte zu haben, fallen für Bri¬ony in diesem einen Moment zusammen. Halb glaubt sie an ihre ausgedachte Version des Verbrechens, halb steigert sie sich hinein. Vielleicht ist nur eine größenwahnsinnige Dreizehnjährige zu einem solchen Schritt in der Lage. Jedenfalls spricht Briony die machtvolle Lüge ohne jede Scham aus. Und McEwan stellt an dieser Stelle im Roman zum ersten Mal die stumme Frage nach der Moral des Imaginierens.

Mit ihrer kindlichen Sehnsucht nach einem Sujet, das des Erzählens würdig ist, löst sie ein Lebensdrama aus und bürdet sich eine Schuld auf, von der sie ein Leben lang nicht mehr loskommen wird. Erst im Epilog, der über fünfzig Jahre später im Jahr 1999 in London spielt, löst McEwan das Geflecht von Unglück und moralischer Verantwortungs¬lo¬sigkeit, von wachsender Scham und schriftstellerischen Ambitionen mit einem literarischen Hackentrick auf. Er weist Briony als ¬Autorin dieses Buches aus und macht den Roman, den der Leser noch in den Händen hält, zu ihrer großen Lebensabbitte. Mit der Macht der Schriftstellerin ausgestattet, entwirft sie für Cecilia und Robbie ein Happy¬end. Das alles wiederum bleibt aber eine Geschichte von McEwan. Eine zugegebenermaßen komplizierte.

Der erste Teil des Buches endet temperatur- und stimmungsmäßig am kühlsten Punkt dieses schicksalhaften Som¬mertages, im Nebel der Nacht. Robbie wird von der Polizei für eine Vergewaltigung abgeführt, die er nicht begangen hat, Cecilia wird mit ihrer Familie brechen, und Briony hat ihrem Leben ein Brandzeichen aufgedrückt. Erst einige Jahre später, als Achtzehnjährige, als die Pubertät endlich hinter ihr liegt, beginnt Briony ihre Schuld zu spüren.

Der zweite Teil des Romans erzählt vom Krieg. Um einen Teil seiner Gefängnisstrafe zu umgehen, hat sich Robbie zur Armee gemeldet und in Frankreich gekämpft. Die von den Deutschen besiegten Truppen befinden sich auf dem Rückzug nach Dünkirchen.

Während McEwan im ersten Teil die Seelen seiner Pro¬ta¬gonisten auseinander genommen und ihr Unbewusstes frei¬gelegt hat, indem er ihnen durch geschickte Perspektiv¬wechsel von verschiedenen Seiten zu Leibe rückte, stehen im Mittelpunkt des zweiten Teils vom Krieg zerstörte Leiber und reales körperliches Leiden. Vor dem Ausmaß dieses Gemetzels wird das Drama deutlich, dem Robbie durch Briony ausgeliefert wurde.

Es ist fulminant, wie McEwan den Rückzug der englischen Armee schildert, es ist allerdings auch sehr ausschweifend erzählt, die literarische Brillanz steht in diesem Teil auf eine eigentümlich aufdringliche Weise im Vordergrund.

Wirklich spannend wird es wieder im dritten Teil, als die Handlung zu Briony zurückkehrt. Sie ist die Heldin dieses Romans, weil sie sich als Einzige wandeln muss. Aus der selbstsüchtigen Göre wird ein Mensch, der um Entschuldi¬gung bittet. McEwan orientiert sich da am christlichen Bußprozess. Auf die Scham folgt die Beichte, die Briony in jener Szene ablegt, in der sie Cecilia und Robbie in den letzten Monaten des Krieges in London besucht und ihnen vom tatsächlichen Tathergang in jener Sommernacht berichtet. Erst an dieser Stelle gesteht sie, dass sie die ganze Wahrheit immer gewusst hat und nennt den Namen des tatsächlichen Vergewaltigers. Ihre Buße leistet sie als Krankenschwester. Wie Cecilia pflegt sie in einem Londoner Lazarett Kriegsverletzte, aber im Gegensatz zu ihrer Schwester muss sie dafür auf Cam¬bridge verzichten. Auch hier schockieren die Schilderungen der Verletzten mit ihren aufgeplatzten Schädeln und den weiß schimmernden Gehirnen. Es ist, als ob die Organe Aus¬kunft geben sollten über das unerklärliche Wesen des Menschen.

„Wir sind nur Tiere mit Kleidern, die ganz merkwürdige Sachen machen, wie Affen auf einer Teegesellschaft“, hat McEwan einmal gesagt. In „Abbitte“ nähert er sich dem letztlich Unergründbaren, das der Nährboden aller Literatur ist, nicht nur als Psychologe, sondern auch als eine Art Chirurg. Seine Meisterschaft liegt darin, dass er seine intellektuellen Volten über das Wesen des Menschen und das der Literatur in einen wunderbar zu lesenden klassisch englischen Roman gefasst hat.

Nachwort von Claudia Voigt zu Abbitte. SPIEGEL-Edition Band 9 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Perlentaucher.de


Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2002
"Souveräner, sprachmächtiger und fesselnder denn je" widmet sich McEwan der begeisterten Rezensentin Felicitas von Lovenberg zufolge in seinem neuen Roman seinen "alten, großen Themen" Liebe und Trennung, Unschuld und Selbsterkenntnis und dem Verstreichen von Zeit. Es spreche für den Roman, dass sich kaum über seine Handlung schreiben lasse, ohne zuviel zu verraten, bekennt die Rezensentin. Was sie dann doch über Handlung und Hauptfigur wissen lässt, lässt auf eine ebenso spannende wie an Dramatik und tragischer Verwicklung reiche Komposition des als "Bildungsroman" bezeichneten Buches schließen. Mit charakteristischer Genauigkeit schildere McEwan die Personen, das Haus und die sich dort anbahnenden Ereignisse und sie erwischen die Rezensentin nach eigenem Bekunden kalt. Auch die Sprache des Autors wird hochgelobt. Die Sätze kämen ohne demonstratives Muskelspiel aus und entfalteten eine Sog, dem sie sich kaum entziehen konnte. Auch wird der Roman als "Hymne an die englische Literatur" beschrieben, der McEwan hier noch deutlicher als früher seine Referenz erweise. Besonders von Virginia Woolf und Jane Austen habe er sich inspirieren lassen, schreibt die Rezensentin. Auch die Übersetzung wird gepriesen, die das graziöse Englisch in elegantes Deutsch übertragen habe.

© Perlentaucher Medien GmbH

Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 18.09.2002
Lothar Müller lässt keinen Zweifel an seinem Urteil: dieser Roman ist ein "großer Wurf", schwärmt er, und er erklärt zugleich, dass es sich dabei um ein "Plädoyer für den Roman" handelt. Während in der Kunst seit dem 20. Jahrhundert häufig versucht werde, gattungsüberschreitend zu wirken, wolle dieser Roman nichts weiter sein als ein Roman, so der Rezensent angetan. Der schottische Autor habe sich dabei englische Romantraditionen von Austen, Fielding und Richardson zum Vorbild genommen, merkt Müller an, der im dritten Teil des Buches allerdings die Auflösung der Romanform konstatiert. Schon der geschlossene Schauplatz des Landhauses der Familie Tallis, an dem der erste Teil des Romans spielt, erinnert ihn an die Geschichten von Jane Austen, und wie bei ihr findet der Rezensent auch hier den "detektivischen Blick" auf ein Liebespaar. Erst am Ende werde dem Leser klar, dass es sich beim vorliegenden Werk um den ersten Roman der Protagonistin Briony Tallis handelt, die darin eine Verfehlung ihrer Jugend verarbeitet, die für Menschen ihrer nächsten Umgebung schicksalhaft gewesen sei und sie selbst zur Schriftstellerin geformt habe. In einem Nebensatz hat der Rezensent dann noch ein Lob für den Übersetzer übrig, den er als "kongenial" rühmt.

© Perlentaucher Medien GmbH

Buchnotiz zu : Die Zeit, 19.09.2002
Als "tiefenpsychologisches Meisterwerk" beurteilt Evelyn Finger in ihrer Besprechung - dem Aufmacher der Literaturseiten - den neuen McEwan-Roman: ein Buch "über die Literatur", das "gleichzeitig ein Roman über den Menschen ist". Aus einer simplen Schwesterngeschichte macht der "grandiose Stilist" hier "Welttheater", schreibt sie, und das geht so: die 23-jährige Celia wird von ihrer 13-jährigen Schwester Bryony beim unstandesgemäßen Liebesakt in der Bibliothek des Landsitzes ihrer Eltern erwischt; die nachfolgenden Intrigen, die der überhitzten "Fantasie eines erregten Teenagers" entspringen, stürzt die beiden Liebenden ins Unglück. Der Clou der Sache sind jedoch nicht die daraus folgenden Irrungen und Wirrungen, sondern Bryonys Wille zur Dichtung, denn tatsächlich fragt dieses Buch, so Finger, "nach der Moral des Schreibens... als besonders heikle Form sittlichen Handelns betrachtet". Während der zweite Teil des Romans, der hier "abrupt auseinanderbricht", sich auf die Ebene des Weltgeschehens begibt - durch Verlegung der Handlung auf die Schlachtfelder und in die Lazarette des Ersten Weltkrieges - wird der Beginn, ein "Glanzstück dichterischer Liebeskunst", so Finger, im dritten Teil grandios gespiegelt durch ein "Kammerspiel" des Wiedersehens. Evelyn Finger ist hingerissen von allem: von den literarischen Anspielungen auf Eugene O’Neill oder W.H. Auden, die sie entdeckt hat ebenso wie der Darstellung von "Literatur und Liebe" als heikelster Form der "Sinngebung", in der das Lügen nicht nur Trost ist, sondern sich als höhere Wahrheit behauptet.

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Buchnotiz zu : Die Tageszeitung, 24.09.2002
Altmodisch, wie einige Kritiker es genannt haben, findet Susanne Messmer dieses Buch überhaupt nicht. Vielmehr ist der Autor ihrer Meinung nach "endlich" zurückgekehrt zu seinem, wie sie findet, "großen Thema, zum neurotischen Kern der Liebe". Messmer ist fasziniert von der Sprachkraft des Schriftstellers, vor allem "wenn es um Körper geht", ob in der alles bestimmenden Liebesszene zwischen Cecilia und Robbie des Anfangs oder um "zerlöcherte und zerstückelte Soldaten", die von den Schwestern Cecilia und Briony gepflegt werden. Ein anderes wichtiges Moment ist für die Rezensentin das Motiv der Geschwisterliebe, das sie als "Kraftfeld des Romans" ausmacht. Die sowohl Klassenschranken überwindende als auch das Inzesttabu berührende Liebe zwischen Cecilia und Robbie hat sie an den frühen Roman "Zementgarten" von McEwan erinnert. Die Bedeutung dieses Schriftstellers sieht sie daher auch darin, wie "mitreißend" er die "beängstigende Macht der Jugend" gestaltet, nämlich "Wirklichkeiten zu schaffen, die stärker sind als die der Erwachsenen".

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-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Kurzbeschreibung

An einem heißen Tag im Sommer 1935 spielt die 13-jährige Briony Tallis Schicksal und verändert dadurch für immer das Leben dreier Menschen.
Ein Roman über Leidenschaft und die Macht des Unbewussten, über Reue und die Schwierigkeiten der Vergebung.

Über den Autor

Ian McEwan, geboren 1948, lebt in London. Schon seine ersten Erzählungen wurden 1976 mit dem Somerset-Maugham-Award ausgezeichnet. 1999 erhielt er den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für das Gesamtwerk und 2011 wurde er mit dem Jerusalem Preis für Literatur ausgezeichnet. Ian McEwan ist Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences.Bernhard Robben, Jg. 1955, war nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie als Deutschlehrer in Nordirland tätig. Seit 1986 arbeitet der Spezialist für irische und angelsächsische Literatur als freier Übersetzer und Journalist. Nebenbei ist er ehrenamtlicher Bürgermeister von Brunne, wo er seit 1992 mit seiner Familie lebt.
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